Ausgabe 
(29.9.1896) 81
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wurden immer eindringlicher, ja beinahe durchbohrend,jetzt weiß ich auf einmal was uns fehlt Sie, Sieganz allein tragen die Schuld an unserm Mißgeschick."

Eine lange, verblüffte Pause.

Ich ?" sagte die Angeschuldigte endlich undsah den Direktor mit einem müden Lächeln an,ich alteFrau, die eigentlich hier nur noch ein Gnadenbrod ißt ich sollte

Gnadenbrod! Reden Sie keinen Unsinn, MamaLeibig l" brummte der Alte, der eine große Verehrungfür die still-leidende Frau im Herzen trug.Ich bleibedabei, es ist so Sie ganz allein sind schuld anunserm Unglück."

Aber um's Himmelswillen

Lassen Sie mich doch ausreden. Ich wiederholees, Sie ganz allein; denn von dem Augenblicke an, daSie Ihr Amt als Zettelträgerin aufgaben, und das ge-schah erst hier in diesem elenden Nest, ist es bergab mituns gegangen." Die Tischgenossen, die bisher stillschwei-gend zugehört, brachen nun auf das Stichwort ihresDirektors hin, ein lautes Durcheinander aus.

Ja, Mama Leibig trägt die Schuld."

Sie muß wieder Zettel austragen gehen."

Wenn sie zu den Vorstellungen einladet, sagtniemand nein."

Mama Leibig, Sie müssen uns retten."

So stürmte es, von bittenden und anschuldigendenGeberden und Mienen begleitet, auf die blasse Frau ein.

Der Aberglaube, ein bei dem Völkchen der Schau-spieler alles besiegender Faktor, hatte sich, durch das wieeine Bombe in die Tafelrunde einfallende Wort des Di-rektors entzündet, blitzschnell der Gesellschaft bemächtigtund wenn sämmtliche guten und bösen Geister des Him-mels und der Hölle sich diesen Augenblick in der Hinter-stube derKönigsburg" versammelt und denGabcl'schenzugeschrieen hätten, daß Mama Leibig an den Mißer-folgen in Kümmeritz unschuldig sei wie ein neugeborenesKind, jetzt hätte ihnen niemand mehr geglaubt.

Also, meine gute Leibig, die Sache ist abgemacht,gleich morgen werden Sie Ihr Amt wieder übernehmen.Der Sonntag ist ein guter Tag zum Anfangen."

Mama Leibig antwortete nicht gleich. Dann sagtesie in einem Ton vollkommenster Resignation:

Wenn Ihr wirklich glaubt, daß ich Euch helfenkann, so muß ich's ja wohl thun, obgleich mtr's bitterhart ankommt, unter Menschen zu gehen."

Niemand antwortete. Nur die Nachbarin der Leibig,eine junge, schmächtige Brünette mit großen, traurigenAugen, drückte ihr mitleidig die Hand.

Wenn es nur was hilft", fuhr Mama Leibig fort,als sie sah, daß niemand gewillt schien, das Opfer zurück-zuweisen.Unser Willy da ist ein frischer, kecker Bursch,der den Mund auf dem rechten Fleck hat; wenn ernichts ausrichtet, was soll denn ich alte, gebeugteFrau?"

Nein, nein", rief es wiederum durcheinander.Siedürfen nicht mehr zurück. Sie haben so was Besonderes,Mama Leibtg, so was furchtbar Gebilvetes, so ein ge-wisses Etwas, was den Leuten imponiert. Nein, Siemüssen wieder gehn!"

Natürlich müssen Sie. Besonders draußen in derVillenvorstadt werden Sie Furore machen, Verehrteste",fuhr daS scharfe Organ des Charakterspielers, der sichbisher ganz wieder seine Gewohnheit sehr zurückgehalten

hatte, nun plötzlich durch die Stimmen der Andern.Dadraußen wohnt die oräws der Kümmeritzer Gesellschaft,da sind Sie unter Ihres Gleichen."

Die Angeredete zuckte bei dieser ironisch gemeintenBemerkung zusammen, aber derFranz Moor" der Truppeließ sich nicht beirren.Im übrigen aber ist's mit MamaLeibigs Bildung allein denn doch nicht gethan", fuhr ermit souveräner Stimme fort,irgend etwas Neues, zudem uns're treffliche Fürsprecherin einladen soll, wirddenn doch noch gefunden werden müssen, und ich glaube,ich habe es schon."

Reden, reden!" drang eS von allen Seiten aufden im stillen Gefürchteten ein.

Mit den alten Schmarren" er warf einenverächtlichen Blick auf den Direktorsind wir hiernicht weit gekommen. Weihnachten ist vor der Thür,die Erwachsenen haben nicht angebissen, vielleicht thun'sdie Kinder. Wie wär'S, wenn wir eine Anzahl vonKtndervorstellungen veranstalteten?"

Hm, nicht schlecht, nicht schlecht die Idee."

Der Sprecher zog die spitzen Schultern bis an dieOhrlappen.

Nicht schlecht ausgezeichnet ist die Idee! Ichhabe da so ein paar Dinger bei mir" fuhr er nacheiner Kunstpause mit gemachter Gleickgütigkeit fortin denen der Teufel eine bedeutende Rolle spielt."

Die übrigen Mitglieder blinzelten sich zu, alswollten Sie einander sagen:Merkt Ihr was?" abersie wagten nicht den Gefürchteten zu unterbrechen, derdoppelt entsetzlich war, sobald ihm eine Rolle streitig ge-macht werden sollte.

Weiß der Himmel, der Teufel zieht immer", lachteer frivol,darum, meine verehrte Mama Leibtg, werdenSie es morgen gar nicht schwer haben, gleich einemzweiten Rattenfänger von Hameln, uns die Kinder diesesbisher so renitenten Städtchens mit der Aussicht auf denTeufel, einzufangen und in dieKönigsburg" einzuliefern.Damit, denke ich, wäre die Sache Wohl erledigt und derBeginn einer neuen Aera gemacht."

Mit diesem inhaltsschweren Wort erhob sich dergroße Mann und verließ das kleine Zimmer, und wenigeAugenblicke später folgten ihm die Uebrigen nach, umihre Ruhestätten auf den Böden der Königsburg auf-zusuchen.

Nur zwei Personen blieben in dem kalten, ödenRaum zurück; Mama Leibig und die schmächtige Brünettemit den traurigen Augen. Sie wußten Beide, daß sienoch lange keinen Schlaf finden würden; sie kannten esBeide, was es heißt, sich ruhelos mit quälenden Gedankenauf dem Lager zu wälzen. Die Qual der Nacht kamihnen Beiden noch früh genug.

Die Junge hatte nach dem Fortgang der Anderenden kleinen Kopf mit dem schwarzen, kurzgeschnittenenKraushaar in die Hand gestützt und starrte rathlos einelange Weile in den graublauen Qualm, der das Zimmerfüllte, dann legte sie mit plötzlicher Energie ihre sehrfeine, jugendliche Hand auf die welkere der älteren Frau,und sagte kurz:

Warum haben sie nicht nein gesagt, Mama Leibig?"

Die Alte lächelte schmerzlich:Weil ich selten mehreinnein" gesprochen habe, seit ich es einmal zur rechtenZeit zu sprechen versäumt."

Dann strich sie der Jungen liebreich über dasdunkle Haupt.