Ausgabe 
(11.9.1896) 76
Seite
583
 
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liche, erbärmliche Naturen, die sich nicht zu dem Gefühlgesellschaftlicher Freiheit und dem internationalen humanenGrundsatz bekennen können:Seid umschlungen, Millionen,diesen Kuß der ganzen Welt!" oder zu der philosophischenHöhe:Wer meinen Gruß nicht erwidert, oder wer michnicht grüßt, der läßt es eben bleiben, meine Hutrassekann nur dabei gewinnen."

Aber nun noch für einen Augenblick zu dem schönenGeschlecht. Im Allgemeinen werden die Damen anerkennenMüssen, daß von Seiten des stärkeren Geschlechts ihnenein nicht geringes Quantum von Ehrerbietung entgegen-gebracht wird. Viele weibliche Personen aber werden da-durch verwöhnt, und während ein Theil von ihnen inunmuthig freundlicher Weise den Gruß des Herrn er-widert, muß man auch häufig genug wahrnehmen, daßder Gegengruß einer großen Anzahl dann in einer Weiseerfolgt, die zur Vermuthung Anlaß gibt, man habe dieSchöne eben erst aus's Tiefste beleidigt, während mandoch beabsichtigt hatte, ihr etwas Angenehmes zu er-zeigen. Besonders viele junge Damen haben eine Art,selbst älteren Herren, die nicht die mindeste Verpflichtungßabeu, sie zu grüßen, in einer so hochmüthigen, schnip-pischen Art zu danken, daß sie erst nach und nach durchVersagen des Grußes zur Einsicht gebracht werden müssen.Wie artig wird dann solch ein Backfischchen, doch auchwelchen Aerger hat es hinuntergeschluckt, bis es zur Ein-sicht gekommen ist, daß, wenn man nichts weiter ist alsdas Töchterchen eines einflußreichen Papa'L, man dochbesser thut, sein Naschen etwas weniger hoch zu tragen. So spinnt sich alltäglich der stille, aber trotzdem heftigbrennende Kampf weiter, und er wird fortdauern, solange in Folge einer verkehrten Erziehung Ueberhebung,Hochmuth und zu großes Selbstbewußtsein im Menschen-herzen wohnen.

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Verlorene Liebesmüh.' Herr Versicherungs-agent Jfidor Schnapper geht fleißig auf dieCandidaten"-Suche aus. Unter anderm macht er einem ihm nur perAdreßbuch bekannten Herrn Müller einenAcquisittons"»Besuch, trifft aber nur die Frau vom Hause an. Zwischendieser und Herrn Schnapper entspann sich folgender Dialog:Schnapper:Verzeihung, Herr Müller wohl zu sprechen?"

Frau Müller:Mein Mann? bedauere sehrSchnapper:O bitte, das macht vorläufig nichts, ziehesogar vor, zuerst mit der Dame vom Hause eine kleineRücksprache zu nehmen, sie in meinen menschenfreund-lichen Bestrebungen zur xuräon Verbündeten zumachen. Habe die Ehre, ZWen mich als Vertreter derNeuen Neust-Greiz-Schleiz-Gera-Lobenstein'schen Allge-meinen Lebens- und Beamten-VerstcherungS-Gesellschaftauf Gegenseitigkeit vorzustellen." Frau Müller:Ah ..." Schnapper:Ja, und Sie zu bitten, mitmir vereint auf Ihren geehrten Herrn Gemahl einzu-wirken, daß er baldmöglichst unserer höchst segensreichwirkenden Gesellschaft beitritt. Unsere Prospecte"

(führt die Rechte Zur Brusttaschej. Frau Müller:Ich danke sehr, mein Herr, mein lieber Mann . . ."

Schnapper:Ihr Herr Gemahl ist Spediteur, führtalso ein ziemlich unruhiges, arbeitsvolles Leben

Frau Müller:Sie irren, mein Mann hat . . ."

Schnapper:Ruhe? Das ist's eben, Ruhe, Ruhe!

Stillsitzen, dickes Mut. Schlagfluß!-Herr Müller

neigt natürlich zur Fettleibigkeit?" Frau Müller:Das war allerdings früher der Fall, aber jetzt . .

Schnapper:Wieder Abnahme? Ein böses, sehrböses Zeichen, unregelmäßige Ernährung, Verdauungs-störungen ..." Frau Müller:Bitte sehr, davonist ja keine Rede ..." Schnapper:Verzeihung,wenn das nicht der Fall, um so besser, ein regelmäßiglebender, solider Mann ist unsern humanitären Bestre-bungen am leichtesten zugänglich. Sie, Vereinteste, habenohne Zweifel auch großen Einfluß auf ihn?" FrauMüller:Einfluß? Leider ..." Schnapper:Ei,das wäre? Also ist Ihr Gemahl zum Widerspruch ge-neigt?" Frau Müller:O, nicht im Geringsten. . ." Schnapper (eifrig):Dann ist er unser!Helfen Sie mir, gnädige Frau: bedenken Sie, es giltdas eigentlichste Interesse Ihrer sowohl, als Ihrer Kin-der ..." Frau Müller:Ach, wie gerne sähe ich,wenn mein lieber Fritz ..." Schnapper (in Extase):sich versichern wollte? Nun, was für ein Aber gicbtsdenn noch, wenn Sie für die Sache gewonnen sind? Wasdie Frauen wollen, will auch Gott !" Frau Müller:Ach wie schön Sie reden können, bester Herr. Aber esist ja unmöglich, rein unmöglich, denn ..." Schnapper(überschnappend vor Erregung):Denn? denn? . . ."

Frau Müller:Denn mein lieber Mann ist leidervor drei Monaten gestorben!"

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StarhembergS Unerschrockenheit war sogroß, daß man von ihm sagte:Er würde, wenn derHimmel einfiele, die Farbe nicht ändern." Einst ließPrinz Eugen von Savohen bei einer Tafel im Lagerhinter dem Sitze StarhembergS unerwartet, als desKaisers Gesundheit ausgebracht wurde, einige Böller los-brennen und in demselben Augenblicke, als das Zeltrückwärts zusammenstürzte, von allen Seiten die Feld-musik erschallen. Allein Starhemberg trank, ohne sich nurumzusehen, das Glas langsam aus und lächelte kaum.

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" ThenreS Andenken. Frau A.:In dem Medaillon

haben Sie wohl ein theures Andenken?" Frau B.:Ja, da ist eine Locke von meinem Mann drinn."Frau A.:Na, Ihr Mann lebt aber doch noch?"Frau B.:Ja, aber seine Haare leben nicht mehr."

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Maria KeömL?)

Septembermorgen bricht heran,

Die ersten, weißen Nebel zieh'n,

Doch trägt die Linde noch ihr Blatt,

Im hellen, sommerfrischen Grün.

Dicht noch umspielt ihr zitternd LaubDas Kleinod an dem Stamm, dem grauen,Waldvöglein flattern im Gezweig,

Und klug zum frommen Bild sie schauen.

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Heut' ist der frohe Tag,

An dem uns ward gesendetDie Jungfrau sündenfreiDurch die das Leid gewendet.

*) AusMaricn-Leben" von Sophie von Künsberg .