HL 88.
Ireitag, den 23. Oktober
1898.
svür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas <L Grabderr in Augsburg lBorbesitzer vr. Max Huttler ).
„M agd a."
Zwölf Monate eines modernen Lebensbildes.
Der Wirklichkeit nacherzählt von Bedav. Ballheim.
—- (Nachdruck verboten.)
Jänner. — Der Anfang vo« Ende.
In der dunkeln, zeitigen Frühe des Neujahrsmorgensöffnete sich langsam und zögernd die schwere Thür der
.kirche zu.Eine hohe, schlanke
Frau in einem langen, sie ganz verhüllenden Manteltrat schüchtern ein und schlich in dem nur spärlich er-leuchteten Raume weiter. Oft stand sie still, fast schienes, sie wolle umkehren, doch eine innere Macht trieb sievorwärts, fast gegen ihren Willen. An einem Seiten-altare, der noch beinahe ganz in der Dunkelheit lag, sanksie nieder. Der unsichere flackernde Schein der heiligenLampe und einiger Opferkerzen umgab mit mattem Däm-mern die Züge der allcrseligsten Jungfrau, welche mildund hoheitsvoll, aber in diesem Augenblicke kaum erkenn-bar, von dem Altarbild der „unbefleckten Empfängnisherabblickten.
Doch sie, die hier kniete, kannte diesen leuchtenden,weltumfassenden Blick. Durch die Dunkelheit drang ermit derselben sanften Gewalt in ihr Herz, wie in all'diesen Jahren der Pein, des Irrens und vergeblichenSuchend. Dort hatte dieser himmlische Blick das un-sichere, flackernde Fünkchen gefunden, welches unter demWust von Ekel und Verzweiflung den Nest des höherenLebens fristete, und an der heiligen Liebesgluth, welche erherniederstrahlte, war es gewachsen zur Flamme der Sehn-sucht nach dem verhüllten Gute der Erlösung.
Ein schweres Ringen erschütterte die ganze Gestalt.Die Kavuze des Mantels war vom Haupte zurückgesunkenund enthüllte ein marmorbleiches, edles Antlitz, dessenjugendlich schönen Zügen der Tod seinen unverkennbarenStempel aufgedrückt hatte. Das Auge drang mit unbe-schreiblich fragender Gluth zu dem heil. Bilde empor,Thränen rollten langsam über die Wangen, und die feinenHände preßten sich krampfhaft gefaltet. Eine geraumeZeit lag sie so, augenscheinlich ganz entrückt der sie um-gebenden Welt, daß sie es nicht bemerkte, wie die Kirchesich allgemach mit Betern füllte. Der schlürfende Schrittdes Kirchendieners, welcher sich dem Marien - Altarenäherte, um zur Frühmesse die Kerzen anzuzünden, schrecktesie endlich auf. Verstört blickte sie um sich und riß schnelldie Verhüllung über das Antlitz. Ein unangenehmes,erkältendes Gefühl, der Gegenstand einer gewissen Auf-
merksamkeit geworden und vielleicht erkannt zu sein, durch-wehte sie. Hastig das lange Seitenschiff entlang schreitend,stand sie jetzt einen Augenblick unentschlossen, als sie indie Nähe des Ausganges kam, dann wandte sie sich miteinem schnellen Aufraffen in der Richtung der Sakristei.Dort war noch tieferes Dunkel. Ein einziges Lämpchenschwankte in dem hohen, langen Raume, dessen eine Wandeine Reihe vor Alter geschwärzter Beichtstühle einnahm.Weihrauchduft erfüllte denselben und erhöhte den Ein-druck des Mystisch-Feierlichen. Demüthig, gleich einerBettlerin, zitternd vor unbeschreiblicher Aufregung standdie Frau an der offenen Thüre. Mit fast wildem Blickestarrte sie durch dieselbe, oft hob sich der Fuß, dieSchwelle zu überschreiten, und wie gebannt haftete erdennoch. Jetzt schritt ein Priester an ihr vorüber. Eswar ein strenges Gesicht. Mit einem herben, fast un-willigen Blicke sah er auf die auffallende Erscheinung,die vor ihm scheu zurückwich. Mit fragendem Auge dennicht anwesenden Kirchendiener suchend, betrat er einender Beichtstühle. Die Unglückliche rang nach Athem.Ein zweiter Beichtiger ging vorbei. Es war ein junger,geistreicher Kopf voll Weihe und heiligen Wollens. Er sahsie nicht, doch sie starrte angstvoll suchend in seine Züge.Als sie die ruhige Verklärung einer noch durch keineErfahrung geprüften Sammlung darin erblickte, schütteltesie traurig das Haupt und trat noch mehr zurück. Jetzterschien ein dritter Priester zum Dienste des versöhnen-den Liebeswerkes, eine hohe, hagere Gestalt. Spärliches,graues Haar floß unter dem Käppchen des Chorherrnhervor. In das Antlitz hatten schwere Leiden ihre tiefenFurchen gegraben. Jetzt ruhte der Friede darauf. Einweites, leuchtendes Auge strahlte von innerem Lichte undtraf wie ein Segen die zitternde Gestalt an der Thüre.Unwillkürlich war dieselbe mit gefalteten Händen vorge-treten, und wie von einer überirdischen Gewalt gezogen,folgte sie dem Greise. Er ging in den letzten, fast ganzim Dunkel verschwindenden Beichtstuhl. Die Frau knietetiefverhüllt und kaum schattengleich in ihrem schwarzenGewände am Gitter desselben. Der Priester machte eineBewegung des Staunens, als ihre ersten Worte seinOhr getroffen. Sie sprach lange und eifrig, oft vonheftigem Schluchzen unterbrochen Dann horchte sie athem-los. Mit einem tiefen Aufathmen, einem halb ersticktenEntzückungsrufe, der seltsam klang in diesem geweihtenOrte, streckte sie jetzt in leidenschaftlicher Geberde ihreArme empor und schlug die Hände vor das mit Thränen