„Daraus kann nichts Gutes entspringe», wenn eres aber sehr wünscht, will ich zu ihm gehen, verlasse ihnaber sofort, falls er eine Wiedervereinigung erstreben sollte."
„Er wird es nicht thun, er weiß wie hartnäckig Siesind. Nur eine letzte Bitte will er an Sie richten."
Sie gingen hinab. Edith aß wenig; trotz ihresStolzes, ihrer Selbstbeherrschung bangte sie vor dem Zu-sammentreffen. Endlich erhob sie sich bleich und ernst.
Jnez führte sie an die Thür des Krankenzimmersund klopfte.
Ediths Herz pochte laut.
„Sagen Sie Sir Victor, Jamison, daß LadyCha-teton ihn zu sehen wünsche."
Der Bediente verschwand.
„Sir Victor bittet Mylady, sofort einzutreten."
Edith trat ein und stand vor ihrem Gatten. DasGemach war nur halb erleuchtet, dennoch bemerkte sieseine blutlose Blässe.
""" „Sie wünschen mich zu sehen, Sir Victor?"
Kalt und förmlich sprach sie die Worte.
„Edith!"
Das Wort entrann sich voll Liebe und Angst seinemHerzen, selbst ihr gegen alles Mitleid gewappnetes Wesenerzitterte.
„Ich bedaure, Sie krank zu sehen und —"
Sie stockte, selbst ihr schienen die Gemeinplätze un-erträglich.
„Edith!" wiederholte er in namenloser Verzweiflung,„vergib, habe Mitleid! Du hassest mich, und ich ver-diene es, aber selbst Du ließest Dich erweichen, wüßtestDu Alles."
Ein Stein hätte sich dieser Stimme voll Herzens-angst erbarmt.
„Ich bedaure Sie, Sir Victor", sagte Edith sanft,„aber vergeben kann ich Ihnen nicht; ich wurde behandeltwie nie ein Mädchen vor mir, und ich kann es niemalsvergessen."
Er bedeckte das Gesicht mit den Händen, und siehörte ihn schluchzen im stummen Elend.
„Es wäre besser gewesen, ich wäre nicht gekommen",fuhr sie weich fort, „Sie sind krank, und die Aufregungwird Ihnen schaden."
„Ich bat Dich, zu kommen, auf baß Du wir ver-sprächest, zu erscheinen, wenn ich auf dem Todtenbettenach Dir sende", sprach er traurig, „bevor ich sterbe,muß ich Dir das schreckliche Geheimniß sagen, das meinDasein vernichtet, das im Leben zu enthüllen ich nichtden Muth fand. Wenn Du Alles weißt, wirst Du mirvergeben, Edith; o versprich, daß Du kommen wirst,wenn ich Dich rufe!"
„Ich verspreche, zu kommen und anzuhören, wasSie mir sagen werden, nun leben Sie wohl, Sir Victor."
Sie wandte sich, ohne eine Antwort abzuwarten.Als sie die Thüre öffnete, rief er klagend:
„O, bleib' bei mir, Edith, meine Geliebte, meinWeib l«
Sie eilte fort.
So hatten sie sich getroffen und getrennt, nur derTod sollte sie wieder vereinigen. Sie trat hinaus inden glänzenden Morgen, das Herz voll unwillkürlichenMitleids mit dem Manne, den sie soeben verlassen.
6. Kapitel.
Des Geheimnisses Enthüllung.
Edith begab sich in das Arbeitszimmer in der Ox-
fordstraße, zurück zu dem alten Einerlei, und eine selt-same Ruhe kam über sie. Ihr war es, als seien dieEreignisse der verflossenen Nacht ein böser Traum ge-wesen. Immer wieder schwebte sein bleiches Antlitz ihrvor, tönte sein verzweifelter Aufschrei ihr im Ohr. All'ihr Haß, ihre Rachegedanken waren verschwunden! Sieverstand die Sachlage nicht mehr als früher, aber sie be-dauerte ihn von Herzensgrund.
Man störte sie weder durch Briefe, noch Besuche.Nur bemerkte sie im Laufe der Zeit, daß jeden Abendeine Gestalt ihr folgte. Sie wußte, wer es war, undgewöhnte sich daran. Sie verstand sein Motiv, wußte,daß er kam, sie zu schützen vor jedweder Gefahr. Erglaubte sich unbemerkt, und nur zwei Mal sah sie vor-übergehend sein Gesicht. Wie todtenähnlich es war!
„Armer Mensch", dachte Edith, und ihr Herz wurdeweich, „wie treu er ist und wie er mich liebt."
Die Tage vergingen und es war Mitte Septembergeworden. Nie fehlte ihr Schatten auf seinem Posten.Wie man sich an Alles gewöhnt, so gewöhnte sie sich sosehr an ihn, daß sie nach ihm aussah. Endlich fehlteer. Abend um Abend verstrich, und sie kehrte allein nachHause. Etwas war vorgefallen. Die ganze Zeit überwar es sein erster Gedanke beim Erwachen, seine einzigeFreude gewesen, daß er Abends seiner Frau folgen undihre Gestalt sehen dürfte, vor ihrem Hause zu wachen,die erleuchteten Fenster zu beobachten und endlich, alses kälter wurde, heimzukehren und sich auf das nächsteWiedersehen zu freuen. Bei jeder Witterung war ergegangen und oft durchnäßt und erkältet heimgekehrt.Schlaflose, fieberische Nächte und körperliche und geistigeNiedergeschlagenheit waren die Folge. Doch so lange erstehen konnte, erschien er auf seinem Posten. Endlichaber forderte die Natur gebieterisch ihre Rechte; es kamder Morgen, wo Sir Victor nicht mehr aufstehen undein fester Wille den schwachen Körper nicht mehr be-herrschen konnte.
Voll Angst holte der treue Diener Lady Helena,die sofort nach dem berühmten deutschen Arzt, den sielängst zu konsultiren gewünscht hatte, sandte. Dieserhatte mit dem Kranken allein eine lange Unterredung,und als er endlich ihn verließ, trugen seine Züge denAusdruck von Schmerz und Mitleid.
Sir Victor sandte nach seiner Tante. Er lag aufeinem Divan neben dem Fenster; die Abendröthe strahlteverklärend auf sein Gesicht. Träumerisch blickte seinAuge auf die sinkende Sonne, schwaches Lächeln umspielteseine Lippen. Es war ein seltsames Bild, das der TanteHerz erstarren ließ.
„Was wünschest Du?" fragte sie leise.
„Hast Du von zum Tode Verurtheilten gehört,Tante, die in letzter Stunde begnadigt worden? Ichglaube, mir ist jetzt so zu Muthe. Meine Befreiung naht."
„Sagte Doctor Weither, daß Du Dich erholen würdest,Victor?"
„Er sagte, ich leide an Atrophie des Herzens undwürde keine drei Wochen mehr leben."
Sie waren in Chateron Royals; auf seinen Wunschhatte man ihn dorthin gebracht, so lange es noch ging.
Noch immer war das Schloß herrlich geschmückt fürdie Braut, die nie gekommen war. ''
Der September nahte seinem Ende. Seit des ArM