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„Mir gefällt diese Idee durchaus nicht", gestanddie reiche Dame. „Würden Sie diese Beschäftigung ganzund gar aufgeben, wenn ich für Sie und für Willysorgen wtude?"
„Nein, gnädige Frau, ganz entschieden nicht. Ichziehe vor, für mich und für Willy zu arbeiten, ohne dieWohlthätigkeit fremder Menschen in Anspruch zu nehmen,selbst wenn dieselbe freundlich angeboten wird. So langeich im Stande bin zu arbeiten, würde ich meine Selbst-achtung verlieren, wenn ich fremde Hilfe in Anspruchnähme. Willy soll eine gute Erziehung haben, damit erspäterhin seinem Namen Ehre macht, aber nur auf meineeigenen Kosten."
„Bedenken Sie aber, wie peinlich es für mich wer-den könnte", wandte jetzt Frau von Schalldorf ein,„wenn ich in einer Gesellschaft mit Damen zusammen-treffen würde, denen die Gattin meines Bruders dieKostüme angefertigt hat."
Ein spöttisches Lächeln umsvielte die Lippen derjungen Frau. „In diesem Falle", versetzte sie in ihrergleichmäßigen Ruhe, „werden Sie hoffentlich meinenLeistungen Beifall zollen, denn meine Kleider haben alle„ostio" und sitzen vorzüglich."
Frau von Schalldorf überlegte. Nach ihren Be-griffen schien die junge Verwandte ihren eigenen Vor-theil außer Acht zu lassen, und es schmerzte sie tief, daßsie jeden Beistand hartnäckig zurückstieß. Wie ganz an-ders würde ihre habgierige Schwester Lina dieses An-erbieten ausgebeutet haben, deren lästige Aufmerksamkeitenihr jetzt doppelt widerwärtig erschienen.
„Da Sie sich hartnäckig weigern, meine Hilfe an-zunehmen, und in ihrer jetzigen Stellung verharren wollen,so können Sie nicht von mir erwarten, Sie in Zukunftals meine erste Verwandte anzuerkennen", entgegnete siejetzt mit eisiger Kälte.
„Erlauben Sie mir, daran zu erinnern, daß ich dieseBegegnung nicht gewünscht habe", lautete die ebenso kühleAntwort, „ich werde nie die Wege der Verwandten meinesGatten durchkreuzen."
Die reiche Frau wandte sich jetzt an den Knaben,den sie so gern mit sich genommen hätte; er erinnertezu sehr an ihren früh verlorenen Bruder. „Adieu, lieberWilly", sagte sie, ihm die Hand reichend, „Deine Mutterist Schuld, wenn wir uns nicht wiedersehen."
„Nein, nein, meine Mutter ist nicht schuld daran; !alles was sie sagt ist recht und gut", rief der Kleine !und umschlang den Hals der geliebten Mutter. !
Die Lippen der reichen Frau zitterten bedenklich,als sie sich der Thüre näherte. Frau Wendtland merktedie innere Bewegung und sagte besänftigend: „Ich be-dauere, daß unsere erste Zusammenkunft sich nicht bessergestaltete. Sie meinten es gewiß gut mit uns, und ichbin nicht undankbar über das Anerbieten Ihrer Hilfe.Aber so lange ich die Kraft zur Arbeit habe, will ichlieber unabhängig sein."
„Wieder eine herbe, bittere Enttäuschung", stöhntedie reiche Wittwe, als sie auf leichten Gummirädern ge-räuschlos ihrer einsamen Villa zufuhr. „Wie viele Bitter-keit des Lebens werde ich noch durchkosten müssen, eheich Ruhe im Grabe findel Wie gern hätte ich ihr ge-holfen, aber mit königlicher Würde schlug sie jede Hilfeaus! Und das Kind, das Kindl Wenn ich nur das?tnd ab und zu bei mir sehen dürfte, wie glücklich würdeS mich machen, seinem Spiel im Park und Garten zu-
schauen zu dürfen! O, diese Erfahrung raubt mir dasletzte Lebensglück I Karoline darf meine heutige Nieder-lage nie erfahren, sie ist zu demüthigend für mich, undsie hat kein Verständniß für mein tiefes Seelenleiden."
„Fräulein Neumann war hier; sie will morgenwiederkommen und hat diese Blumen gebracht", berichteteder Diener, als Frau von Schalldorf in ihrer Villaeintraf.
„Das liebe, gute Kind! Ja, Mathilde Neumannmeint es noch gut mit mir", flüsterte mit wehmüthigemLächeln die reiche Dame, als sie die ersten Frühlings-blumen , Veilchen und Primeln, ins Wasser stellte.„Ihre kleinen, bescheidenen Gaben erfreuen mich uwso-mehr, da ich weiß, daß sie mir aus gutem Herzen dar-gebracht werden. Aber was ist das?" fuhr sie in ihremSelbstgespräch fort, als sie einen offenen Brief vomTeppich aufnahm. „Fräulein Mathilde Neumann, Fürstcn-straße" las sie laut die Adresse. „Zweifellos der Briefeiner Schulfreundin, den sie hier aus Versehen aus derTasche gezogen hat; morgen will ich ihn ihr wiedergeben.Drei engbeschriebene Seiten I Was sich doch Schul-freundinnen alles zu sagen haben, die doch täglich mehrereStunden beisammen sind!" fuhr sie dann fort.
„Von Amalie Westen", las sie dann, einen Blickauf die Unterschrift werfend, „es ist gewiß kein Geheim-niß darin und kein Unrecht, ihn zu lesen. Es zerstreutmich ein wenig, und es ist schon so lange her, seitdemich einen Brief von einem jungen Mädchen gelesen habe;ich habe ja schon längst vergessen, was Schul- undPensionsfreundinnen einander schreiben."
Mit einem Lächeln auf den Lippen setzte sie sich ineinen Sessel und las die engbeschriebenen Seiten. Dochdas Lächeln war schnell verschwunden und das Antlitzaschfahl geworden; die zitternden Hände konnten kaumdas Papier halten und die thränenumflorten Augen keineSilbe mehr entziffern.
„Auch Du, Mathilde", stöhnte endlich ihre gepreßteBrust, „Du, mein geliebtes Kind, dem ich vertrauteund dem ich glaubte! O, mein Gott, mein Gott! Washabe ich gethan, daß Du mich so hart bestrafst? Giebtes denn keine Seele auf Erden, die mich liebt? Ja,das unselige Gold verbittert mir das Leben; wie vielUnheil hat es über mich gebracht I Du allein trägst dieSchuld, Du stolze, übermüthige Schwester Karoline. DeineHabgier und Herzlosigkeit sind der Giftbaum, der im HerzenDeines Kindes diese Früchte gezeitigt hat. — Ja, meinekleine, liebe Mathilde, wollte Gott , Dein Wunsch wäreerfüllt und ich todt und Du meine Erbin, wie es ausdiesen Zeilen Deiner Freundin zu erkennen ist, der Dugewiß schon oft Dein Herz ausgeschüttet hast!"
Stundenlang saß die unglückliche Frau regungslosin ihrem Zimmer, den Kopf in die Hand gestützt, intiefes Sinnen versunken. Die Dämmerung war längsthereingebrochen, sie merkte es nicht, sah nicht, wie derDiener die silberne Astrallampe anzündete, hörte nichtseine Worte, ob er das Abendbrod servilen sollte. —
' Endlich erhob sie sich und schwankte in ihr Schlafzimmer,
! das sie fest hinter sich verriegelte, nachdem sie die er-^ schrockene Zofe mit der Weisung entlassen hatte, sie be-dürfe heute ihrer Hilfe nicht, da sie Kopfschmerzen habeund ungestört sein wolle.
! In früher Morgenstunde wurde der alte Diener! durch ein unheimliches Geknister und Knattern aus seinemSchlaf erweckt. Er sprang auf. Dichter Rauch erfüllte