Ausgabe 
(8.9.1896) 75
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1896.

Augsburger PostMung".

Mnstag, den 8. September

Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbefitzer vr. Max Huttlcr).

Ein furchtbares Geheimniß.

Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary AgnesFlemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch.

(Fortsetzung.)

20. Kapitel.

In Paplar Lodge.

Eine halbe Stunde verging und Sir Victor kehrtenicht zurück. Edith spielte düstere Melodien. Endlicherhob sie sich und trat an's Fenster.

Was mochte das Telegramm enthalten haben? Sieblickte hinaus. Der Wind heulte durch die Bäume undtrieb die gelben Blätter wirbelnd vor sich her, der Mondschien nicht, aber zahllose Sterne funkelten am Horizont.

Endlich ertönte ein Schritt; sie wandte sich lächelndund blickte in Sir Victors ernstes, bleiches Antlitz.

Brachte das Telegramm schlimme Kunde? Betrifftes die Stuarts?"

Nein, es ist aus London und meldet, daß meinVater im Sterben liegt."

Schweigend sah sie ihn an.

Es ist sonderbar, wenn man nicht weiß, soll mandie Kunde von des Vaters nahem Tode als eine guteoder schlechte Botschaft bezeichnen. In Anbetracht desLebens, das er seit dreiundzwanzig Jahren geführt, kannman sein Scheiden nur als Erlösung erklären; seltsamist aber, wie Tante Helena die Sache aufnimmt. Mansollte sie doch wohl für vorbereitet halten, sollte glauben,sie würde sich freuen, ihn endlich von all' dem Jammerbefreit zu sehen; aber ich sage Dir, sie ist förmlich entsetzt."

Edith schwieg; sie schien betäubt, gelähmt vonSchrecken.

Ihr Entsetzen scheint aber nicht feinet- oder ihret-wegen, sondern meinetwegen da zu sein", fuhr der Baronfort,erklären kann sie nichts, sie hat alle Geistesgegen-wart verloren. Uebrigens ist keine Zeit zu verlieren,wir müssen noch diese Nacht abreisen, und ich weiß nicht,wann wir wiederkehren. Mir aber ist der Gedanke, daßdes Todes Schatten unsere Ehe umdüstern soll, uner-träglich; ich fürchte eine zweite Verschiebung, fürchte, Dichhier allein zu lassen."

Denke nicht an mich, ich werde mich mit Musika-lten und Büchern unterhalten, und Lady Arabella wirdmich gelegentlich besuchen. Selbstverständlich muß derGrund dieser schnellen Abreise Geheimniß bleiben."

Versteht sich, es würde sonst endloses Gerede bringen.

Ich freilich sehe nicht ein, weshalb man die Sachlage vonAnfang an geheim hielt? Wenn ein Motiv vorhandenwar, wird die Tante es mir wohl unterwegs sagen, undmir graut eigentlich, noch mehr zu hören, als ich bereitsvernommen."

Düster blickte er in die Sternennacht, die Ahnungkommenden Unheils lastete schwer auf ihm.

Die Vorbereitungen zur Reise wurden schnell getroffen.

Lady Helena schien Edith ganz vergessen zu habenund reichte ihr nur mechanisch die Hand, als diese vortrat.

Glaubst Du an Ahnungen?" fragte der Baronseltsam bewegt seine Braut,mir ist, als treffen wiruns nicht wieder, wie wir scheiden, als häite sich bisdahin etwas zwischen uns gedrängt."

Ich glaube nicht an Ahnungen, plötzliche nächtlicheReisen aber bedingen unheimliche Gefühle, über die Dumorgen bei Sonnenlicht lachen wirst. Zwischen uns wirdsich nichts drängen."

Er eilte hinab und bestieg den Wagen.

Die Pferde zogen an und fort ging's in diedunkle Nacht.

Edith stand noch am Fenster, als das Gerassel derRäder längst verklungen war.

Seltsames Schweigen schien das Haus befallen zuhabeu. Sie setzte sich gedankenvoll. Unfehlbar war einGeheimniß, das die ermordete Lady Chateron betraf, imSpiele. Der Schmerz mochte ihren Gatten wahnsinniggemacht haben; warum aber dies geheim halten? Warumihn für todt ausgeben? Warum Juan Chateron schützenund den Mord ungerächt lassen? Weshalb Lady Helena'sAbneigung gegen jede Hetrath ihres Neffen? Wer wußteob nicht schon Wahnsinn im Gehirn des Mannes lauerte,dem sie ihr ganzes Leben widmen sollte? Konnten Titelund Reichthum dafür entschädigen? Sie erbebte. DieProphezeihung, über die sie erst gelacht, widerhallte inihrer Erinnerung. In vollster Jugendkraft und Schön-heit Hütte ihre Vorgängerin der Tod erfaßt; was mochteihr bevorstehen?

Das Haus war grabesstill und erst als die Turm-uhr die Mitternachtstunde verkündigte, erhob sie sich und gingzur Ruhe. Unterdessen trug der Bahnzug Sir Victordem Wendepunkt seines Daseins entgegen. Still undbleich lehnte Lady Helena in der Ecke, und wenn er mitihr sprach, antwortete sie einsilbig mit vollständig ver-änderter Stimme. Morgens erreichten sie die Metropole.Schwer und trübe hing die Luft über dem Thewse-Ba-