Ausgabe 
(29.9.1896) 81
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der Enthüllung heraus, daß ich das Kind unter allenUmständen für diese Saison zurücklassen müsse. AlsAequivalent für mein langes Zögern habe der Direktordiese Bedingung gestellt. Ich sollte an seiner Bühnefür unverheiratet gelten, eine ledige Liebhaberin sei fürdie männliche Jugend der Stadt eine bedeutsamere Zug-kraft, als eine verheirathete Frau und Mutter.

Ueber der Todesangst, mich auch nur auf kurzeZeit von meinem Kinde trennen, es fremder Pflege über-lassen zu sollen, merkte ich nichts davon, daß dieseBe-dingung des Direktors" nichts als eine plumpe Fallemeines Mannes war, fühlte nichts davon, mit welch'vcrabscheuungswürdiger Frivolität, er, wenn auch nurseinem falschen Spiel zu Liebe, sein eigenes Weib zumLockvogel für andere Männer stempelte. Einzig derGedanke beherrscht mich, mein Kind behalten zu dürfen.Aber trotz allen Sträubens mein Gatte war klügerals ich. Er überlistete mich fein und fing mich inmeinem eig'nen Netz.

Wohl ausgedacht war die Komödie, die er spielte.Er heuchelte plötzlich selbstlose Liebe zu dem Kindewelche Mutter hätte ihm nicht geglaubt? Er beklagtees um seiner unsicheren Zukunft willen, um einer Zu-kunft, der es stets an einem geordneten Heim und allem,was ein solches schmückte, fehlen würde. Und als ermit kläglichen Sophismen mich und meine befltzheischendeLiebe endlich in meinen eigenen Augen zur ungeheuer-lichsten Egoistin gemacht, kam er langsam, ganz langsamdamit heraus, daß er wohl eine Heimath, eine gesundeAtmosphäre für das Kind wisse, und daß, wenn ich eswahrhaft liebte, ich die letzte sein dürfte, dem Kinde solcheZukunft zu verschließen.

Zu welchem Zweck, Marinka, die übermenschlicheQual jener Tage in allen Einzelheiten wieder herauf-beschwören?

Sie wissen ja längst, wie es kam! Binnen kurzemhatte er mich durch seine spitzfindigen Teufeleien zu demUngeheuerlichen gebracht, daß ich es selbst als eine Thatedler Selbstlosigkeit erachtete, mein eigenes Fletsch undBlut, mein heißgeliebtes Kind wildfremden Leuten füralle Zeit zu überlassen, und mir noch überdies dasVersprechen ablocken ließ, meine kleine Martha niewieder zu sehen, mich niemals als ihre Mutter zubekennen."

Die Zettelträgerin hielt inne. Trotz der inzwischeneisig gewordenen Luft in dem düstern Hofzimmer, standihr der Schweiß in dichten Perlen auf der Stirn. Siefuhr mit dem Tuch darüber hin, athmete ein paar malschwer und heftig auf, und fuhr dann ruhiger fort:

In den ersten Wochen, nachdem Entschluß undTrennung einmal überstanden waren, schien sich meinLeben ganz erträglich zu gestalten. Die Neigung meinesMannes, die von dem Augenblick an, da ich Mutter-hoffnungen nährte, bedenklich in's Schwanken gerathenwar, schien sich wieder zu befestigen, die gemeinsameThätigkeit in bescheidenen aber gesicherten Verhältnissenthat mir nach der Zeit endloser Aufregungen und Ent-behrungen verhältnißmäßig wohl, aber dieser Zustandwährte nicht lange. Die Reue, in die grausamste Un-natur gewilligt zu haben, kam mit vernichtender Gewaltüber mich, und ließ mich niemals wieder los. Hätteich zehn Kinder zu warten und zu pflegen gehabt, siehätten mich nicht mehr von meinem Beruf abziehen, michnicht untauglicher machen können, als das eine, das ich

fortgegeben, um mich meiner Thätigkeit mit Ruhe undMuße widmen zu können. Meine Leistungen wurdenunter dem Druck der unablässigen Gewissensqual vonJahr zu Jahr unbedeutender, schlechter, unmöglicher.Von meinem Manne trennte ich mich. Ich konnte den,der mich zu dieser teuflischen That überredet, nicht längervor Augen sehen. Tag und Nacht verfolgte mich derBlick, die Stimme meines Kindes. Ich meinte, seinekleinen, hilfeheischenden Händchen zu fühlen, das runde,weiche Köpfchen, das sich verlangend an meine Brustdrängte. Von Tag zu Tag wuchs die Schwere meinerSchuld in meinem Bewußtsein an. Ich wußte wohl,das Kind lebte in einer anständigen, sorgenlosen Atmo-sphäre; aber wußte ich auch, ob es geliebt war, geliebtmit jener Liebe, die nur eine Mutter geben kann?Wußte ich, ob es diese Liebe nicht täglich, stündlich ver-mißte? Ob es sich nicht insgeheim, instinktiv vielleichtnur, nach der Mutter sehnte? Ach, Marinka, darüberkann kein Weib! Für den Mann, der uns die Treuegebrochen, giebt eS vielleicht Ersatz und Trost umdaS Kind aber, das die Mutter unter dem Herzen ge-tragen und das sie freiwillig von sich gestoßen, trägtsie lebenslange Reue bitterliche Verzweiflung!"

Die Frau legte den Kopf in beide Hände undschluchzte leise auf. Dann faßte sie sich wieder und griffnach einer schwarzen Schnur, an der sie ein kleinesgoldenes Kreuzchen mit einem Gottesauge unter demKleide auf der Brust trug. Sie zog den unscheinbarenGoldschmuck hervor.

Das ist das einzige, was mir von meinem Kindegeblieben. Es hat es vom ersten Tage an auf seinemkleinen rosigen Leibe getragen, einer Freundin zum Ge-denken, die mir es nach der Geburtsstunde gab. Undnun kommen Sie, es ist Morgen geworden."

Langsam und schwerfällig stiegen die beiden leid-gebeugten Frauen die schmale hohe Treppe zu ihrenSchlafkammern unter dem Dach hinauf.

Es war ein klarer, sonniger Wtntermorgen, an demMama Leibig ihren Gang antrat. Eine wohlthätigeFeiertagsruhe lag über Kümmeritz gebreitet. Die Straßenwaren still, fast ausgestorben. Nur von der Chaussee her,die in weitem Bogen nach Westen zu, die Stadt umgürtet,tönte von Zeit zu Zeit Jubeln und Aufkreischen herüber:die Stimmen der Knaben, welche die Sonntagsfreiheitbenutzten, um sich mit Schneebällen und Schlittenfahrenzu vergnügen. Auf den Dachfirsten und Vorsprängender Häuser lag der Schnee, von dem scharfen Frost derletzten Nacht zu festen Streifen gebannt, wie blinkendeSilberbänder in der Frühsonne da. Hinter den blankenScheiben standen blühende Blumenstöcke, und zwischenihnen durch, lugte manch altes und manch junges Gesichtin die Straße hinaus und blickte der hohen, heut' wunder-lich aufrecht gehenden Gestalt der Zettelträgerin nach.

Von Schritt zu Schritt wurde der langsam Schreiten-den leichter zu Sinn. Die mit so schwerem Herzen über-nommene Aufgabe wollte thr nun, da sie dicht vor derErfüllung stand, nicht mehr allzu bedrückend dünken, undder meist so trübe gesenkte Blick des Weibes schweifteweit hinaus über die Dächer und ragenden Schlote desStädtchens, fort in die in Sonnenschein gebadete Land-schaft hinein. Er umfaßte die nahe Hügelkette, die glän-zend und gleißend ausgebreitet lag, den Strom, der reißenddas tiefgelegene Thal durcheilte, und in die müde, ge-quälte Brust der Wanderin verirrte sich einer der Mil-