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die sein und Dein und mein Leben vernichtete. Sprach'los vor Entsetzen hörte ich zu. Noch ist's, als klängenmir des Vaters letzte Worte im Ohre wieder: „Ich sageDir's, theils weil ich glaube, daß Du's wissen sollst,theils, weil ich Dich warnen muß. Du willst heirathen,Victor, bedenke, was Du thust. Die schreckliche Ansteck-ung ist in unserem Blute, Du liebst Deine Braut, wieich das Weib, das ich gemordet. Nimm' Dich in Acht,laß Dich warnen, sonst dürfte mein Geschick das Deine,Deiner Mutter Loos das ihre werden. Ich wünsche,wenn ich wagte, würde ich befehlen, daß Du Dich nieverwählst, daß Du den Namen und den Fluch aussterbenlassest." Ich konnte nicht mehr hören und stürzte ausdem Zimmer, aus dem Hause — hinaus in Regen undDunkelheit, als sei der Fluch schon über mich gekommen.Was ich that, wußte ich nicht. Endlich kam die Tanteund sagte mir, daß der Vater todt sei. Ich schlug mirseine letzte Warnung aus dem Sinn und schwur, Dichnicht zu verlassen. Von der Stunde an war mein Ge-schick besiegelt. Ich kehrte nach Powys Place zurück, einAnderer, als ich gegangen. Ich war wie gehetzt. Tagund Nacht verfolgte mich des Sterbenden Warnung, undals Refrain tönte mir die Prophezeihung der Alten imOhr. Ich hielt es unmöglich, dem zu entgehen. MeinerMutter Loos", fuhr Sir Victor fort, „mußte das Deinesein, am Hochzeitstage mußte ich Dich tödten. Es standgeschrieben. Niemand konnte eS ändern. Ich weiß nicht,lag es in meinem Blute, oder war es bedingt durch dasendlose Brüten über das Gehörte, das Schicksal erreichtemich, ich verfiel der Mordmanie. O Edith, ich fühlteeS, hörte das schreckliche Flüstern in meinem Ohre, undin meinem Herzen regte sich der grause Wunsch, Dich zutödten. Oft und oft floh ich Deine Gegenwart, wennmir's war, als könnte ich der Versuchung nicht längerwiderstehen. Und doch wollte ich Dich nicht aufgeben.Das kann ich mir nie verzeihen. Der Gedanke, Dich zuverlieren, schien mich zu vernichten, und ich wagte nicht,Dir die Sachlage mitzutheilen, weil ich fürchtete, Duwürdest zurücktreten. Unser Hochzeitstag kam; er sollteder glücklichste meines Lebens werden und war der un-seligste. Die ganze Nacht vorher und am Morgen kämpfteder Dämon mit mir. Ich vermochte nicht, ihn zu be-schwören, am Altare stand er zwischen uns. Auf derHochzeitsreise wagte ich kaum, Dich anzusehen, weil ichfühlte, daß ich sonst die Beherrschung verlieren und Dichtodten würde. Was ich litt, vermag keine Zunge aus-zusprechen. Ich wußte, daß ich verrückt sei, daß derWahnsinn mich früher oder später überwältigen würde.In Carnarvon überkam eS so wich gewaltig, daß ich von Direntfloh. Der Gedanke, daß ich Dich tödten würde, Dich,die mir vertraut, die mich geheirathet, ahnungslos, daßDu ein blutdürstiges Ungeheuer an Dich gekettet, verfolgteMich. Ich fiel verzweifelnd auf die Kniee, hob die Händegen Himmel und flehte um Hilfe und Beistand. EineStimme schien mir zu antworten: „Verlast' sie, so langeeS noch Zeit ist. Sie liebt Dich nicht und wird sichnicht grämen. Besser, daß Dein Herz bricht, als daßDu ihr ein Haar krümmst." Entschlossen erhob ich mich,unsagbarer Friede erfüllte mein Herz. Alles schien leicht.Ich allein sollte leiden, nicht Du. So kehrte ich in dieVilla zurück, und mein erster Blick traf Dich schlafendam offenen Fenster, wie meine Mutter an dem schreck-lichen Abend, Hätte mein Entschluß noch gewankt, dashätte ihn gestärkt. Ich schrieb die Abschiedsworte, küßte
Deine Hände und ging auf immer von Dir. ES brachmir das Herz. Ich konnte nicht leben ohne Dich. Nunhab' ich Dir Alles gesagt; entweder mußte ich Dich ver-lassen oder tödten. Es wäre eingetreten. Nun ist eSan der Zeit, zu erklären, ob Du mir vergeben kannst."
Weinend sank sie vor ihm auf die Kniee, umarmteihn und küßte zum ersten Male die Lippen des Mannes,den sie geheirathet.
„Dir vergebend" schluchzte sie, „o, mein armerGatte, Du mußt mir vergeben, Du bist fürwahr mehrals ein gewöhnlicher Sterblicher, Du bist ein Engel!"
(Fortsetzung folgt.)
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Amerikanische „Mammrtth-Gcschäsle".
Von Philipp Berges.
- (Nachdruck verrolm.)
Wir sind in der Metropole des Westens, in Chicago ,dem verkehrsbrausenden Herzen der Vereinigten Staaten;noch aber ist es still in den schnurgerad gestreckten, un-endlich langen Straßen, deren längste, die State Street,ihre 18 englische Meilen mißt. Nur das Surren derKabel, die, durch einen schmalen Spalt von der Straßegetrennt, in ihren unterirdischen Kanälen laufen, bestimmtdie ungeheure Last der Straßenbahnzüge fortzubewegen,klingt durch die Ruhe des Morgens.
Die Metropole zwischen den beiden großen Wassern,die Königin des Westens, gleicht dem erstarrten Traumvon einer kommenden Welt. Im Innern freilich bietetauch sie das typische Treiben der amerikanischen Groß-städte, äußerlich aber vergleicht sie sich mit keiner andernStadt. Ihre breiten Straßen, ungekrümmt, ohne Eckenund Winkel, verlieren sich fernab im Morgeuncbel; sinn-verwirrende Kolossalgebäude streben empor, deren Giebel,wie die Häupter des Gebirges, ein Kranz von Wolkenziert. Doch während hier für die Dauer einer MeilePalast an Palast sich reiht, deren prunkende Schaulädcnauf Erden ihresgleichen suchen, artet dort die Straße plötz-lich in verwahrloste Prairie aus, die auf beiden Seitenein bilderbeklebter Bretterzaun vom Straßenraum trennt.Zu schnell und in zu riesenhaften Dimensionen ist diePilzstadt aus dem Boden emporgewachsen, um überallschon gleichartig bebaut zu sein. Neben dem Palast stehtnoch das elende Blockhaus, neben dem prachtstrahlendstenStraßcnzug schlummert noch die öde Prairie. Was inden kleinen Städten scharf markirt, für die großen Städteder Union charakteristisch ist, hier artet es, wie alles Andere,in'S Ungeheure aus: vielmetcrlange Reklamcschilder leuch-ten von den Dächern, den Häuserwänden, den Bretter-zäunen, ja sogar von den Fußsteigen; Theater- und Concert-Anzeigen in phantasievollen Bildern und wahrhaft exotischenFarbentönen glänzen an allen Seiten, jedes freie Plätzchender Gaste, bis zum ungehobelten Pfahl der Telegraphen-leitung, ist mit Kundgebungen der Reklame ausgefüllt.Wer früh Morgens plötzlich in das Herz von Chicago versetzt würde, vermöchte schon hieraus zu erkennen, daß ersich in einer großen und verkehrsreichen Stadt befinde.Wie unbeschreiblich gewaltig aber dieser Verkehr ist, dasvermöchte er sich nun und nimmer vorzustellen, und kannteer selbst daS Treiben der Städte London und Paris undwürde es miteinander addiren. Wenige Stunden nachAnbruch des Tages schon haben sich diese Straßen imHerzen Chicago's zu brausenden Strömen und fluchendem