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Dem Niesenstrome Preis und Ehre.
Der Masten trügt und wogt zum Meere:
Doch Dank wird auch dem Bach gezollt,
Der Wiesen tränkt und Räder rollt."
Weil er nie nach dem Effect, nach dem Ruhme deSTages gehascht hat, darum gerade zeigt sich uns F. W.Weber überall als der wahre, echte Dichter, der allesselbst durchlebt und durchdenkt, der mit der Welt, dieihn umgibt, lebt und fühlt, sich freut und leidet. Nie-wand wird sich wundern, wenn er bei solchen Charakter-Eigenschaften des Dichters auch schon bei dem jungenStudenten und Arzt jenen tiefen Lebensernst findet, deraus allen seinen Werken überzeugungsvoll zu uns spricht.Zu« Christtag 1836, da hat man ihm keinen Christbaumangezündet; er war fern von der Heimath und wehmüthiggestimmt:
Und der mein Christbaum werden sollt'
Der steht im wilden Hag
Und wächst, von Geisterhand gepflegt,
Noch manchen lieben Tag.
Sein Bruder war'S, der mich als KindAn seinem Schatten barg:
Sein Vater war die Wiege mir,
Er selber wird — mein Sarg.
Doch blieb der „Weltschmerz", der so viele Dichterjener Zeit gepackt hat, dem klaren Auges in's Lebenblickenden Weber fern. Ein Christ kennt nicht das thaten-lose Hindämmern in der Trauer um das Unvollkommenein dieser Welt; er mag es betrauern, aber er nimmt eShin als Schickung des allmächtigen, allwetsen Schöpfers.Und für allen Schmerz gibt es eine große Samariterin,
.die naht,
Stumm, ungeseh'n, wenngleich sie Niemand bat,
Die stillste, treu'ste der barmherzigen Schwestern.
Ob Allen fremd, doch Allen wohlbekannt.
Ist sie von je daheim in jedem Land,
In Dorf und Stadt, in Hätt' und Burg. Sie reitetAuf einem Roß, das sacht, doch stetig schreitet.
Und trifft sie einen, der geschlagen ward,
Sie traust ihm lindernd Oel, berührt ihn zartMit weicher Hand und haucht und flüstert leiseIhm Trost und Hoffnung zu nach Frauenwcise.
Sie nimmt ihn auf und gibt ihm daö GeleitZur stillen Herbcrg, oft auf dunklem Wege,
Daß sein der milde Vater liebreich pflege.
Wer ist die Samariterin? — Die Zeit.
Aber auch ein Grübler und Kopfhänger ist derDichter nicht gewesen in seinen jungen Jahren. Auch erhat den Becher der Jugendlust getrunken in vollen Zügen.Daß er sich daran übernommen hätte, davor schützte ihnsein gläubiger Sinn. Wenn der Einundzwanzigjährtge betet:
„O leuchte mir, Du cw'ges LichtDurch Deinen heil'gen Namen!
Du lieber Gott, verlaß mich nicht,
Verlaß mich nimmer. Amen."
— um den ist es wohlbestellt, der wird nicht so leichtder Versuchung unterliegen. So konnte auch der Greisohne Neue „Im Herbst" zurückblicken auf die Tage derRosen:
„Ich ahne schon des Winters TosenUnd gäbe gern, so karg ich bin,
Für eine Handvoll FrühlingsrosenDes Herbstes ganzen Reichthum hin."
Webers kraftvolle Natur offenbart sich uns nament-lich in seinen Liebesliedern. Wenn der junge Arzt infinsterer Sturmnacht seiner Pflicht folgte, denkt er anseine liebe Braut: /
„Weit überschwillt die Ufer des Bachs empörte Fluch,Ihm graust nicht, denn er reitet in guter Geister Hut;
Er hat in Stromes Mitte an sein FeinSlieb gedacht,
Und seine Lieder klingen hinaus in Sturm und Stacht.
Das ist die Lust der Eiche, wenn Wetter sie umweh'n.Das ist des Mannes Freude, im heißen Kampf zu steh'»,Zu ringen mit dein Leben, wie feindlich es auch droht,Und um das Leben wieder zu ringen mit dem Tod.
Du aber, meine Rose, Du mußt in Frieden blüh'n,
Dir müssen alle Stürme harmlos vorübcrzich'n.
Dir strahl' im milden Glanz: der Acther immerdarBlau, wie Dein frommes Auge, wie Deine Seele klar."
Nichts von Weltschmerz, von jener weichlichen Erotik,die alle Liebespoesie dem Gespülte überantwortet hat!Und doch, bei aller Kraft der Empfindung, zart undsinnig! Solcher Natur ist auch der kernige Humor nichtfremd, wie in Herrn „SchnäufleinS Frühlingsfreude".Eine kostbarere Persiflage philiströser Frühlingsempfindungist bald nicht zu finden:
„Frühling! Auf den EmmerwiesenGch'n in: Kümmel bald die Lämmer,
Und die besten KümmelkäseMacht GcrtrudiS an der Emmer.
Blondes Haar und blaue AugenHast Du, niedliche Therese;
Doch Gertrudis, Deine Schwester,
Macht die besten Kümmelkäse."
Den Schluß des ersten Buches machen zahlreicheformvollendete Uebertragungen englischer, schwedischer,dänischer Dichter, wie denn der Dichter für die nordischePoesie eine große Liebe hegte. Im zweiten Buche treffenwir wieder auf einen reichen Perlenkranz eigener Weber-scher Dichtungen, christliche Lebensweisheit in der un-muthigsten, wechselnden Form. Wir würden der Heraus-geberin vorgreifen, wollten wir eine Auswahl aus diesenLiedern und Sprüchen hierherstellen. Es genüge der Hin-weis, daß weitaus das Meiste von dem hier Abgedrucktenvollkommen auf der Höhe der Weber'schen Schaffenskraftsteht. Und wenn nicht jede Zeile original ist, so nehmeman willig des Dichters Rath hin:
„Ein gutes Wort, ein wahres Wort,
DaS darf man zweimal, dreimal sagen;
Ein Samenkorn am rechten Ort
Wird Wurzel schlagen und Früchte tragen."
Zu den alten germanischen Necken führt uns dasdritte Buch zurück mit dem einleitenden Gedicht „Wodanauf den Karpathen" in der Dreizehnlindenstrophe, die derDichter auch hier gar meisterlich handhabt. Balladenartig,in düster-ernsten Bildern spricht uns „Tristans Tod" an.Eine Perle der Lyrik ist wiederum das Gedicht „UhlandsTod". Als Uhlands Arzt, der beim Hinscheiden desgroßen Dichters zugegen gewesen, dessen Haus verließ,hörte er von ferne das bekannte Uhland'sche Lied „vomguten Kameraden" singen. Diese Angabe hat in sinnigerWeise der Dichter in sein Lied verflochten;
Und ob im TodeskampfeDas deutsche Herz Dir brach:
Dein Geist wird uns umschweben,
Denn Deine Lieder lebenBis an den jüngsten Tag.
Der Mond. der schien so helle.
Der aus den Wolken trat,
Im Neckar sang cS leiseUnd fern verklang die Weise:
„Mein guter Kamerad".
Die wenigen Proben mögen genügen, um dem Leserein Bild zu geben vom Nachlaß Fr. W. Webers. Nie-mand wird es bereuen, dieses Buch gekauft zu haben.