Ausgabe 
(29.9.1896) 81
Seite
617
 
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M

Augsburgrr PostMung".

M 81 .

viastag, den 29. September

1896 .

Für die Redaction verantwortlich: vi. Theodor Müller in Augsburg .

Trust und Berlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler ).

Die Zettelträgcriu.

Erzählung von D. Duncker.

lNachdruck verboten.^

In einem der kahlen, unfreundlichen HinterzimmerdeS GasthofsZur Königsburg" saß die Gabel'scheTheatergcsellschaft und blickte trübselig in die mit dünnemPunsch gefüllten Gläser, oder über dieselben hinweg, ein-ander in die betrübten Gesichter.

Die Vorstellung war noch nicht lange zu Ende.Sie war wenig besucht gewesen, wie sämmtliche Vor-stellungen vor ihr, und wie es muthmaßlick sämmtlichenach ihr sein würden, wenn es nicht gelang, irgend etwasBesonderes herauszufinden, was die Bewohner von Küm-meritz in den Theatersaal derKönigsburg" zog. DieseAufgabe war nicht leicht, vornehmlich da im Grunde keinemaßgebenden Ursachen für den Mißerfolg der Theater-gesellschaft ersichtlich waren und der bejahrte, außerordent-lich gutmüthige Direktor der Truppe, der für seine Mit-glieder sorgte wie für seine eigene Familie, sich nicht zuUnrecht bisher stets vergebens die Frage gestellt hatte:Wen trifft die Schuld?

Er konnte keine Antwort auf diese Frage finden,die daS Leben so häufig aufgiebt und ebenso häufig un-beantwortet läßt.

Kümmeritz war eine kleine Fabrikstadt mit wohl-habenden, ja zum Theil recht begüterten Einwohnern.Weder im Städtchen selbst, noch in seiner näheren Um-gebung bot sich irgend etwas Sehens- oder Hörenswerthes;eine Konkurrenz war nach keiner Richtung hin zu fürchtengewesen, so daßdie Gabel'schen", wie sie im Volksmundhießen, vollauf berechtigt gewesen waren, mit einem ganzenSack voll froher Hoffnungen in das Städtchen einzuziehen.Erfreute sich doch die Truppe unter ihresgleichen einesbeneidenswerth, guten Rufes; weshalb also sollte sie nichterwarten, als hochwillkommene Abwechselrng in demEinerlei des Kümmerttz'schen Alltagslebens begrüßt zuwerden? Um so größer war die Enttäuschung, daß dasgerade Gegentheil der Fall zu sein schien, um so bittererdie Verzweiflung, als nun schon durch manche WocheTag für Tag den auf den Brettern sich redlich Abmühen-den ein leerer Saal entgegengähnte.

Der halbwüchsige Knabe, der in den MorgenstundenTheaterzettel und Einlaßkartenzur Bequemlichkeit deshochverehrten Publikums" von Haus zu Haus trug, mochtein noch so beredten Wortendie allerneuesten Novitäten",die prachtvolle Ausstattung nach Meininger Muster",

das Renommö der großen und berühmten Künstler undKünstlerinnen der Truppe" preisen, die Vorstellungenmochten in ihrer Art noch so annehmbar sein, die roth-bezogenen Bänke in dem großen Festsaal der Königsburgwollten sich nicht füllen.

Anfangs hatte das im Grunde leichtlebige Völkchenseinem guten Stern vertraut; dann war, wie schon ge-sagt, eine Aera tiefer Bedrückung, bitterlicher Verzweif-lung gekommen. Heut' galt es, aus der Passivität derEmpfindungen herauszutreten, einen thatkräftigen Ent-schluß zur Aufbesserung der Verhältnisse zu fassen, oderaber ein jähes Abbrechen der Beziehungen zu dem un-dankbaren Kümmeritz zu beschließen, falls nämlich derWirth zur Königsburg und mit ihm etliche andere Küm-meritzer gewillt waren, ein, wohl auch zwei Augen zu-zudrücken und dieGabel'schen" ihres Weges ziehen zulassen, ohne kleinerer und größerer Verbindlichkeiten, dieman eingegangen, zu gedenken.

Wohl eine Stunde schon hatte die Gesellschaft indem dumpfigen Hinterzimmer beisammen gesessen, ohnedaß zu diesem oder jenem Ende ein irgendwie beachtens-werther Vorschlag gemacht worden wäre. Eine Artstumpfsinniger Lethargie hatte sich der meisten Mitgliederbemächtigt. Wie sollte man Abhülfe schaffen, wennman nicht einmal die eigentlichen Ursachen des Mißer-folges kannte?

Schlaft nicht, Kinder, redet", hatte der Alte schonzu unterschiedlichen Malen die Gedankenmüden angerufen,doch der Anruf war bisher antwortlos verhallt. Endlichaber erhob sich eine Stimme und zwar ein überaussanfter und sympatscher Alt, der bisher den ganzen Abendüber, geschwiegen hatte.

Um zu reden, alter Freund, muß man doch erstetwas zu sagen haben, und das hat hier, mit ziemlichemRecht, gar niemand, wie es scheint."

Die Sprecherin war eine Frau, ansang der Fünf-zig, der man es ansah, daß sie einmal von großer Schön-heit gewesen sein mußte. Aber Gram, Krankheit, Ent-behrung, ja die brutalste Noth, hatten mehr als dieJahre an diesen schönen Zügen genagt, und die damalshohe, fast königliche Gestalt gebeugt, wie die, einerGreisin.

Mama Leibig", und der Direktor sah die Frausich gegenüber, die seit Jahren zu seiner Gesellschaft ge-hörte, an, als ob ihr Anblick ihm etwas vollkommenNeues, Ungewohntes sei,Mama Leibig", seine Blicke