Ausgabe 
(18.9.1896) 78
Seite
598
 
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Leben verwandelt. Die Fahrwege sind buchstäblich gefülltmit Wagen jeder Gattung und mit Menschen, durch derenGetriebe die Züge der Kabelbahnen, die mit der Ge-schwindigkeit unserer Pcrsonenzüge dahinsausen, sich glocken-läutend einen Weg bahnen. Im letzten Moment stets,so scheint es uns, öffnet sich das Gewühl, um sich gleichhinter dem Zuge wieder zu einer festen Mauer zu ver-dichten. Die Trottoirs überströmt unaufhaltsam eineKopf an Kopf gedrängte Menge, die erst verebbt, wenndie Nacht hereinbricht.

Kinder dieses Verkehrs, der die großen und popu-lären Verkaufsläden zu wahren Bienenkörben macht, sinddie Mammuth-Geschäfte, jene riesenhaften Detailhäuser,die die ganze Stadt zu umschließen scheinen, aber auchfür die Bedürfnisse einer ganzen Stadt ausreichend zusorgen im Stande sind.

Vom Hosenknopf bis zur Luxus-Equipage, vomSchweincschinken bis zum Brillantschmuck ist in diesenGeschäften alles zu haben. Auch in Europa sind Häuserdieser Art bekannt, ich erinnere nur an denLouvre"und an das Haus dorr LIai-eüs" in Paris , auchin New-Aork nicht minder,Macy's " Geschäftsräumeallein bieten den Boden für artige Fußwanderungen,allein Mammuth-Häuser von der immensen Ausdehnungwie diejenigen in Chicago gibt es eben nur in Chicago .Tausende von Menschen strömen hier täglich aus und ein,und es drängt sich hier in ebenso compaltcn Massen,wie draußen auf der Straße.The Hub",The Fair",The Columbus" (denn alle diese Häuser haben ihre be-sonderen Namen), vor Allem aber die berühmte FirmaSiegel, Cooper L Co.", das find die gewaltigsten dieserMammuth-Häuser.

Es liegt auf der Hand, daß das typische amerikanischeGeschäftsleben nirgends ausgeprägter in die Erscheinungtreten kann, als hier. Man sucht fortwährend nach demleichtesten und modernsten Weg, um die ungeheure Summeder Ansprüche, welche das nach vielen Tausenden zählendePublikum stellt, blitzschnell zu befriedigen; man wartetnicht gern in Amerika , rasch muß alles gehen, wenn esden Namen desGeschäftlichen" führen will. Zur Be-dienung der Menge stehen deshalb Tausende von Ver-käufern und Verkäuferinnen, Einkäufern, Inspektoren,Kassirern und Comptoiristen bereit, die wieder untereinandersich leicht und schnell in Verbindung setzen müssen. Hier,wo die Arbeitslast eines Tages derjenigen eines ganzenJahres in manchen und nicht kleinen anderen Geschäftengleichkommt, versteht man erst das viel angewendete WortMws is mons^!" versteht man erst die knappe, nachunseren Begriffen fast grobe Art des persönlichen Ver-kehrs im amerikanischen Gcschäftsleben, und man wundertsich nicht mehr über die mechanischen, elektrischen, pneu-matischen und ballistischen Vorrichtungen, die zur Erleich-terung der Communikation und Controlle die weitenGeschäftsräume netzartig mit Drähten, Schienen und

Bändern überspannen.-

" Um zunächst einen Begriff von der Ausdehnung einesder größten dieser Mammuth-Häuser zu empfangen, genügtes, eine ihrer Annoncen vorzuführen und sie zu erläutern.Jede einzelne Annonce bedeckt gewöhnlich eine ganze Seiteder großen Tageszeitungen und stellt eigentlich nur einenWegweiser vor.

,^Am Kopfe der Annonce sieht man eine etwas steifeAbbildung desBlocks" oder Häusergevierts, welches«Siegel, Coyper L Co." einnehmen, darüber die Firma;

unten lttiks eine VkgNtte mit der Inschrift:Das größteLadengeschäft der Welt", und ein Band mit den Worten:Ein Palast, gefüllt mit Waaren jeder Gattung." Ammeisten jedoch intercssiren zwei Tafeln mit statistischenAngaben, von deren Nichtigkeit sich ja der Besucher aufder Stelle überzeugen kann. Die Aufzählung derDepar-tements", in welche das Geschäft eingetheilt ist, und derenjedes ein Geschäft für sich darstellt, ist so interessant, daßich hier eine wörtliche Wiedergabe folgen lasse:

1. Schmucksachcn.

2. Bücher und Schreib-materialien.

3. Apotheke und Droguerie.

4. Tüll und Tücher.

5. Knöpfe und Besatz.

6. Wollenwaaren.

7. Seide und Sammet.

8. Handschuhe.

9. Kleiderstoffe.

10. Haushaltungsgegenstände.

11. Herrcnartikel.

12. Schuhbazar.

13. Arzt. (0r. Beda.)

14. Bänder und Fächer.

15. Irdene Waaren, Porzellan.

16. Leinen.

17. Küchengegenstände.

18. Unterkleider.

19. Mantel und Shawls.

20. Musselin-Unterkleider.

21. Luxusartikel.

22. Schneiderei (Herren).

23. Putzgeschäft (Damen ).

24. Kaffeehaus.

25. Teppiche.

26. Polsterei.

27. Spielwaaren.

28. Bilder und Bilberrahmen.

29. Korsetts.

30. Schirme.

31. Tapeten.

32. Branntweine und Tavake.

33. Mobilien.

34. Futterstoffe.

35. Haare und Verschönerungs-mittel.

36. Kolonialwaaren, Gemüse.

37. Kohlen.

38. Schlächterei.

39. Sportartikel.

40. Postburecni(VcrsandtorbreS)

41. Kinderbekleidung.

42. Rcisekoffer.

43. Reit- und Fahr-Requisiten

44. Musikinstrumente.

45. Leder, Lederwaaren undAlbumS.

46. Optische Waaren.

47. Kurzwaaren.

48. Betten und Reisedecken.

49. Hüte und Mützen.

50. Pclzwaarcn.

51. Japanische Waaren.

52. Gummiwaaren.

53. Schneiderei (Damen ).

54. Schleier.

55. Photographie-Atelier.

56. Konfekt.

57. Barbierstube.

58. Zahnarzt.

59. Oesen und Herbe.

60. Bankgeschäft.

61. Zuschneidemuster, Zeichnun-gen.

62. Auskunfts-Buream

Sie staunen mit Recht, meine Herren! Zwciund-scchzig Geschäfte, Verkaufslokale meistentheils, unter einemDach und mit einem gemeinsamen Mittelpunkt, dessenChef auch von der kleinsten Bewegung in einem dieserRäume unterrichtet sein muß. Das ist ein staunenS-werthes Wunder des modernen amerikanischen Geschäfts-geistes. Man versetze sich nur im Geiste einmal rechtin diese Unternehmung hinein, die eine einzige Firmaleitet, und sehe dabei ganz von den Verkaufs-Departementsab; selbst dann noch bleibt eine staunenswcrthe Verbin-dung der widersprechendsten Zweige des Verkehrs übrig.Da ist zunächst ein Auskunsts-Bureau, in dem über allesMögliche und Unmögliche, wie im Briefkasten einerZeitung, und zwar unentgeltlich, mündliche Auskunft er-theilt wird; da ist ferner ein Cafs für die Damen, eineBranntweinhandlung (mit Probirstube natürlich), ein Tabak-laden für die Herren, neben dem Photographie-Atelierhat der Zahnarzt seine Behausung, neben dem Raum desConsultations-Arztes ist die Apotheke, neben der Bank-office die Barbierstube. Nicht mit Lager-Artikeln begnügtman sich hier, auch eine Schlächterei ist vorhanden, eineKramerei und eine Gemüsehandlung. Es ist eine Uni-versal-Markthalle, dieses Haus, eine commercielle Stadt.Bei Weitem aber sind die Departements mit diesen 62nicht erschöpft, es sind nur die, welche das Publikumintercssiren; mit den Departements der inneren Verwaltungkönnte man leicht eine neue, ebenso große Tabelle füllen.Zunächst ist hier der Kreis der Centralverwaltung: das