Ausgabe 
(29.9.1896) 81
Seite
619
 
Einzelbild herunterladen

Wollen Sie nicht schlafen geh'», Marinka? Esist spät, und bei Ihnen kommt der Schlaf wohl noch."

Aber die Brünette schüttelte lebhaft abwehrendden Kopf.

Nein, Mama Leibig schicken Sie mich nichtfort! Es ist zu schrecklich, mit seinen Gedanken alleinzu sein!"

- Dann schmiegte sie sich, einer plötzlichen Eingebungfolgend, dicht an die ältere Frau an, und bat leise:

Bitte, bitte, Mama Leibig, Sie kennen meinenKummer wollen Sie mir den Ihren nicht endlichanvertrauen? Oder glauben Sie mir noch immer nicht,daß ich Ihnen ergeben bin, daß ich Sie lieb habe, wieeine Tochter ihre Mutter?"

Bei den letzten Worten zuckte die Alte zusammen.Es war ein beinah wilder Schmerz, der sich auf demfaltigen Gesicht spiegelte, ein Schmerz, wie man ihn nurin jungen Augen, aufbleichen, aber glatten Stir-nen zu finden pflegt.

Aber sie faßte sich schnellund dem jungen Weibemii der müden Hand überdas blasseAntlitz streichelnd,sagte sie sanft:Ja, Siehaben recht, Marinkaich willJhnen endlich meineGeschichte erzählen, gleichtsie auch der Ihren in keinemPunkt, denn ich ichwurde nicht verlassen, ichverlieb, ich verstieß, ausguter Absicht, o ja undniemand geringeres, alsmein Kind, wein einzigesKind,meineTochter! Dieservernünftige Schritt",einstens so viel belobt, istder Fluch meines Lebensgeworden. Hören Sie, wiees begann und wie esendete, enden mußte,denneine Mutter, die ihr Kindverschenkt, wer weiß, viel-leicht verkauft, ist keinesbesseren Schicksals werth."

Sie machte eine kurze Pause, dann fuhr sieruhiger fort.

Ich hatte sehr jung geheirathet, kaum achtzehn Jahrealt, dem Willen meiner Eltern entgegen. Mein Mannwar beim Theater; ich folgte ihm auch bald in seinenBeruf. Zeitweise wirkten wir bei derselben Bühne, häu-figer roch getrennt. Wenige Monate, nachdem meinekleine Martha geboren worden war, eröffnete sich unsin einem Augenblick peinlichster materieller Noth dieAussicht auf ein gemeinsames Engagement bei einem leid-lichen Stadttheater.

Mein Mann folgte dem Rufe sofort, ich selbstkonnte es war mitten im Winter mich mit demkleinen Kinde nicht sogleich auf den Weg machen, auchhatte das Wochenbett und die anstrengende Pflege deszarten Geschöpfes meine Klüfte so sehr mitgenommen,daß ich mir kaum getrauen durfte, schon wieder an dieAusübung meines Berufes zu denken. Zunächst schien

es, als ob meinem Manne, obgleich er während derVerhandlungen über mein Zurückbleiben sehr verstimmtgewesen war, mit dieser Trennung nun, da sie vollzogen,kein übler Gefallen geschehe. Es mochte ihm genehmsein, der Familienmisäre der letzten Monate entrückt zusein, auch deuteten seine Briefe darauf hin, daß es derDirektion in jener fernen Stadt im Grunde weit mehrum ihn, als um mich zu thun gewesen sei. Aber nichtlange, so wendete sich das Blatt. War's Wahrheit,war's eine Lüge, ersonnen, nur um so sicherer das Zielzu erreichen, das ihm seit der Geburt des Kindes, un-verrückt vor Augen stand, ich weiß es noch heute nicht,aber es gewann mit einem Male den Anschein, als seiauch ich an jener Bühne auf's dringenste nothwendiggeworden, ja, als würde ich der Stellung verlustig geh'n,wenn ich mich nicht bald entschlösse, zu kommen. Ichsah mein Kind, meine kleine Martha an. Lieblicher

ward sie von Tag zu Tag,aber noch immer war siezart und schwach; derWinter schien kein Endenehmen zu wollen, undjene Stadt lag im fern-sten Osten des Reichs. Ichbesann mich nicht langeund schrieb einNein, nochnicht" und nach kurzenPausen wieder und wiedereinNein." Mitnehmenkonnte ich das Kind in einnoch rauheres Klima nich: es zurückzulassen, darandachte ich nicht einmal. Ichhatte zu leben.

Mein Mann schicktegerade soviel, daß wir nichtzu verhungern brauchten,aber das genügte mir. Hatteich nicht das Kind? Nach-holen im Beruf ließ sichVersäumtes wohl, ver-säumte Pflicht an einemso jungen Menschenkindeniemals. So schrieb ich'smeinem Manne, aber erwollte nichts davon hören.Immer dringender wurden seine Briefe, ihm zu folgen,meine Karriere, meinen Beruf nicht zu ruinieren unddas Kind, das all' meine Kräfte und Gedanken in An-spruch nähme, wenn ich denn gar so ängstlich darum be-sorgt sei, einstweilen dort und anderen Händen zu über-lassen, wie es Hunderte von Frauen in meiner Lagevernunftgemäßer Weise zum Besten ihrer Kinder thäten. Das war die erste Masche des Netzes, in dem ichmich verfangen sollte. Und die Quittung auf meineentrüstete Antwort über dieses Ansinnen? Die Geld-sendungen meines Mannes blieben aus.

Plötzlich, eines Tages, kam er selbst, trotz derweiten Entfernung, und trat mit der trotzigen Forderungvor mich hin, ihm auf der Stelle zu folgen, da unsereFächer sonst ohne Aufschub anderweitig besetzt würden.Er habe keine Lust wegen des Wurmes in der Wiegeda um alles betrogen zu werden, was er noch von mirund dem Leben erwarte. Zögernder kam er dann mit

EU

-LrÄL-.

Das Grad der allrrseUgsten Jungfrau Maria