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töäS dävials sie besessen. All' die Naben, Juwelen undkostbaren Geschenke, die sie von ihrem Gatten und dessenFamilie erhalten, ließ sie zurück. Sie behielt nicht ein-mal den Trauring. Als Alles geordnet, schrieb sie anLady Helena:
„Ich gehe, liebe Freundin, um mir selbst einen Wegzu bahnen im Leben. Suchen Sie nicht, mich aufzu-finden, denn nichts vermag meinen Entschluß zu ändern.Meine Habe, die ich bet meiner Ankunft hier besessen,befindet sich in dem schwarzen Koffer, den ich Sie bittenach Verlauf einer Woche auf die Caston Station zusenden. Zwei Bücher von Ihnen nehme ich als Andenkenmit, alles Andere lasse ich zurück. Von Sir Victornehme ich nichts mit, nicht einmal seinen Namen. Siewerden einsehen, daß ich die letzte Spur von Stolz undSelbstachtung verlieren müßte, würde ich seinen Namenführen oder auch nur einen Heller von ihm annehmen.Adieu, liebe, gute Helena! Wenn wir uns im Leben.vicht wiedersehen sollten, so glauben Sie doch, daß inmeinem Herzen sich nur Gefühle des Dankes und derLiebe für Sie befinden.
Edith.«
Mit bebender Hand schloß sie den Brief. Ihr ganzesVermögen belief sich auf zwölf SovereignS. Damitwollte sie der Zukunft entgegentreten, und die Frage:„was thun?« erhob sich ernst und drohend vor ihr.
„Geh' in die Welt und arbeite um's tägliche Brod.Blicke der Armuth, die Du so sehr gefürchtet, daß Duum ihr zu entgehen, Dich verkauft, kühn ins Auge. Geh'nach London , dort mußt Du Arbeit finden."
So lautete die Antwort, die eine innere Stimmeihr gab. Sie schrak vor dem Gedanken zurück, arm undallein den Kampf mit dem Leben um das Leben aufzu-nehmen, sie entschloß sich dennoch. Kein Gedanke, nachAmerika heimzukehren, tauchte auf. Was bot ihr dieHeimath? Sie wollte nicht wieder nach Sandhpointund zu dem verhaßten Einerlei zurückkehren, abgesehendavon, daß sie hierzu nicht einmal die Mittel gehabt hätte.
Sie litt furchtbar in der letzten Nacht ihres Auf-enthaltes in PowyS Place.
, - „Nette mich, Himmel, denn die Wasser der Trüb-sale strömen mir ins Herz!" lautete ihr wildes, werth-loseö Gebet.
Ihr Leben war zerstört, ihr Herz verödet, als Bett-lerin mußte sie hinaus in den Kampf ums Dasein. Undsie hätte Liebes Heimath und Rudolf besitzen können!
. Gibt es einen «schmerz, der größer ist, als der, denwir selbst über uns bringen?
, Sie sank auf die Kniee, bedeckte ihr Gesicht undweinte blutige Thränen.
- Verloren! Verloren Alles, was das Leben lebens-werth macht!
So verstrich die unglücklichste Nacht ihres Lebens.
Fern im Osten erhellten sich die Berge, als Edithleise durch die Seitenthür hinausglitt.
ES war rauh und kalt, ein heftiger Wind blies,aber es regnete nicht. Nach einem langen letzten Blickauf Lady Helena's Fenster flüsterten die bleichen Lippenwehmüthig: „Lebewohl! Lebewohl!" und entschlossen eiltedie junge Frau den Pfad entlang und war bald ausdem Bereiche des Schlosses entschwunden.
(Fortsetzung folgt.)
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„HerMlatter."*)
F. W. Webers letzte Gabe! Er selbst hat dieseSammlung noch vorbereitet, aber ehe sie beendet war,mußte der greise Sänger sich zur letzten Fahrt rüsten.Wie er sich dieses letzte Buch gedacht hat, das hat er inder Widmung noch selbst sagen können:
Vergilbtes Laub, farblose Blätter nur:
Die karge Spende der Nvvemberflur;
Mit blauem Enzian die Herbstzeitlose
Und eine kranke, spätcrblühte Rose!
Hätt' ich nicht achtlos in den Wind gestreut,
Hätt' ich umhegt und wohlgepflegt bis heut',
Was mir der Lenz, der lange Sommer gönnte,
Welch voller Kranz, den ich euch bieten könnte!
Wie Distcldauuen flog'ö in alle Welt;
Nun rafft' ich, was ich fand im öden Feld:
Ein letzter Strauß, schier eines Bettlers Gabe;
Mag denn auch er vcrweh'n auf meinem Grabe.
- Also ein poetischer Nachlaß; aber keineswegs einärmliches, mühsam aus allen Schubfächern zusammen-gesuchtes Werk. Die Herausgeberin hat nach dem Todedes Dichters dessen Absicht etwas erweitern zu dürfengeglaubt und eine ganze Anzahl von Dichtungen in dieSammlung aufgenommen, die uns einen kleinen Einblickin den Entwickelungsgang des Dichters gestatten. AlsSechzigjäriger zwar gab er erst fein „Dreizehnlinden"heraus; aber auch schon der junge Student war begeistertfür die Schönheiten der deutschen Sprache und hat inmanchem formvollendeten Gedicht seine Gedanken undStimmungen festgehalten, ehe er daran dachte, mit denAnsprüchen eines zeitgenössischen Dichters vor die Weltzu treten. An anderer Stelle ist bereits bemerkt worden,daß man vielleicht besser dies letzte Werk Webers ganzso gelassen hätte, wie er es ursprünglich geplant hatte;zu einer Sammlung früherer Dichtungen hätte sich wohlnoch Gelegenheit gefunden. Der Charakter des Bucheswäre dadurch einheitlicher geworden, die Stimmung desDichters wäre auch in einer kleineren Sammlung fühl-bar zum Bewußtsein des Lesers gekommen. Dafür bietetman uns jetzt allerdings ein reichhaltigeres Buch, dasErnstes und Heiteres, sinnende Weisheit des reifenMannes und frohen Jugendmuth des Werdenden, Eigenesund Fremdes vereinigt. Und auch dieses Buch zeigt unsden ganzen Weber, den kindlich-gläubigen katholischenChristen voll Liefen Lebensernstes und voll freudiger Be-geisterung für alles Herrliche in der Gottesnatur, füralles Hohe und Ideale, was das-Herz des Christen-menschen bewegt. Es ist derselbe fromme Dichter, der amEnde von Dreizehnlinden als „armer Schreiber" um dasGebet der Leser fleht. An der Schwelle seines neuntenJahrzehntes blickt er zurück auf sein arbeitsreiches Lebenmit der bangen Frage: „Nur Traum?", aber auch mitder gläubigen Bitte: „Der dunkle Fährmann winkt inseinen Nachen: — O gebe Gott ein seliges Erwachen!"Auf Weber paßt wohl das Wort vom frommen Sänger,der seine herrliche Kunst bescheidentlich in den DienstGottes stellt, dem er Alles dankt und auch die kleineLaute: „Wie arm ihr Spiel auch sei, es war des KlausnersTrost manch trübes Jahr." Demüthig sagt er:
„Nie möcht' ich mit den Schwänen streiten,
Die himmelhoch die Flügel breiten:
Horcht doch ein stiller Wand'rer auch »
Dem Finkcnschlag in Busch und Strauch.