Ausgabe 
(11.9.1896) 76
Seite
577
 
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M76.

Freitag, den 11. September

1896.

Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler ).

Ein fnvchtbaves Geheimnis;.

Dem amerikanischen Originale der MrS. Mary AgnesFlemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch.

(Fortsetzung.)

23. Kapitel.

Am folgenden Tage.

Des Sonnenunterganges letzte Nöthe war verblichen,silbern blinkten die Sterne, der Mond spielte sich in derSee, als Edith lächelnd erwachte. Im Traume war siein Sandypoint, an Rudolfs Seite gewesen, hatte die aufimmer verschwundenen Zeiten durchlebt. Nun erwachtesie, um das Mondlicht hereinsirömen zu sehen, der Nacht-luft Geflüster, das sanfte Anschlagen der Wellen an dieKüste zu hören, und erhebend, sich als Sir Victors Weibwiederzufinden.

Es war ihr Hochzeitstag. Ihres Lebens ehrgeizigenTräume waren glänzend erfüllt, und doch lag ihr Herzwie ein Stein iu der Brust. In der Stunde fürchtete siesich und ihren Mann. Sie erhob sich fröstelnd und blicktein dem vom Mondlicht schwach erhellten Zimmer umher.Sir Victor war nicht da. Dreiviertel auf sieben Uhr;natürlich erwartete er sie ungeduldig im Speisesaal. Un-beachtet lag das Billet auf dem Tische. Sie läutete.

Ist Sir Victor im Speisezimmer, Jamison?"fragte sie den vertrauten Diener, in dessen Zügen sichStaunen malte.

Sir Victor? Mylady, ich ich dachte, Sir Victorwäre hier."

Sir Victor ging nach unserer Ankunft an den Strand,ich fragte, ob er zurückgekehrt sei?"

Ich sah ihn vor mehr als einer Stunde. Myladyschliefen am Fenster, als er kam. Er begab sich in denSpeisesaal, schrieb einen Brief und trat dann hier ein."

Edith horchte mit steigender Verwunderung.

Wenn Mylady erlaubt, zünde ich die Kerzen anund sehe nach, ob Sir Victor in einem andern Zimmer ist."

Sie nickte bejahend. Als es hell geworden, bemerkteJamison sofort das Billet auf dem Tische.

Hier ist ein Brief, Mylady."

Gut", sprach sie kurz und sich mühsam beherrschend,wenn ich Sie brauche, werde ich läuten."

Er verließ das Zimmer mit einer Verbeugung.

Sie zauderte, das Siegel zu erbrechen. Was solltedas bedeuten? Warum schrieb ihr Sir Victor und ent-fernte sich? Endlich ermannte sie sich und las die hastiggeschriebenen Zeilen:

Um Himmelswillen, bemitleide mich und vergib.Wir werden uns nie mehr sehen. O, Geliebte, glaube,daß ich Dich nie halb so sehr liebte, als jetzt, wo ichDich verlasse. Liebte ich Dich weniger, ich wagte zubleiben. Mehr kann und darf ich nicht sagen, michbindet ein dem Todten und den Lebendigen gegebenesVersprechen.

Ein schreckliches Geheimniß, Sünde, Schande undSchuld sind dabei betheiligt. Geh' zu Lady Helena, meingeliebtes Weib und leb' wohl! Mein Herz bricht beimSchreiben des grausamen Wortes, das geschrieben werdenmuß. Leb' wohl! Ich habe nur ein Gebet im Herzen,nur einen Wunsch in der Brust, daß mein Leben kurz sei.

Victor."

Sie stand wie betäubt. War das ein Traum oderwar ihr Mann plötzlich dem Irrsinn verfallen?

Sie saß ruhig nnd versuchte zu denken; wieder undwieder las sie den Brief. Konnte ein vernünftiger Menschihn schreiben?Ein schreckliches Geheimniß, Sünde,Schande und Schuld sind dabei betheiligt." Betraf daSGeheimniß seiner Mutter Tod? Doch wie sollte er siedeshalb verlassen? Welch' furchtbare Enthüllung war ihman seines Vaters Todtenbett geworden? Seit der Zeitwar er nicht mehr er selbst gewesen. Ein Gedanke durch-zuckte ihr Gehirn, schrecklich und unnatürlich genug, aberwie sollte selbst das, falls es wahr wäre, ihn veranlassen,sie aufzugeben?Liebte ich Dich weniger, so wagte ichbei Dir zu bleiben", welche Notomontade war das? Be-weisen Männer ihre Liebe dadurch, daß sie ihre Frauenverlassen? Es schien außer Zweifel, daß er irrsinnig ge-worden, ob des Vaters Tod. Zeitweise war er sichtlichvor ihr zurückgebebt, schien sie zu fürchten. Es war dasAufdämmern des Familienwahnsinns. Des Vaters fixeIdee war, sich einzusperren und sich für todt auszugeben,jene des Sohnes, die Braut am Hochzeitstage zu verlassen.

Welch' herrliche Nacht es wart- Was that man inSandypoint? WaS that Trixy, was Rudolf? Sie hattebeschlossen, nicht mehr an ihn zu denken, jetzt schwebteihr fein Bild im Strahl deS Mondes vor, bleich, ernst,verachtungsvoll.

Wie muß er mir zürnen, mich verachten", dachtesie.WaL immer Dir das neue Leben bringen mag,mich darfst Du nicht tadeln", hat er mir an jenem regneri-schen Morgen in Sandypoint gesagt. Wie lange scheintdas her, welche Ewigkeit seit jener Nacht im Schnee!O, daß ich damals an seiner Seite gestorben wäret".