Ausgabe 
(11.9.1896) 76
Seite
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Sie ließ den Kopf auf das Fenstergesimse sinken undbewegte sich nicht. Stunde um Stunde verrann. Sieweinte nicht, sie fühlte nur einen dumpfe'.!, unbeschreib-lichen Schmerz im Herzen.

Sie hatte das ersehnte Ziel errungen, war die Ge-mahlin eines reichen Aristokraten, um dessenwillen sie demgeliebten Manne entsagt, und das war das Ende!

Gegen Mitternacht erst legte sie sich zur Ruhe. Oftfind Sorgen das beste Schlafmittel, traumlos schlief siebis zum Morgen. Als sie erwachte, richtete sie sich aufund blickte verwirrt um sich. Da blitzte der Gedanke andie Ereignisse deS gestrigen Tages auf, und sie rüstetesich entschlossen zur Abreise. Wie schnell waren ihreFlitterwochen zu Ende. Sie lächelte seltsam bei diesemGedanken.

Gegen Abend erreichte sie Powys Place, erschrockenwich der Bediente zurück bei ihrem Anblick.

Ist Lady Helena zu Hause?"

Sie war zu Hause; noch blickte der Mann sie ent-setzt an. Sie eilte an ihm vorüber und begab sich un-angemeldet zu der Dame Privatgemächern.

Herein!" rief eine bekannte Stimme.

Edith trat ein.

Lady Helena stieß einen Schrei aus und blieb wieverzaubert vor ihr stehen.

Edith!" keuchte sie endlich,was ist'L? Wo istVictor?"

Ich weiß es nicht, ich habe ihn seit gestern Nach-mittag nicht mehr gesehen."

Lady Helena bewegte stumm die Lippen. Sprach-loser Schrecken hatte sie befallen.

Ermüdet von der Reise schlief ich am Fenster ein",erzählte Edith ruhig,nachdem Sir Victor mich verlassen,um, wie er sagte, am Strande spazieren zu gehen. Icherwachte um sieben Uhr und befand wich noch allein. Erwar inzwischen gekommen und gegangen."

Gegangen?"

Ja, und diesen Brief hat er hinterlassen; Sie sehen,daß ich nur auf seinen Wunsch hierher zurückkehre."

Die Tante las das Billet erbleichend.

So früh", flüsterte sie,o, ich fürchtete es."

Sie fürchteten es? Heißt das, daß Sie den Briefverstehen?"

Ich glaube, ja."

Habe ich einen Irren geheirathet?"

Lady Helena stöhnte.

Wahnsinn liegt im Blute Chaterons", fuhr Edithfort,sein Vater starb im Irrsinn, hat der Fluch nunauch den Sohn an seinem Hochzeitstage befallen?"

Lady Helena schluchzte krampfhaft, es war ihre ein-zige Antwort.

Für Sie ist eS traurig", sprach die junge Fraudüster,denn Sie liebten ihn."

Und Du nicht?" fragte die Tante tonlos,hei-r'Ähetest Du meinen Neffen ob seines Ranges und Reich-thums? O, besser wäre es für ihn gewesen, er wäregestorben bevor er Dich gesehen!"

Viel, viel besser für ihn und mich. Ja, ich hei-räthete ihn ob seines Ranges und Reichthums, ich liebteihn nicht, ich liebte meinen Vetter und verdiene Alles,was über mich geht. Nun habe ich die Wahrheit gesagtund frage nicht, von welchem Geheimniß er spricht, aberich möchte Sie bitten, nach ihm forschen zu lassen; wenner irre ist, sollte er nicht sich selbst überlassen bleiben."

Irre? Er ist so wenig irre wie Du."

Nicht irre?" flüsterte Edith erbleichend,nicht irre,und er verläßt mich."

O, mein Gott, was habe ich gesagt? Vergib mir,Edith, ich weiß nicht, was ich rede. Lass' mich allein,auf daß ich die Sachlage zu fassen suche."

Gut, ich werde Sie heute nicht mehr stören."

Sie wandte sich zur Thür; Lady Helena folgte ihrund umarmte sie weinend.

O, mein Kind, es ist schrecklich für Dich und mich,aber warum bist Du so eigenthümlich kalt? Du siehstaus wie erstarrt."

Ich fühle mich so", stöhnte sie,ich kann nichtweinen, ich glaube, ich habe kein Herz."

Langsam schritt sie aus dem Zimmer und begabsich in die liebgewordenen Räume. Der Abend warstürmisch und regnerisch.

In später Stunde läutete es, und der Bediente er-blickte in der Dunkelheit eine verhüllte Mannesgestalt.

Ist Lady Helena zu Hause?" fragte eine heisereStimme.

Ja, aber zu solcher Stunde empfängt sie keineBesuche."

Geben Sie ihr daS, und sie wird mich empfangen."

Trotz der Verhüllung lag im Wesen und der StimmedeS Fremden etwas Bekanntes. Der Bediente brachteden Brief seiner Herrin.

Weise den Herrn sofort in die Bibliothek", befahlsie, «ich komme."

Der Fremde behielt Hut und Mantel an. DasZimmer war schwach erleuchtet, er blieb im Schattenstehen. Lady Helena erschien bleich auf der Schwelle.

Bist bist Du eS?" stammelte sie. Sie nahtelangsam und richtete den entsetzten Blick auf das ver-hüllte Gesicht.

Ja, ich bin'S, bitte, schließe die Thür."

Sie entsprach und Sir Victor warf die ihn ver-hüllenden Kleider ab.

24. Kapitel.

Der Tragödie zweites Ende.

Trübe und regnerisch graute der Morgen überPowys Place.

Edith schritt stundenlang im Zimmer auf und nieder.Das Bild ihres verlassenen, verlorenen Lebens rollte sichauf. Verlassen in der Stunde des Triumphes, gedewü-thigt wie noch nie eine Braut, der Gegenstand des Hohnes,des verächtlichen Mitleids aller Welt. Und was würdenRudolf und Trixy sagen, wenn sie davon hörten? UmReichthum und Rang hatte sie sich verschachert, und daswar das Ende.

Sie litt furchtbar, ihre Züge verzerrten sich vorinnerer Qual. Als sie aber zum Frühstück hinabging,hätte der schärfste Beobachter nichts davon bemerkt. Wasauch kommen mochte, sie schien zu Allem bereit, auf Allesgefaßt.

Bleich und zitternd erwartete sie Lady Helena.

Als ich eben aus meinem Zimmer trat", begannEdith nach der ersten Begrüßung,flüsterten zwei Be-diente im Corridor. Als sie mich sahen, schwiegen siesofort, aus den wenigen Worten aber, die ich vernom-men, schließe ich, daß mein Mann gestern hier war."

Die Tante ließ klirrend den Löffel fallen.

Ich soll vielleicht das auch nicht wissen?? fuhr die