Ausgabe 
(11.9.1896) 76
Seite
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Er hat darnit einen treuen Freund, einen Genossenmancher still-sinnenden Stunden zu sich in's Haus ge-nommen. Die prächtige Ausstattung macht zudem dasWerk zum Schmuck jeder Bibliothek. Möge es an Zahlder Auflagen seinen Vorgängern nicht nachstehen!

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Der gesellschaftliche Gruß.

Die Achtung seiner Mitmenschen zu besitzen, ist einWunsch, den jedes noch nicht ganz verdorbene Individuumin hohem Grade hegt, und darum ist es erklärlich, daßjeder Mißerfolg in dieser Richtung innerlich schwer ver-letzen muß. Eine der vornehmlichsten Ausdrucksweisendieser so sehr erstrebten Achtung ist der Gruß, und esist deßhalb begreiflich, daß die Menschen bei ihren Be-gegnungen eine große Aufmerksamkeit darauf zu richtenpflegen, ob sie gegrüßt werden und wie dieser Gruß be-schaffen ist. Das Versagen eines Grußes, eine nachlässige,verdrossene, kurze Art des Grüßens verstimmt den Ge-grüßten in demselben Grade, wie ihm umgekehrt ein ehr-erbietiger, artiger, freundlicher Gruß eine angenehme Er-regung des Selbstbewußtseins und eine wohlwollendeStimmung gegen den Grüßenden hervorruft. Es ist alsodieses Grüßen ein um so härterer Kampf, als er sichtäglich erneut und ganz im Stillen ausgefochten zu werdenpflegt, und es lohnt wohl die Mühe, diesen täglichen Kampfin seinen Einzelheiten einer kurzer Betrachtung zu unter-ziehen. Das Militär, das in praktischen Maßnahmendem Civil vielfach ein gutes Beispiel gibt, hat auch be-züglich der Art deS GrüßenS seine ganz bestimmten Vor-schriften, und Niemand ist bet ihm darüber in Zweifel,wer zu grüßen hat, wen und wie man zu grüßen hatund wie der Gegrüßte danken muß, und wenn sich auchmitunter hochgestellte Militärs erlauben zu können geweinthaben, statt die Hand an den Helm zu legen, dieselbebloß etwas zu erheben und wieder sinken zu lassen, sohaben sie doch bald genug erfahren müssen, daß dasnicht gut thut. Das Militär ist deßhalb auch in der an-genehmen Lage, wenigstens dieses Kapitel nicht in seinemsonst nicht eben dünnleibigen Buch der Aergernisse vor-zufinden. Andets ist das beim Civil. Hier ist für Jeder-mann ein gänzlich freier Spielraum gelassen, Vorschriftengibt es nicht, und gerade deßhalb ist dieses Kapitel inpsychologischer Beziehung ein äußerst interessantes. DerRespekt, vielleicht der Egoismus, gebieten selbstverständlich,jeden Vorgesetzten zu grüßen. Ist der Vorgesetzte einliebenswürdiger, humaner Herr, so fliegen die Kopf-bedeckungen fast freiwillig vor ihm herunter, und freund-liche, dankbare Mienen sagen ihm, wie gerne man ihmden Tribut der Achtung zollt. Ist er ein harter, stolzerMann, so wird ihm der Gruß in verschiedener Weissdargebracht. Der selbstbewußte Untergebene grüßt artig,aber kalt; der devote Streber dagegen reißt seinen Deckelbis auf die Erde herab, verbeugt sich und hält dabeiseinen Hut mit flehender Geberde vor sich hin, als wolleer einen Brocken Gnade hineingeworfen haben. DieseSorte kennt ihre Leute, und sie spielt ein heuchlerischesund deßhalb unverschämtes Spiel, weil sie sich einbildet,den Vorgesetzten glauben zu machen, daß ihr Ersterbenund ihre Ehrfurcht der Ausdruck tiefinnigster Ueberzeugungsei, und weil sie hofft, zu ihrem Vortheil den Vorgesetztenzu überlisten. Der unbetheiligte Zuschauer dieses Spielskaun sich aber leicht ein Urtheil über den Gegrüßten wie

den Grüßenden bilden. Viel interessanter ist jedoch dasBeobachten des Grüßens der von einander unabhängigen,einander dienstlich oder gesellschaftlich gleich gestelltenoder wenigstens nicht untergeordneten Personen. Vongroßen Städten, in welchen Bekannte sich seltener be-gegnen, ist dabei abzusehen; höchst amüsant ist dagegenin Städten mittlerer Größe, in denen sich die Leute meistkennen, das Studium der seelischen Vorgänge beim Grüßen,und man sagt gewiß nicht zuviel, wenn man behauptet,daß das Grüßen ein ewiger, stiller Kampf, ein immersprudelnder Quell des stillen Ingrimms, der Enttäuschungund deS Dranges nach Vergeltung sei. Da kommt einpenfionirter höherer Offizier, ein mißvergnügter Adeliger,das Militär grüßt schon zum Theil gar nicht, zum Theilnur in höchst nachlässiger, geflissentlich gleichgültiger Weise.Er hat ja nichts mehr zu befehlen und hat vielleicht inder Zeit seiner Gewalt die Leute genug geärgert, undnun heimst er die Früchte ein. Und nun vollends dasCivil, dem er jetzt zur größeren Hälfte angehört unddas er immer so sehr von oben herab angesehen hat.Selten lüftet ein Civilist den Hut vor ihm, der vielleichtin einer Gesellschaft mit ihm in Berührung gekommenist; auf anfangs artige Grüße hat er vielleicht, um seinfrüheres erborgtes Ansehen zu wahren, recht herablassendgedankt. Der Mann vom Civil sieht aber diesen Grundnicht ein, er hat sich damals über den nachlässigen Gegen-gruß geärgert, und das nächste Mal, gerade als der Pen-sionär recht artig grüßt, grüßt der Civilist recht nach-lässig, und mit stillem Ingrimm denkt der Pensionirtenun seinerseits:Na warte, das nächste Mal." Dabegegnen sich zwei ganz gleichgestellte Beamte. Jeder er-wartet den ersten Gruß, beide fahren mit den Händenein wenig in die HöhehutwärtS", jeder erwartet denAugenblick, daß der andere den Hut zuerst erfaßt habenwird, und sucht ihn dazu zu verlocken, um dann recht,liebenswürdig zu danken, allein der Moment kommt nicht,' langsam sinken die Hände herab, kalt gehen die Herrenan einander vorbei, und jeder sagt innerlich:Auf-geblasener Kerll" Der Herr Finanzmann, der täglichin großen Geldsummen wühlt, die freilich meistens an-deren Leuten gehören, ist nach und nach zu der Ueber-zeugung gekommen, daß er denn doch ein sehr wichtigesIndividuum ist, und grüßt Niemand mehr zuerst. JederGang über die Straße ist infolge davon ein Spießruthen-laufen für seinen verletzten Stolz, denn, ach! auch ihngrüßt Niemand mehr und Jeder, der das nicht thut, istin seinen Augen ein unverschämter Mensch, und es istdoch recht hart, unter solchen sein ganzes Leben zubringenzu müssen. Anders macht es der strebsame Herr Inspektor.Vor jedem männlichen und weiblichen Wesen reißt erseinen Hut herab, als wolle er einen Groschen erbittenund innerlich denkt er dabei:Die loben Dich alle, sowirst Du Carriöre machen." Allein auch er macht trübeErfahrungen. Am schlimmsten ist der Herr Volksvertreterdaran; er hat ja so unendlich viele Freunde; jeden mußer möglichst zuerst grüßen. Auch der größte Lump hatihm seine Stimme gegeben und will dafür honorirt sein:ein versagter Erstgruß und eine Stimme ist für dienächste Wahl unwiederbringlich verloren. Armer, geehrter,geplagter Mann! Du mußt es Dir sauer werden lassen!

Eine eigenthümliche Welt! Närrische Leute überall!Ueberall Ansprüche, Dünkel, Enttäuschung, Aerger, Rache-durst, Schmerzen, die um so grimmiger packen, als sieganz im Stillen verbissen werden müssen. Welch' klein-