M 78.
Ireitag, den 18. September
1896.
Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler ).
Ein furchtbares Geheimniß.
Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary AgnesFlemming nacherzählt von LinaFreifrau v.BerlePsch.
< Fortsetzung.)
3. Kapitel.
Wie sie sich trafen.
Miß Stuart begab sich zurück ins Arbeitszimmer,in dem sich über ein Dutzend junger Mädchen befanden.Diese bemerkten nicht, daß sie bleicher war als gewöhn»lich; auch ihr Schweigen fiel nicht auf, sie waren darangewöhnt. Edith hielt alle in würdevoller Entfernung undwar zudem bei Madame Mirabeau und der Vorarbei-terin beliebt. Folgerichtig konnten die Gefährtinnensie nicht leiden, ihnen war ihr schweigsames, abgeschlosse-nes Wesen zuwider. Eine Atmosphäre des Geheimnissesumgab sie. In all' dem Gewühle war sie wie ein Felsim Meer. Aeußerlich hatten die zehn Monate sie wenig,innerlich war sie sehr und schwerlich zum Besten geändert.
Lang und bitter hatte sie gekümpft, bis sie densicheren Hafen gefunden. Monatelang trieb sie ohneSteuer und Compaß, ohne Lotsen umher auf dem men-schenumwogten London . FreundloS und allein war siegekommen mit wenig Geld und Kenntniß des Stadtlebens.Eine Wohnung fand sie leicht und suchte nun Stellungals Erzieherin und Gesellschafterin. Dutzende wurden inden Zeitungen verlangt, sie aber hatte keine Referenzen,und alle Thüren schlössen sich vor ihr. Jung, hübsch,ohne Empfehlungen, Geld oder Freunde, wie sollte esihr gehen? Die geringe Baarschaft war bald veraus-gabt, sie versetzte ihre Juwelen und Kleider. Bleich,hohläugig wurde sie in der schrecklichen Zeit, schwarzeVerzweiflung erfaßte ihr Gemüth. Sollte sie dienen oderverhungern? Selbst als Zofe bedurfte sie Zeugnisse.In solch' dunklen Stunden las sie Madame Mirabeau'sGesuch um Arbeiterinnen und wandte sich an sie. Ge-schickte Mädchen brauchte diese; sie wurde angenommen.Wochenlang hielt man sie in strenger Aufsicht, dannwar man überzeugt, daß sie keine Absicht hege auf diekostbaren Stoffe und werthvollen Spitzen der aristokrati-schen Kundschaft, daß sie wirklich Arbeit wolle und voll-brachte. Sie erwies sich so anstellig, geschickt und ge-schmackvoll, daß Madame Mirabeau sich schmeichelte, einenSchatz gefunden zu haben. Im Laden zu bedienen, wei-gerte sie sich entschieden. „Ich habe Gründe, mich ge-
heim zu halten", sagte sie offen, „im Laden dürfte icherkannt werden, und dann müßte ich Sie sofort verlassen."
Madame Mirabeau wollte ihre beste Arbeiterin nichtverlieren und gab nach. Die sentimentale Französin dachte,Miß Stuart sei von Rang und verberge sich unglücklicherLiebe wegen vor ihrer Familie. Da aber eine hoffnungs-lose Leidenschaft dem Kleidermachen nicht im Wege stand,behielt sie das Mädchen, und Edith war nach unsagbarviel Schmerz, Angst und Sorge gelandet. Nun floß ihrLeben öde, sanft und ereignißlos dahin. Den ganzenTag in der Arbeit, Abends im Sommer gelegentlich einenkurzen Spaziergang, dann begab sie sich, müde an Geistund Körper, sofort zur Ruhe. So war ihr äußeres Leben.Was soll ich von ihrem inneren sagen? Sie selbst konntekeinen Aufschluß geben. Wir bekommen irgendwo Kraft,das Unglück zu ertragen und zu leben. An den Gattendachte sie nur mit Haß, sie verabscheute ihn. Das Paket-chen Briefe von Rudolf war ihre einzige Freude; sie lassie hundert Mal und betrachtete das Bild, bis daslächelnde Auge, die geliebten Züge überall vor ihrer Seeleschwebten. Die Türkisbroche trug sie immer und küßtesie Morgens und Abends. All' das war unrecht, derBegriff aber war ihrem Geiste nicht klar, sie wußte nur,daß sie Rudolf liebte. Wie oft dachte sie an das, washätte sein können. Rudolf arm, aber sie sein eigen, ihmvermählt, er arbeitete für sie, sie that das Ihre, um ihrLoos behaglich zu machen und ihn glücklich. SolchenBildern hing sie nach, bis sie zur Qual wurden, undimmer wieder erklangen in ihrem Herzen die Worte: „Wasimmer Dir das Leben bringe, mich darfst Du nicht ta-deln." Die Zeit hat ihr Einsamkeit, Armuth und Ver-zweiflung gebracht — durch ihre Schuld; das war derbitterste Gedanke. Sie hatte die Armuth gefürchtet unddeshalb sich und ihr Herz verkauft, und nun hatte un-geahnte Armuth sie befallen. Wäre sie wahr gewesengegen sich selbst, wie glücklich wäre sie geworden? ZnmGlück war sie meist zu müde, um zu denken. Bis zuJnez' Besuch hatte sich in ihrem gleichförmigen Daseinnichts ereignet. Nun war ihr Herz voll bitteren Tumultes;alles Sanfte, Vergebende ihres Wesens schien erstürben,ihr Mann hatte sie schmählich beleidigt, was lag daran,wenn er starb? Dann war sie frei!
An dem Abend wurden die Arbeiterinnen längerals gewöhnlich zurückgehalten, und als endlich die Feier-stunde schlug, regnete und dunkelte es.
Miß Stuart beachtete es nicht, daß eine verhüllte