Ausgabe 
(23.10.1896) 88
Seite
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es sich schützen wollen vor all' dem Fremden, Traurigen,Unbegreiflichen, waS auf die junge Seele eingedrungen war.

Schwester", flüsterte jetzt die Sterbende.

Eine Elisabethiner-Nonne, welche leise betend nebendem Bette saß, beugte sich über sie. Mühsam wandteMagda das Auge auf jene alte Frau, ihre Mutter. Die-selbe kniete in dem Wort- und thränenlosen Jammer gänz-lich gebrochenen HoffenS auf der anderen Seite, denKopf und die Lippen fest gepreßt auf die geliebte, er-kaltende Hand.

Verlassen Sie sie nicht", murmelte die Kranke undbewegte mit Anstrengung die schweren Finger liebkosendam Gesichte der Mutter. Ein Schauer flog durch denKörper derselben, sie hob schnell das Haupt empor, undmit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Liebe und Qualsah sie in das Antlitz der Sterbenden. Die Nonne legteschweigend ihre Hand auf den Kopf der Alten. Magdanickte befriedigt. Dann wandte sie den Blick suchendnach der anderen Seite.

Die Kleine? Soll ich sie Ihnen bringen?" fragtesanft die Schwester.

Lassen Sie sie schlafen sie soll nicht wissenwann" Thränen rollten an den abgezehrten Wangenherab und erstickten die Stimme. Doch ermannte sie sichmit Anstrengung.

Mutter, Schwester CoSmafla, was soll aus Cilliwerden in seinen Händen! Du folgst mir bald, Mutter,aber das Kind bei ihm"

Die Nonne deutete nach dem Muitergottesbilde.

Sie wird über der Kleinen wachen!"

Schwer und langsam und wieder verzweifelndschnell rückten die Stunden am Sterbebette. Ein harter,furchtbarer Todeskampf dauerte bis zum bleichen Grauendes Morgens. Die beiden Frauen beteten mit unbe-schreiblicher Inbrunst um Erlösung. Endlich richtete sichMagda gewaltsam auf.

Maria, ohne Sünden empfangen, bitte für uns!"rief sie mit nicht mehr menschlicher Stimme und sankvollendet zurück.

In diesem Augenblicke öffnete sich leise die Thürdes Zimmers. Noch im MaSkenanzuge, die ganze Ge-stalt der Ausdruck bis zur Hefe genossener Freuden einerwilden Faschingsnacht, erschien der eben heimgekehrteGatte in derselben. Der trunken wirre Ausdruck seinesGesichtes verwandelte sich in bewußtes Entsetzen.

Zu spät!"

In Schmerz und Grauen starrten die beiden Frauenihm entgegen. Die letzte schwere Sorge der Sterbendenzog in Gestalt des verlassenen Kindes schattengleich anihnen vorüber, und unwillkürlich wiederholten sie:O,Maria, ohne Sünden empfangen, bitte für uns!"

März. Aschermittwoch jetzt und einst.

Der Aschermittwoch zog im freundlich kalten GlänzedeS ersten März herauf. Der Schnee glitzerte im Sonnen-lichte und knirschte leise unter den Rädern deS Leichen-wagens, welcher, in seltsamem Kontraste, einer wehendenLaube von Kränzen, Blüthen und Bändern gleich, dasheißeste Herz zur kühlen, ewigen Ruhestätte führte. Un-absehbar war der Leichenzug. Das tragische Schicksalvon so viel Schönheit und Begabung, dahingegangen imvollsten Glänze der Jugend, gekannt und bewundert vonso Vielen, die romantischen Sagen, welche ihr Todten-bett umschwebten, hatten eine außergewöhnliche, allge-

meine Theilnahme erweckt. Der Künstlerin folgten indichten Reihen nicht nur die Kollegen, sondern Alles,was in den höchsten Rangstufen selbst Interesse für dieKunst überhaupt hatt. Im Glänze seiner Zerknirschung,in der Rolle düsterer Heldentrauer schritt der Gatte maje-stätisch hinter dem Sarge, im warmen Genusse der all-gemeinen Aufmerksamkeit.

In die Ecke des letzten Wagens gedrückt, saß dieunglückliche Mutter stumm, bleich, ein Bild tiefen,unaussprechlichen Jammers. Sie hielt in ihren Armendas kleine Kind, ein frisches Ebenbild der Heimgegan-genen, das mit dem glücklichen Genießen des kindlichenGemüthes auf die Menschenmenge schaute und alle Augen-blicke etwas zu sagen oder zu zeigen hatte. Dann streiftenleise die Lippen der Großmutter das weiche Haar desLieblings, man sah, dies war das einzige Band, welchessie noch mit dem Leben verknüpfte.

Endlich hielt der Wagen, und da, vor den Augender Mutter, verschwand in der tiefen, dunkeln Grubeihres Daseins Inhalt und Glück. Sie sah Alles wieim Traume.

Es war eine Geschichte voll Irrthum und Fehl.

Magda stammte aus der altadeligen, protestantischenFamilie von Harkhoff, welche ihren traditionellen Stolz,dem die Vermögensvrrhältnisse keine Grundlage für dasLeben in der großen Welt wehr boten, in die Einsam-keit eines ländlichen Aufenthaltes geflüchtet hatte. Dortwurde das einzige Kind in einer zugleich für das prak-tische Leben engbegrenztcn, innerlich aber ideal phan-tastischen Weise aufgezogen, welche die Seele des nament-lich musikalisch äußerst begabten Mädchens zu Bildungenanregte, denen die festen Umrisse kritischen Urtheilesfehlten.

Magda's Eltern leiteten den Unterricht des KindeSallein. Die Neigungen derselben, welche sich neben einerVorzugsweisen Pflege der Musik namentlich dem Studiumder Natur zuwandten, führten die Kleine in das Lebenderselben durch den ausgedehntesten, praktischen Verkehrein. Tagelang schweifte Magda in Wald und Flur um-her, um zu sammeln, wie sie meinte. Aber es bliebmeist bei sehr geringer gegenständlicher Ausbeute. Da-gegen wob die lebhafte Phantasie der Kleinen um Baumund Strauch, Blume und Küfer einen eigenthümlichenMärchentraum, der, sich mit den Jahren immer mehrvertiefend, ihr die Welt in einem zerzogenen schillerndenGlänze zeigte, wie wenn das Auge durch Thränen blickt.

Mit Menschen verkehrte sie wenig. Einige gleich-gestimmte Freunde ihrer Eltern, welche in dem Harkhoff'-fchen Hause durch die ernste, eifrige Pflege klassischerMusik einen anziehenden Vereinigungspunkt gewannen,bildeten den einzigen Umgang derselben. Gespielen fürMagda gab es dabei nicht, es seien denn die dem ent-zückt lauschenden Kinde aus den oft vorzüglich ausge-führten Tonwerkeu aufsteigenden Gestalten gewesen, inwelchen feine Märchentränme in der Natur eine tiefereErgänzung fanden. Der wohlthätige Sinn der Familieführte die Kleine dagegen oft unter dem Schutze eineralten Magd in die Hütten der Armuth, wo Magda, inder phantastischen Umhüllung ihres warmen und liebe-vollen Herzens, gern den Schutzgeist machte und zugleichin der ehrerbietigen Anhänglichkeit der Leute eins gewisseNahrung für die Eitelkeit fand. Sie legte sich deshalbgern kleine, oft auch ampfindliche Entbehrungen auf, umbet ihren Streifereten die Mittel zu solch' plötzlichem