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Genüssen eines Bisenits oder eines sogenannten Sand-wich — ein Schinkenbrödchen, das nach dem Namenseines Erfinders, des Carl of Sandwich, getauft ist —begnügen. Nebenbei gesagt, ist diese Erfindung dieeinzige That in der Lebensgeschichte des edlen Lords,die ihn zur Unsterblichkeit berechtigt; Fleischbrühe undgebratene Würstchen im Winter sind eine neue Einrich-tung, die der englische Schankwirth erst vor Kurzemseinem festländischen Bruder abgelernt hat.
Der englische Schankwirth hält sich so streng anden Stände-Unterschied wie der Jndier und sondert da-her die gewöhnliche Heerde von den Gentlemen ineinem besonderen Schankzimmer ab, auf dessen Thürmit großen Buchstaben zu lesen ist: „OeffentlichesSchankzimmer" (kubliv Bar), während die Gentlemen— ohne ihre Damen — die für sie reservirte Abthei-lung mit der Aufschrift „Olöntlsmeu vul^" benutzen.Selbst im Ostende , im berüchtigten Ratcliffe Highway,einer Straße, die selbst der Polizei Schrecken einflößt,liest man auf den Wirthshausthüren die dort etwas sar-kastisch klingendeInschrift „Oleut-löluön onl^!" Frei-lich muß der Gent-leman auch dafürzahlen, daß er einGentleman ist, dennin der ihm vor-behaltenen Abtheil-ung kann er keineGetränke unter zweiPence erhalten, wäh-rend in der für dasgewöhnliche VolkBier und Rum füreinen Penny dasGlas zum Ver-schonte gelangt. Inden bessern Wirths-bäusern im Westendesieht man in derO^ntlsruan Dargewöhnlich noch dazuauf einem Schildedie Anzeige: „In dieser Abtheilung kosten die feinerenSchnäpse durchweg drei Pence das Glas" — eine An-zeige, die viele Leute sofort in die öffentliche Abtheilungverscheucht, wo sie für dasselbe Geld die doppelte Quan-tität von Wachholderbranntwein zu sich nehmen können.Natürlich hat dieser Unterschied im Preise auch eine ge-wisse Scheidung der Stände zur Folge; in der einenBar amüsirt sich die starken Tabak rauchende, spuckende,schmierig gekleidete Menge; in der andern der Gentle-man im Cylinder, mit der Cigarre oder Cigarette im Munde.
Eine andere Eigenthümlichkeit, die dem Fremdenbeim Besuch einer englischen Kneipe sofort auffällt, istdie, daß das gewöhnliche Volk fast immer aus großenZinnkrügen trinkt, während der „Gentleman" ein Glasvorzieht. Die Zinnkrüge werden häufig von Falsch-münzern gestohlen und zu halben Kronen umgeschmolzen;daher denn an der Bar die Bekanntmachung prangt:„Eine Guinee Belohnung dem, der einen Zinnkrugdieberwischt!" und dieser reiht sich die zweite an: „KeinFluchen und kein Wetten erlaubt!"
Zur Erleichterung des Gastes, dem das schwere eng-lische Bier zu Kopf gestiegen ist, finden sich vor demWirthshause Bänkelsänger aller Art ein, die mehr oderweniger gute Vortrüge geben und durchwegs vorzüglicheGeschäfte machen. Dies ist besonders an Samstagen derFall, wo die Zechbrüder ihr Wochengehalt in der Taschehaben und daher auch freigebiger sind. Die italienischenDrehorgelspieler, Musikanten auf der Flöte, Violine, Zieh-harmonika und Harfe, ja, ganze Quartette finden vordem Wirthshause ihren regelmäßigen Lebensunterhalt.
Zu dieser Klasse gehört auch ein geheimnißvollerSänger, der nach und nach die verschiedenen Viertel derRiesenstadt durchzieht. Auf einem mit einem Pferde be-spannten Fuhrwerke, das von seinem eigenen Kutscher ge-leitet wird, steht ein echtes, salonfähiges Piano, davorsitzt der Sänger, mit einem großen, über die Stirn ge-drückten Schlapphut und blauer Brille angethan, undbegleitet seine wunderschöne, klangvolle Tenorstimme mitkunstfertigem Tastenspiel. Hört man den Mann so vordem Wirthshause spielen, so kann es einem nicht ent-gehen, daß man esmit einem wirklichenKünstler zu thun hat.Der Kutscher sam-melt das Geld undsagt „Nur Silber!"zu den Zechbrüdern.Thatsache ist, daßdiesem Verlangengewöhnlich Folge ge-leistet wird.
Ein Künstler ganzanderer Art machtenoch vor mehrerenWochen die Rundedurch die Wirths-häuser — ich laskürzlich seinenNekro-log in der „Times"— und ergötzte dieTrinkgäste, indem erKorkstöpsel, Kettenusw. verschlang. Ge-wöhnlich wettete ereinenSchilling, er sei bereit, einen halben Penny, eineZeitung,eine Kugel zu verschlucken; die Wette wurde von denStammgästen angenommen und — verloren, denn demSchlunde dieses Künstlers kam alles recht, ob Wurst, obThonpfeife. In der pflichtgetreuen Ausübung seines Be-rufes ist er an zerlöcherten Eingeweiden dahingegangen;ein Opfer des „Kampfes ums Dasein". Der ärztlicheBericht sagt: Wir fanden in seinem Magen eine Kugel,30 Korkstöpsel, 20 Stücke Staniolpapier, eine 18zölligeSchnur mit zwei daran befestigten Stöpseln und einOzölliges Stück Leder mit zwei Haken. Einer der Hakenund ein Stück Staniol verursachten seinen Tod.
Daneben wird das Wirthshaus von einer Unzahlvon Hausireru heimgesucht, die ihre Waaren, als da sindSchuhriemen, Manschettenknöpfe, Streichhölzer und selbstOperngucker, leicht loswerden, denn ein Käufer, der dreioder vier Gläser starken Whisky getrunken, ist wederwählerisch, noch knauserig. Die Zeitungsverkäufer bringenhier jeden Abend pünktlich ihrem sportliebenden und wett-lustigcn Kunden, der regelmäßig um dieselbe Stunde in
Uilla Uewman, das Elternhaus der deutschen Kaiserin.
DWNU
WM