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junge Frau fort, „wenn Sie mir'S aber sagen würden,könnte es meine Maßregeln beeinflussen."
„Deine Maßregeln?"
„Ja; wir wollen später darauf zurückkommen, zu-nächst fragt es sich nur, ob Ihr Neffe gestern hier waroder nicht?"
„Ja."
Sie verbarg das Gesicht in ihre Hände.
„Helfe mir der Himmel, es ist mehr als ich ertragenkann. Und was soll ich Dir sagen, mein Kind, wie Dirbetstehen in dem großen Leid, das Dich betroffen hat?"
„Sie sind sehr gütig, ich bedarf keines Beistandesund habe mein Schicksal reichlich verdient. Aus Ge-winnsucht heirathete ich Ihren Neffen, ohne einen FunkenLiebe, und wer weiß, ob mein Herz sich ihm je zuge-neigt hätte. Nun bin ich verlassen und verwittwet amHochzeitstag." Sie lachte bitter. „Ich will nicht zuviele Fragen stellen, will nicht mit dem Schicksale käm-pfen, sondern mich ihm ergeben; das nur möchte ichwissen, warum mich Sir Victor, der mich, so wenig ich eSauch verdiente, liebte, am Hochzeitstage verlassen konnte,wenn er nicht wahnsinnig ist! Und ich bitte Sie, TanteHelena, mir so offen zu antworten, wie Sie es vor Gott thun würden; ist mein Mann irre oder nicht?"
Eine Pause folgte.
„Gott sei Dir und ihm gnädig", sprach Lady Helenaendlich,'„er ist nicht irre."
Sie verhüllte ihr Antlitz und weinte.
Am Fenster stand Edith regungslos und sah hinausauf den fallenden Regen, den grauen Himmel, die sturm-aeveitschten Bäume.
„Nicht irre? Sind Sie dessen gewiß? Nicht irre,und er hat mich verlassen?"
„Er hat Dich verlassen. O Kind, wenn ich nurwagte, Dir alles zu sagen, Dir zu sagen, wie er nuraus großer, edler Liebe Dich verläßt. Hättest Du ihngesehen, wie ich gestern, zum Schatten geworden in einemTag, nach dem Tode sich sehnend, als den einzigen Be-freier, selbst Du hättest ihn bedauert."
„Ich verstehe all' das nicht, und doch bin ich demGeheimniß, das er in seinem Briefe andeutet, vielleichtNäher, als er und Sie denken."
„Was meinst Du?" fragte die Matrone erschrocken.
„Daß das Geheimniß, das ihn von Mir treibt, sichauf den Mord seiner Mntter bezieht; soll ich Ihnen sagen,wer den Mord vollbracht?"
Die Dame bewegte stumm die Lippen; wie gebanntblickte sie auf Edith.
„Nicht Jnez Chatcron, die deshalb im Gefängnißlag; nicht Juan Chateron, auf den sich noch heute derVerdacht heftet — Sir Victor selbst hat kaltblütig seinWeib ermordet."
Ein leiser Schrei ertönte; war das Entsetzen überdas schreckliche Wort oder über die kühn gesprochene Wahr-heit; wer wußte es?
„Ich glaube, Sir Victor war ein feiger Mörder",fuhr Edith fort, „so feige, daß er den Verstand verlor,als er sah, was er gethan, und die Folgen ermaß. Sobezahlte die Schuld seines Lebens mit Wahnsinn. DaSMotiv freilich vermag ich nicht zu ergründen, vielleichtwar es Eifersucht auf Juan Chateron."
Bleich und schreckvoll blickte Lady Helena auf dieSprecherin.
„Und wenn dem so wäre — bedenke, ich stimme
Deinen grauen Ansichten nicht bei — würde daS Deine-Mannes Fortgehen entschuldigen?"
„Nein!" rief Edith blitzenden AugeS, „nachdem ermich geheirathet, sollten zehntausend Familiengeheimnisseihn nicht veranlassen können, sich von mir zu trennen.Wäre er vor der Trauung zu mir gekommen und hättemir Alles gesagt, wie es seine Pflicht gewesen wäre, sohätte ich ihn von ganzem Herzen bemitleidet, und wennirgend etwas mich ihm als Gattin näher gebracht hätte,so wäre es dieses Mitleid gewesen. Jetzt aber wenn erkäme und auf den Knien um Wiedervereinigung bäte,ich würde lieber sterben."
Zürnend schritt sie auf und nieder.
„All' das Gerede, daß er mich aus Liebe verlassen,ist barer Unsinn, von dem wir lieber nicht sprechen wollen.Kein Geheimniß auf Erden soll den Mann von seinemWeibe trennen, davon bin ich fest überzeugt."
„Und doch hat er recht gehandelt", sprach TanteHelena mit feierlichem Pathos.
„Ich begreife es nicht, ich vermag kein Motiv zuergründen, das auch nur einigermaßen sein Benehmenrechtfertigen könnte. Ich hielt ihn für irrsinnig, Siesagen, er sei es nicht; ich glaubte, er habe an mir einschmähliches Unrecht begangen, Sie behaupten, er habeRecht gethan."
„Einst wirst Du Alles erfahren, auf dem Todten-bette will er Dir den Schleier lüften, und je eher derTag kommt, desto besser ist es für ihn. Gestern kam er,um bezüglich Deiner Zukunft mit mir zu sprechen."
Seltsames Lächeln überflog Edith's Züge.
„Was geht meine Zukunft ihn an?"
„Welche Frage l Du bist ehrlich genug, zu gestehen,daß Du ihn ob seines Ranges und Reichthums geheirathet,und in der Hinsicht wenigstens sollst Du nicht getäuschtwerden. Der Ehccontract wurde, wie Du weißt, sehrgroßmüthig festgesetzt, und dazu will er Dir jeden Hellergeben, der ihm anfällt. Er beabsichtigt, nach dem Orientzu gehen, und hält sich nur die nöthigen Subststenzmittelvor. Sehen will er Dich nicht mehr, weil er sonst nichtfähig wäre, Dich zu verlassen. Du tadelst ihn, Dtthassest ihn, aber ach, Du würdest ihn bemitleiden, ihmvergeben, wüßtest Du, wie er leidet, wie schrecklich ihmdie Trennung ist und wie sie doch unvermeidlich ist."
„Ich weiß eS nicht, jetzt aber fühle ich nur, daßer mich verlassen, und daß ich darob ihn, hasse und ihmnicht vergeben könnte, auch wenn er stürbe. Seine Groß-muth habe ich nie bezweiselt; meinen schnöden Eigennutzhabe ich gestanden; aber es gibt Dinge, die eines KöntgSReichthum nicht ersetzen kann, und hierher rechne iches, die Braut am Hochzeitstage zu verlassen. LassenSie uns jetzt nicht weiter davon sprechen, morgen sollenSie erfahren, was ich bezüglich meiner Zukunft be-schlossen habe." -
Sie wandte sich zur Thür.
„Ich bedaure Sie vom Grunde meines Herzens undwünsche nur, Sie trösten zu können."
„Das kannst Du; bleibe bei mir, sei meine Tochter,ersetze mir den Sohn, den ich verloren."
Edith's bleiches Gesicht milderte sich nicht.
„Morgen wollen wir das entscheiden", sprach sie.
Sie verließ daS Zimmer und kam den ganzen Tagnicht wieder in die Familiengemächer. In ihrem Zimmerpackte sie den kleinen Koffer, der, als sie nach New-Iorkkam, all' ihre Habe enthalten hatte. Sie packte nur.