Ausgabe 
(18.9.1896) 78
Seite
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Gestalt sie erwartete und ihr folgte. Nasch eilte sie da-hin und gelangte an eine Stelle, wo sie über die Straßewußte. Wagen und Omnibusse fuhren zahllos vorüber,sie wartete mehrere Minuten, aber keine Unterbrechungmachte sich fühlbar. Ungeduldig versuchte sie, die ge-fährliche Passage zu überschreiten. Es war naß undschlüpferig. Die Kutscher gaben Warnungsrufe. Sieverlor die Geistesgegenwart und streckte die Arme aus,wie um den Wagen abzuhalten. Plötzlich fühlte sie sicherfaßt und hinübergetragen. Am entgegengesetzten Rand-stein aber traf eine Wagencichse ihren Retter und schleu-derte ihn zu Boden. Edith stand unverletzt auf demTrottoir. Die Menge sammelte sich sofort um den Un-glücklichen. Man trug ihn in die nächste Apotheke. Wiebetäubt folgte Edith. Ihretwegen hatte der Fremde denUnfall erlitten. Sein Gesicht wurde von Blut und Schmutzgereinigt und war sie noch betäubt, oder war es SirVictors Antlitz, blutlos und leichenhaft? Sie stützte sichauf den nahen Tisch. Alles schien sich mit ihr zu drehen.Hatte er bet ihrer Rettung sich den Tod geholt?

Kennt ihn Jemand?" fragte der Apotheker.

Niemand antwortete.

Der anwesende Polizist schaute scharf auf Edith,deren Züge zu deutlich verriethen, daß sie wußte, wer er war.

Sie kennen ihn, Fräulein, nicht wahr, indem erSie rettete, geschah ihm der Unfall; wer ist er?"

Sir Victor Chateron."

Dacht' mir's, daß er ein vornehmer Kauz sei.Wissen Sie wo er wohnt?"

Nein", sagte sie mechanisch,vielleicht trägt erKarten oder Papiere bei sich. Sie glauben doch nicht,daß er todt ist?"

Eine Stunde früher hätte sie vielleicht seinen Todgewünscht, jetzt schien es ihr schrecklich.

Nein, Fräulein, todt ist er noch nicht, obgleich erdarnach aussieht. Hier ist seine Visttenkartentasche.SirVictor Chateron, Baronet, Fentons Hotel", holen wireinen Wagen und lassen wir ihn heimbringen. Jemandaber muß ihn begleiten; ich kann nicht, hoffentlich könnenSie, Fräulein?"

Ist es nöthig?" fragte Edith wiederstrebend.

Versteht sich", entgegnete der Polizist,der armeMensch sieht sonderbar aus, und wenn er unterwegsstürbe"

Ich werde mitgehen", sprach Edith entschlossen.

Der Wagen wurde geholt und der bewußtlose Baronhineingetragen. Edith nahm schweigend neben ihm Platz;was konnte sie thun? Es war schließlich mir eine For-derung der Menschlichkeit.

Fürchten Sie sich nicht", tröstete der Apotheker,erist nicht todt und wird wahrscheinlich bald wieder zu sichkommen." Der Wagen rasselte fort.

4. Kapitel.

Wie sie sich trennten.

Entsetzt dachte Edith später an die Fahrt. Sovielals möglich wandte sie den Blick ab von den starren,bleichen Zügen, und doch zog es sie unwillkürlich immerwieder hin. So hatte Miß Chateron wahr gesprochen:der Tod stand auf seinem Gesicht. Wie, wenn doch einGeheimniß vorlag, mächtig genug, um sein Vergehen zurechtfertigen? Warum aber hatte er ihr dann keinenAufschluß gegeben? ^

Sie erreichte.! das Hotel; Jamison erschrak dem

Aussehen seines Gebieters und dem Anblick seiner Ge-mahlin.

Mylady l" stammelte er, als habe er ein Gespenstgesehen.

Ihr Gebieter hatte einen Unfall, bringen Sie ihnzur Ruhe und senden Sie nach einem Arzt. Sollte LadyHelena in der Stadt sein"

Sie ist hier, Mylady, wollen Sie nicht gefälligsteintreten und warten, bis sie kommt."

Edith überlegte einen Moment. Jemand mußte zurErklärung da sein; sie konnte nicht fort, ohne zu wissen,ob er sich in ihrem Dienste tödtlich verletzt habe.

Ich werde bleiben; senden Sie sofort zu ihr."

Sie folgte ihm in ein elegantes Gemach. Welch'seltsames Abenteuert Wie oft hatte sie die Freiheit er-sehnt, jetzt schien sie ihr nahe und sie erbebte bei demGedanken.

Mir wird wie einer Mörderin zu Muthe sein,wenn er stirbt", dachte sie.

Langsam verstrich die Zeit; eS war weit nach St.Johns Wood, und Edith schlummerte endlich ermüdetein. Plötzlich erwachte sie mit dem Bewußtsein, daß Je-mand bei ihr sei.

Lady Helena betrachtete sie mit thränenvollen Augen.

Edith l"

Ich glaube, ich bin eingeschlafen", sprach sie ver-legen;aber ich war so müde und Alles um mich soruhig. Wie geht es ihm?"

Besser; er schläft. Der Arzt gab ihm ein Opiat.ES war lieb von Dir, daß Du kamst."

Es war nur eine Pflicht der Menschlichkeit", ent-gegnete Edith und erzählte kurz den Vorfall.

Armer Junge!" rief Lady Helena mit schweremHerzen,gern stürbe er, Dir einen Moment des Schmerzeszu ersparen, und mußte Dir doch das größte Leid thun.Du kannst es nicht verstehen; wenn Du aber einst Alleserfährst, wirst Du ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen.O, daß Du Jnez' Anerbieten angenommen hättest, ertrüge dann leichter die Trennung. So aber tödtet esihn, und Worte künden nicht, was er seit jenem ver-hängnißvollen Hochzeitstag gelitten. Sein Herz brach,als er Dich verließ. Aber auch Du littest, liebes Kind."

Sprechen wir nicht davon, Lady Helena, was ge<schehen ist, ist geschehen, und die schlimmste Zeit ist fürmich überstanden. Ich bin froh, daß Sir Victor, indemer mich rettete, keine ernstliche Verletzung sich zuzog, undhoffe, daß er sich bald erhole. Jetzt aber ist es spätgeworden und höchste Zeit, daß ich heimgehe."

Heimgehen, um diese Zeit? Gewiß nicht. Dumußt die Nacht über hier bleiben, ich habe bereits Befehlgegeben, daß ein Zimmer für Dich bereit gehalten wird."

Edith gab nach und wurde alsbald in das betreffendeGemach geleitet.

So sollte sie die Nacht unter einem Dache mit SirVictor zubringen. Wie zornig hätte sie vorher den Ge-danken zurückgewiesen!

Früh am folgenden Morgen pochte Jnez an Ediths Thür.

Lady Helena wartet mit dem Frühstück auf Sie,bitte, kommen Sie bald."

Wie geht's Sir Victor?"

Besser; er weiß nun, daß Sie im Hause sind undbittet, Sie einen Moment sehen zu dürfen. Haben SieMitleid mit dem Sterbenden und begeben Sie sich Zu ihm."

Edith entfärbte sich.