Ausgabe 
(8.9.1896) 75
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schaffen. Endlich fällt er auf sein Angesicht und bleibtliegen wie ein Stein. Handelt und spricht so ein ver-nünftiger Mensch? Ueber eine Stunde liegt er regungs-los, dann erhebt er sich schwerfällig. Seine Züge sindruhiger, es sind die Züge eines Mannes, der einen ver-zweifelten Kampf gefochten, einen verzweifelten Sieg er-rungen hat. Ein eiserner Entschluß ist ihnen eingeprägt

Geisterhaft bleich schreitet er der Villa zu und stehtseine Braut friedlich am offenen Fenster schlummern.Sieht so lieblich aus, er aber bebt zurück wie voneinem furchtbaren Schlage getroffen.

Schlafend", flüsterte er,auch sie schlief."

Einen Moment steht er wie gebannt, dann stürzter ins Speisezimmer, wo Alles von Krystall und Silberfunkelt. Hastig schreibt er einige Zeilen, faltet das Blattund trägt es in das Zimmer, wo Edith schlief. Er legtes auf den Tisch, sinkt vor der jungen Frau auf dieKniee und küßte thre Kleidung, ihr Haar, ihre Hände.Sie bewegte sich im Schlaf, und wie von Furien gejagt,eilt er aus dem Hause.

Eine Stunde später passirt der Courierzug nachLondon die Station Carnavan. Ein Passagier wartetauf dem Perron und veschwindet in einem Coupö ersterKlasse. Die Lokomotive pfeift, keuchend setzt sich der Zugin Bewegung, und führt den Bräutigam gen Englands Metropole. (Fortsetzung folgt.)

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Das Londoner Wirthshaus.

Im Jahre 1892 hat das englische Volk 140,866,262 L.für Getränke verausgabt, und nach der Berechnung desMäßigkeits-Apostels Sir Wilfrid Lawson während derletzten 20 Jahre 250 Millionen Pfund Sterling, alsoüber fünf Milliarden Franken, dem Bacchus geopfert.Mehr als ein Drittel des Gesammtein'ommens ver-dankt der Staat dem Alkohol und dem Tabak; über-steigt doch der Zoll und die Steuer auf Spirituosen225 Millionen Franken. Die Steuer auf Bier beträgt200 und der Zoll auf Tabak über 225 Milk. Franken.Man hat berechnet, daß im Jahre 1892, als sich dieEinwohnerzahl im vereinigten Königreiche auf 38,109,329Personen beließ eine Ausgabe von rund 80 Franken fürgeistige Getränke auf Männlein und Weiblein entfiel,und daß jede Familie, aus fünf Personen bestehend, indemselben Jahre circa 400 Franken im Wirkhshausedraufgehen ließ. England verbrauchte in demselben Jahre28,756,849 Faß Bier, Irland 1,289,019 Faß; Eng-land mit Schottland vertrank 34,035,522 Gallonengeistiger Getränke, wäbrend Irland sich mit 5,476,934begnügte; die Weintrinker der beiden erstgenannten Län-der vertilgten die anständige Menge von 13,161,011Gallonen Wein, während die der ärmeren Schwester-insel sich mit 1,462,334 Gallonen begnügten. .

Kein Zweifel kann darüber obwalten, daß dieunteren Klassen im Verhältniß zu ihrem Einkommeneine größere Summe jährlich für Getränke verausgabenals die höheren Klassen; ja, der Statistiker ProfessorLcvi hat sogar berechnet, daß auf die englische Arbeiter-klasse 60 Procent der jäbrlichen Ausgaben für Getränkeentfällt, so daß dieser Berechnung zu Folge im Jahre1892 über 70 Millionen Pfund aus den Taschen derArbeiter in die der Schankwirthe flössen. Kein Wunderdaher, daß sich die Temperenzler beim Durchlesen dieser

Zahlen die Haare raufen und darauf hinweisen, daßdiese Summe genügen würde, den Arbeitern eine Alters-pension zuzusichern. Sie behaupten, daß vom Augen-blick, wo die jährliche Getränkerechnung um die Hälftefalle, England zum irdischen Paradies sich umgestaltenwürde. Die Herren Wassertrinker werden aber nochlange warten müssen, ehe ihr Millennium auf solcheWeise in England verwirklicht wird, denn anstatt ab-zunehmen, steigt die Getränkerechnung jährlich. Jahrum Jahr klagt der Schatzkanzler beim Vorlegen desBudgets scheinheilig über die vermehrten Einnahmen,die in den Staatssäckel aus den Taschen der Trinkerfließen; Jahr um Jahr dankt dieser heimlich dem liebenHerrgott, daß die Trinker in England noch nicht alle sind.

Soviel zur Einleitung.

Sehen wir uns nun einmal an Hand eines Genre-bildchens derStraßb. Post" ein Londoner Wirthshausnäher an.

Für einen Deutschen, der anGemüthlichkeit" ge-wöhnt ist, bietet das englische Durchschnittswirthshauswenig Anziehendes. E euer Erde befinden sich gewöhn-lich rechts und links vom Haupteingange zwei Schank-tische, sogenannte Bars, an denen Getränke an Stehgästeverabreicht werden. Dieses Amt wird in den meistenWirthshäusern von Damen, sogenannten izarrnaids, be-' sorgt, gewöhnlich hübschen Mädchen, die gern bereit sind,sich mit den Herren Gästen in ein Gespräch einzulassen,auch Geschenke nicht verschmähen rc. Ihr Gehalt beträgtmeist 10 bis 15 Franken per Woche. Die werthvollenOhrringe, Broschen und Armbänder solcher starrnaläsin den bessern Schankwirthschasten sind gewöhnlich Ge-schenke ihrer zahlreichen Verehrer

In mehreren Wirthschaften in der Altstadt findetman kleine, abgeschlossene Bretterverschläge oastinotsxartivuliors wo der Citymann in Frieden mitseinem Kunden über einem Glase Wein sein Geschäfterledigen, Verträge unterzeichnen, Geld auszahlen kann.Wie großartig die über einem Glase Wein abge-schlossenen Geschäfte zuweilen sein können, wurde mireinmal klar, als ich in einer Kneipe nahe der Wollbörsein Coleman-Street zwei Geschäftsleute, wahrscheinlichBaumwollenmakier, über Waaren im Werthe von etwa250,000 Franken unterhandeln hörte und sie sich denKaufhandschlag geben iab. In den Wirthshäusern derjournalistischen Fleet-Street werden die Heben häufigmit dem Vorlesen des witzsprühenden Aussatzes einesangehenden Journalisten, dem funkelnagelneuen Gedichteeines zukünftigen xoöts. laursatus erquickt. In derMitte des Schankzimmers läuft gewöhnlich ein hohes,mit Spiegelglas ausgeschlagenes hölzernes Gestell; hierstehen auf den verschiedenen Brettern mit buntenMarken versehene Flaschen Whisky, Brandy, Wach-holderbranntwein, Portwein, Sherry und Liqueure ausaller Herren Ländern, die sich beim Gaslichte in allenmöglichen Farben widerspiegeln. Auf einem anderenGestell thürmen sich die Cigarren-Kisten auf; Cigarrenkann man hier von einem Penny an bekommen; dochwürde ich die Penny - Cigarre kaum meinem ärgstenFeinde empfehlen. Auf einem kleinen Servier-Tischeladen Stilton-, Cheddar- und Gcuyörc-Käse zum Imbißein; daneben kann man sich an den sogenannten porlr-pies, d. h. Schweinefleisch-Pasteten, die mit Picklesaufgetragen werden, oder an warmen Würsten undKartoffelbrei gütlich thun, oder sich mit den einfachen