Ausgabe 
(23.10.1896) 88
Seite
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überströmte Gesicht. Erschrocken über den Ausbruch einergewaltigen Natur, welche sie selbst soeben hinfort derDemuth und Ueberwindung geweiht hatte, sank sie plötz-lich wieder in sich zusammen und schlich leise in dieKirche zurück, sich in der Nähe der Commumonbank inleidenschaftlicher Selbsterniedrigung auf die kalten Steinewerfend, mit der Stirn den Boden fast berührend, wiewenn sie mit einem gewaltsamen Ertödten den altenMenschen in sich opfern wolle. DaL Klingeln des Mini-stranten rief sie in die Gegenwart zurück. Ihr dunklesAuge blickte wie weltabwesend empor. Da strahlte amMtare dasselbe klare Antlitz über ihr, das sie zum Beicht-stühle gezogen hatte, und die leise zitternde Hand ver-theilte das Brod des Lebens. Sehnsüchtig hingen ihreBlicke an dem köstlichen Seelengute, das ihr noch vor-enthalten bleiben mußte. Und wunderbar! Wir FriedenS-wehen zog eS durch ihre gepeinigte Seele. Nicht Wort,nicht Gebet, nicht Denken in ein einziges, stilles,warmes Licht versank ihr Inneres. Ohne bestimmtesWissen dessen, was sie that, suchte ihr Auge das Muttergottes-bild. Doch jetzt schien die Kraft ihres ohnehin von jahre-langen, schweren Kämpfen zerrütteten Körpers vollständiggebrochen. Die Schatten der andringenden Ohnmachtlagerten sich über ihre Züge, ohne daß sie es zu be-merken schien, perlten helle Blutstropfen über ihre Lippen.Dennoch schleppte sie sich mit äußerster Anstrengung zudem Marienaltare, hob mit kindlich glückseligem Ausdruckedie Hände empor und noch im Umsinken hauchte ihrbleicher Mund:O, Maria, ohne Sünden empfangen,bitte für nnsl*

Februar. Faschingstreiben.

Es waren fast zwei Monate seit dem Obcnerzühltenvergangen. Die Kunde, daß die wegen ihrer Schönheitund Begabung allgemein bewunderte Sängerin MagdaRothner am Neujahrsmorgen in der Augustinerkirche imBlutsturze zusammengebrochen und wie leblos in ihre Wohn-ung gebracht worden war, hatte, mit den abenteuerlichstenAusschmückungen, zu denen Zeit und Ort reichen Anhaltboten, die Runde durch die Presse gemacht. Die dunklenGerüchte von dem Uebertritte der jetzt todtkrank Dar-niederliegenden zur katholischen Kirche fanden in derFolge ihre Bestätigung in den wiederholten Besuchen desAugustinerpriors k. Pazzi.

Ein wilder Schueestur« tobte durch die Straßenund übertönte das Rollen der Equipagen, welche die halbeStadt, soweit Ansprüche auf Reichthum, Schönheit, Rangund Name dies zulässig machten, in das Opernhaus,zum größten aller Saisonmaskenbälle deS in den nächstenTage zu Ende gehenden Faschings, führten.

In einem eleganten Zimmer einer Beletagewohnungder ... . Straße ging der erste Liebhaber des . . .Theaters, Dr. Friedrich Rothner, rastlos auf und nieder.Er mochte dreißig Jahre zählen, trotz seines beginnendenEwbonpoiuts. Die Züge des bartlosen Gesichtes warenin ungeduldiger Spannung. Zuweilen flog sein Blicknach der Thüre zu einem inneren Gemache, dann wiedertrat er aus Fenster und lauschte hinaus. Seine Kleid-ung und der über der Sophalehne hängende Dominodeutete auf die Absicht, den Ball zu besuchen. Jetztöffnete sich leise jene Thüre, der Kopf einer älteren Damesah schüchtern herein. Der Mann schaute auf.

Wie geht es Magda?" fragte er mit einem un-sicheren Blicke auf das verweinte Antlitz der Eintretenden.

Willst Du wirklich heute Abend den Ball besuchen?"war die fast tonlose Gegenfrage.

Weshalb nicht? Ist es so schlimm?"

Zum Tode!"

Merkwürdig so war es stets, wenn ich einmaleine Zerstreuung suche. Entsetzlich dies ewige Gewinsel! Der Arzt sagt, es kann besser mit ihr werdenjedenfalls wird es noch lange dauern."

Damit begann er wieder seinen Dauerlanf vom undzum Fenster. Die alte Frau sah ihn traurig an.

So gehst Du also?"

Freilich, ich habe es versprochen, und überdiesmein Ruf als Künstler macht es mir zur Pflicht. Waswird aus uns, weun wir uns nicht zeigen, besondersdort, wo die ganze feine Welt ist!"

Seine zuletzt in immer sichtlicherer, ungeduldigerVerlegenheit gemurmelten Worte erstarken unter demstillen, kalten Blicke der Alten.

Ich wußte es", sagte sie ruhig und verließ ge-räuschlos das Zimmer.

Aus einem offenbar peinlichen inneren Selbstanstarrenweckte den Mann ein lautes Peitschenknallen unter demFenster. Er fuhr auf.

Endlich!"

Eilends hüllte er sich in den Domino, warf seinenPelz über, nahm die schwarze Halbmast« in die Handund verließ das Zimmer.

Im Augenblicke, als er die Hausthüre öffnete, tratihm die hohe Gestalt des Paters Pazzi entgegen; derdenselben begleitende Kirchendiener deutete auf den ernstenZweck seines Kommens. Betroffen grüßend, drückte sichRothner in die Ecke, um den Raum der Treppe freizu-machen. Einen Augenblick maß er diese mit seinemBlicke, wie wenn er zurückgehen wolle. Doch da schallteneues, ungeduldigeres Peitschenknallen; er warf den Kopfin die Höhe und trat hinaus an den Schlag einesWagens, welcher trotz des abscheulichen Wetters voneiner fein behandschuhten Dawenhand halb offen gehaltenwurde, während ein verschleierter Kopf an dem Spaltblauschte:

Schlimmer! So spät!" flüsterte eins nervös vibrirende Stimme.

Sahst Du, wer dort soeben hineinging?" war diAntwort,das ist die Erklärung und zugleich der Beweiswie ich Dich liebe, mein Alles!"

Kaum eingestiegen, hörte man das Rollen eines da-vonfahrenden Wagens.

Inzwischen tropften droben die letzten Pulsschlägeeines entschwindenden Lebens immer langsamer in daSMeer der Ewigkeit. Unter dem grauen Reflex ihrernahenden Schalten lagen die schönen Züge, welche wiran jenem Neujahrsmorgen in so qualvoller Spannungsahen. Ein weißgedcckter Tisch, das Kruzifix zwischenzwei brennenden Kerzen deuteten auf die soeben vollzogeneheilige Handlung; mehr aber noch der srieoliche Ausdruckdes blassen Gesichtes, das da auf den weichen Kissenzwischen den lang hinfallenden schwarzen Haarmellen insanfter Ermattung lag, das Auge in starrem Glänzeauf das Muttergottes - Bild gerichtet, welches amFußende des Bettes hing. Das Lämpchen vor dem-selben brannte unstät, zischte auf und ab, flackernd,oft fast verschwindend. Auf dem Sopha schlief ein kleinesMädchen, trotz der späten Nachtstunde noch angekleidet.Die Händchen waren über das Gesicht gelegt, als hätte