Ausgabe 
(8.9.1896) 75
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derselben Ecke sitzt, sein Leiborgan, dessen Inhalt er mitgierigem Blicke verschlingt und dann, falls er gewonnen,mit lauter Stimmeeinen Schoppen für Jedermannin der Bar" bestellt oder, falls er verloren, entsetzlicheFlüche über sein gewöhnliches Pech zum Besten gibt.

Der Engländer huldigt mit Leib und Seele derGöttin des Spielglücks, des Zufalls, und ein MonteCarlo in England würde die ganze Nation an denBettelstab bringen. Er betritt mit einigen Fremden dasWirthshaus; sofort heißt es: die Münze auswerfen umdie Schoppen. Nun zieht jeder eine Handvoll Pence ausder Tasche, legt sie auf den Schanktisch, und der Mann,der die wenigsten Pence mit dem Kopfe der Königin nachoben auszuweisen vermag, hat die Zeche zu bezahlen.

Vielleicht werden noch folgende Zahlen den Leser in-teressiren: London allein zählt über l 5,000 Wirthshäuser;England und Wales 123,868 oder eins auf je 287 Ein-wohner, und jeder Gastwirth, der mehr als 700 Pfundjährlich einnimmt, hat für seine jährliche Schankerlaubniß60 Pfund an den Staat zu erlegen.

8» unseren BildernAlte Märchen.

Wenn ich ein Märchen hörteIn meiner Jugendzeit,

Von Lieb', die ewig währte

Von Prinz nnd von Königsmaid,

Eine Sage aus goldenen Landen,

Vom Drachenkampf ein Lied,

Von Herzen, die sich fanden,

Von Herzen, die man schied,

Dann mußt' ich vergessen im FriedenDes Traumes, was um mich ist,

Vergessen, daß man hieniedenAuch einmal mich vergißt.

Mußt' suchen immer anf's neueNach Schätzen im Märchenreich,

Nach Muth, nach Kraft und Treue,

Nach Liebe goldesgleich.

Diese Schätze der RittertugendSchloß ich in's Herz hinein,

Erkaufte damit meiner JugendDas Recht, unsterblich zu sein.

Bruno Mohren.

Der Dom zu Mrtzlar.

Die im preußischen Regierungsbezirke Koblenz , am Einflußder Dill in die Lahn , 145 Meter über dem Meere gelegeneStadt Wetzlar entstand aus einer königlichen Villa und wurdeim 12. Jahrhundert freie Reichsstadt. In diese Zeit fällt auchdie Gründung des merkwürdigen Domes dieser Stadt, an demverschiedene Jahrhunderte mitgebaut baben und der noch beuteunvollendet dasteht. Der Chor des Domes ist für den kathol.Gottesdienst bestimmt, während das Schiff den Protestantenzur Benützung überlassen ist, welch letztere ungefähr fünf Sechstelder Gcsammtbevölkerung ausmachen. Wetzlar , welches von 1693bis zur Auflösung dcS Deutschen Reiches im Jahre 1806 SitzdeS ReickSkammergerichts war, ging seiner Reichsfreiheit durchden Reichsdeputationsbanptschluß anno 1803 verlustig Vor100 Jahren, am 15. Juni 1796, fand bei Wetzlar ein Gefechtzwischen den Oestcrreichern und Sachsen unter Erzherzog Karl und den Franzosen unter Jonrdan statt, dessen Ausgang denRückzug der letzteren bei Neuwied über den Rbein zur Folgehatte; zum Andenken an diesen Sieg ist vor 50 Jahren, 1846,auf dem Schlachtfelde ein Denkmal errichtet worden.

Ein Jugendheim der deutschen Kaiserin.

Nicht nur zu Dolzig in der Niederlausitz , woselbst sie am22. Oktober 1858 das Licht der Welt erblickte, auch zu Gotha ,

Kiel , Primkenau und an den Ufern der Elbe verlebte die deutscheKaiserin Viktoria Elisabeth Augusta Charlotte aus dem HauseSchleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg sonnige wie trübeJugendtage. Trübe, denn sie war die Tochter ihres Vaters,Friedrichs VIII., eines echten Sohnes 1er Insel Alsen , der fürsein Wort:Mein Recht ist Eure Rettung" schlimme Erfahr-ungen machen, aber schließlich doch der politischen Nothwendig-keit Heerfolge leisten mußte. Die Kämpfe des Vaters warenaber auch die Kämpfe seiner ältesten Tochter, seine Thränenwaren auch ihre Thränen, doch wenn sein Herz lachte, hat auchdas ihrige gelacht, denn sie liebte den Vater über alles. AlteKieler entnimm sich noch sehr wohl der Kaiserin, wie sie alsKind am Strande zu Düsternbrook kleine Kieselsteine über dieMeeresfläche warf und Kuchen aus Strandsand formte. UnserBild gibt eine Ansicht der Villa Newman in Nienstedten betHamburg wieder, in welcher die herzog'icke Familie eine Zeitlang domizilirte. Aber auch in diesem Eltcrnhause wird Fried-richs VIII. Licblingstochter schwerlich geahnt haben, daß ihrhellblondes Jngeborg-Haar noch dereinst von dem Diadem derdeutschen Kaiserin umstrahlt werden würde. Die Villa machteinen durchaus bürgerlichen, bescheidenen Eindruck; bescheidenwie diese Villa ist das Herz der Kaiserin geblieben. ^V. L.

Allerlei.

Ein junger Kaufmann in Aachen mußtedringender Geschäfte halber nach Köln reisen. Der jungeMann wickelte seine Geschäfte schneller ab, als er dachte,und wollte am dritten Tage heimkehren. Am Nachmittagerhielt seine Frau von ihm folgendes Telegramm:Kommeheute Abends 7 Uhr." Damit wollte er nur sagen, daßer Abends 7 Uhr hier sein wollte; weil nach dem kauf-männischen Briefstile der Kürze halber dasIch" weg-gelassen war, fuhr seine Frau sofort nach Erhalten derDepesche nach Köln , um, dem Wunsche ihres Mannesentsprechend, Abends 7 Uhr dort zu sein. Welch' beider-seitiger Schrecken! Er hier, sie dort! Er eilte auf'sTelegraphenbureau und telcgraphirte seiner Frau nachKöln :Komme morgen mit dem ersten Zuge." Damitwollte er kaufmännisch kurz sagen, daß er andern Tagesmit dem ersten Zuge nach Köln reisen werde, um sie zuholen. Seine Frau faßte die Depesche wieder auf wiejedes andere Menschenkind und reiste am andern Tagemit dem frühesten Zuge nach Aachen , um ihren Gattendoch endlich wiederzusehen. Doch welche neue Täuschung!Jetzt reiste er, ohne zu telegraphiren, sofort nach Aachen zurück; er fand seine Frau in Thränen gebadet zu Hause.

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Me Aase.

Sah am Weg ein Röslein steh'n,

Wollt' es brechen mir vom Strauch;

Denn micb nimmer weitergeh'uLieß der zarten Düfte Hauch.

Doch als ich das Röschen brachIn dem rothen Blüthenkleid,

Unverseh'ns ein Dorn mich stach,

Und um's Pflücken war's mir leid.

Menschenkind, im Taumel hierTrinkst den Freudenbecher du,

Freudumrauschet sage mir:

Fandst du die ersehnte Ruh'?"

Ach, die Freud' der Rose glich!

Wollt' genießen sie das Herz,

Bald die reine Freude wich;

Denn sie war gemischt mit Schmerz."

Robertus, 8. I). 8.

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