Ausgabe 
(18.9.1896) 78
Seite
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Besuch hatte es sich schnell verschlimmert und eine Läh-mung der unteren Extremitäten stellte sich ein.

Am letzten September erschien Doctor Weither zumletzten Male.

Ich kann nichts thun", sagte er zu Lady Helena,menschliche Hilfe ist hier machtlos, Sir Victor überlebtdiese Woche nicht."

Der Baron hatte die Worte gehört und heftete mitjener, Sterbenden oft eigenen Heiterkeit den Blick aufden Arzt.

Sind Sie dessen gewiß, Doctor ?"

Ja, Sir Victor, ich sage meinen Patienten immerdie Wahrheit."

Lächelnd wandte er sich zur Tante.

Endlich, endlich darf Edith zu mir kommen undich ihr Alles sagen. Danke Gott dafür und lasse siesofort holen."

Mit dem Nachtzug fuhr Jnez Chateron nach London und als Madame Mirabeau's Arbeiterinnen kamen, war-tete sie auf Miß Stuart, die alsbald mit ihr das Ge-schäft verließ, um nicht wiederzukehren.

Es war der zweite Oktober, der Jahrestag des Hoch-zeitsvorabendes. Und so kam die Braut endlich heim.

Welch' schreckliches Jahr war es für sie gewesen,wie ein böser Traum. Endlich aber sollte sie Alleshören und der Tod Alles sühnen. Sie sprach auf demganzen Wege kein Wort. Ihr Herz war voll Leid undFurcht.

Als sie die Säulenhalle von Chateron Royals be-trat, dunkelte eS.

Sir Victor befindet sich sehr schlecht", meldete Ja-Mison,und sehnt sich nach Mylady's Ankunft."

Lady Helena empfing sie auf der Treppe und ge-leitete sie, nachdem sie sich erfrischt, ins Krankenzimmer.

Bebend trat sie ein, Tante Helena schloß die Thüre,und sie war allein mit dem Sterbenden.

Beim schwachen Schein von zwei Wachskerzen sahsie das bleiche Gesicht, auf dessen Augen selbst der Toddie Liebe nicht verbannen konnte.

Edith kniete neben dem Lager nieder.

Es ist besser so", flüsterte er,viel besser. DasLeben war eine Qual, und das hätte nie anders werdenkönnen. Wie oft dachte ich an Selbstmord, der Himmelaber hat gnädig mich davor bewahrt. Der Tod kommtvon selbst und hat Dich nun auch mir gebracht. Duhast gelitten", sprach er zart,ich wollte Dich vor jedemLeide schützen, Dein Dasein zu einem Traum des Glückesmachen, und sieh, wie ich es that. Du hassest mich mitRecht, kannst mir vielleicht nicht einmal vergeben, wennDu Alles weißt; und doch handelte ich, wie ich handelnwußte, und könnte nicht anders, wenn Alles wieder käme.Für Dich aber ist es hart."

Selbst im Tode also galten feine Gedanken nurthr. Und als sie ihn anblickte und bedachte, wa§ ernoch vor einem Jahre gewesen, schien es ihr zu viel zumErtragen.

O, stille, stille, Victor", schluchzte sieDu brichstmir das Herz."

Ein seliges Lächeln verklärte seine Züge.

Ich will Dich nicht betrüben, Edith, und ich fühlemich heute glücklich, als hätte ich keinen Wunsch mehr,als wäre ich Deiner Vergebung gewiß. Es ist Glückgenug, Dich hier zu sehen, Deine Hand in der meinenzu fühlen, zu wissen, daß ich Dir endlich Alles sagen

darf. Mit unendlicher Sehnsucht erwartete ich dieseStunde, nur Vergebung und Tod, «ehr wollte ich nicht.Was wäre das Leben ohne Dich? Ob Du wohl jemeine Liebe bezweifelt hast?"

Ich weiß eS nicht", entgegnete sie leise,manch-mal hatte ich schwarze, verzweifelte Gedanken, es warNacht in mir und um mich, ich wage nicht, Dir zu sagen,wie böse mein Herz gewesen"

Armes Kind, Du warst so jung, und Alles kamso plötzlich uno unerklärlich. Setze Dich neben michund höre."

Wortlos zog sie einen Stuhl an sein Lager undlauschte der Geschichte des Geheimnisses, das so langesie getrennt.

ES datirt sich von der Nacht, wo mein Vater starb",begann Sir Victor,wo ich das Geheimniß des Mordesmeiner Mutter erfuhr und meinen Vater namenlos be-mitleiden lernte. Der unglückliche Mann hat sein Weibselbst getödtet. Tante Helena und Jnez wußten es längst,Juan vermuthete es. Trotzdem schwieg er. Meines VatersHand durchbohrte meiner Mutter Herz. Warum hat eres gethan? frägst Du. Weil er wahnsinnig war, langebevor Jemand es ahnte. Selbst seine Frau hatte keineIdee davon. Er litt an Mordmanie, Wahnsinn ist erb-lich in unserer Familie. Sein Wahn bestand im Mor-den. In jeder anderen Hinsicht war er bei Vernunft.Noch vor Ende der Flitterwochen entwickelte sich dieManie, sein Weib zu morden, und das Verlangen warkaum zu bewältigen, wenn er mit ihr allein war. DerWahn entsprang aus der Macht und Tiefe seiner Ge-fühle. Er liebte sie von ganzem Herzen und fühlteimmer mehr das wahnsinnige Sehnen, sie zu tödten, weilsie dann ganz sein sei. Er kannte seinen Irrsinn, wichentsetzt davor zurück, kämpfte mit dem gräßlichen Ver-langen und bezwäng sich ein Jahr. Juan Chateron kamund forderte meine Mutter als sein Weib, und Eifer-sucht vollendete, was die unselige Manie eingeleitet. Andem verhängnißvollen Abend hatte er die Beiden im Parkbeisammen gesehen und war wüthend darüber. Da kamdie Aufforderung, zur Tante Helena nach Powys Placezu kommen. Er ging. Unterwegs flüsterte ihm derDämon der Eifersucht zu:Deine Frau ist jetzt beiJuan, gehe heim und überrasche sie." Wie ein Rasenderkehrte er um, die letzte Spur von Beherrschung war ver-loren. Er traf die Mutter nicht in Vetters Gesellschaft,sondern friedlich schlummernd am offenen Fenster. Aufdem Tische daneben lag ein Dolch, der als Papiermesserbenutzt wurde. Zu dieser Zeit war er völlig verrückt.In einem Moment stak der Dolch in ihrer Brust, er zogihn heraus, und sie lag todt vor ihm. Da ergriff ihnein furchtbarer Schrecken. Er wandte sich zur Flucht.Seltsamer Weise begegnete er Niemand. Als er daSThor passirte, schleuderte er den Dolch in daS Gebüschund enteilte. Er ritt nach Powys Place, und bevor eres erreichte, kehrte die Schlauheit deS Wahnsinns zurück.Er durfte die Leute nicht wissen lassen, daß er es gethan,sie würden sonst denken, daß er verrückt sei, und ihn inSIrrenhaus sperren. Wie er es bewerkstelligte, wußte ernie. Niemand verdächtigte ihn, nur Jnez, die im Zimmerwar, hatte Alles gesehen, den tödtlichen Stoß, die eiligeFlucht, und stand sprach- und regungslos. Er erinnertesich später an nichts mehr, des Wahnsinns Nacht umgabihn völlig und hellte sich nur zeitweise auf. DaS ist dieschreckliche Geschichte, die mir in jener Nacht erzählt wurde.