Einwirken auf das weinende Gesicht eines Kindes oderdaL betrübte Auge einer alten Frau zu gewinnen.
Bezüglich der Religion hatte Magda eigentlich nurdaS Bewußtsein, daß ein gütiger Gott sie überall umgebeund in die tiefsten Falten ihres Herzens schaue. Daherwar sie ernst und aufrichtig in ihrem Wollen und imKampfe gegen ihre angeborene stolze Ungebundenheit. ESentsprach diese allgemeine Gottesidee den Anschauungenihrer Eltern, welche nur äußerlich, aber in dieser Richt-ung, der Tradition wegen, um so fester an dem Be-kenntniß ihres evangelischen Glaubens hingen, den sie,wie sie «einten, durch die Wissenschaft innerlich über dasDogma erweitert hatten. Magda's glühender Seele sagtediese Auffassung nicht zu. Als ganz junges Kind betetesie oft: „Lieber Gott, lass' mich nur einmal DeineHand küssen, damit Du fühlen kannst, wie ich Dichlieb habe!"
Die ganze Gegend, in der sie lebte, war katholisch.Auch die alte Magd, daS einzige nicht zur Familie ge-hörige Glied des Hauses, hing mit tiefster Inbrunst andieser Kirche. DaS Familienherkommen und die gewöhn-liche, protestantische Ueberhebung diesem „überwundenenStandpunkte geistiger Verfinsterung" gegenüber gabenden Eltern Magda's die Ueberzeugung, daß besondereVorkehrungen, von dem Mädchen Alles fern zu halten,was es demselben nähern könne, unnöthig seien. DasBewußtsein von der unfehlbaren Weisheit einer durchHumanität, wie vorausgesetzt wurde, in Fleisch und Blutübergegangenen freien Religiosität bot ja zugleich einegewisse Sicherheit. Das mit Roßmäßler und Moleschottaufgezogene Kind schien gefeit gegen mystische Einflüsse.Daher kam es, daß Magda's glühender, suchender Blick— anfangs zwar scheu, in der Folge aber immer unbe-hinderter — dennoch in eine neue religiöse Welt schaute,in welcher Alles ihrem heimlichen Sehnen entgegenkam.
Einst überraschte das Kind die alte Magd, wie diesean einem Nachmittage, sich allein glaubend, in frommemGebete vor einem kleinen, schwärzlichen Marienbilde, dassie auf einen Küchenstuhl gestellt hatte, knieend, dasselbeehrfurchtsvoll an die Lippen drückte.
„O, Du darfst Deinen lieben Gott ja küssen", sagteMagda erstaunt. „Aber das ist ja eine Frau!" setztesie, näher tretend und hastig nach dem Bilde greifend,hinzu, „wer ist denn das?"
„Die Mutter Gottes", murmelte die alte Marianne,nicht ohne scheu nach der Thüre zu sehen, ob die Herr-schaft es nicht vernehmen könne.
Eine Mutter! — Der Gedanke war dem Kinde,das seine Mutter sehr liebte, so einleuchtend. EA
„Erzähle mir von der Mutter!" bat es dringend.
„Das darf ich nicht, die gnädige Herrschaft wirdböse sein."
Welch' ein Treiben und Drängen in der jungen Seele!
„Mama , wer ist die gute Mutter, zu welcherMarianne betet?" fragte das Kind am Abend von seinemBettchen aus.
„Das war eine gute, fromme Frau", lautete diein ruhiger Ucberlegcnheit gegebene Antwort, „zu welcherMan aber nicht beten darf, weil das Abgötterei wäre."
Aber Magda's Augen schloffen sich lange nicht;überall suchten und sahen sie ein schönes, mildes Antlitz,daS sie liebevoll anblickte — und sehnsüchtig hob sie daSHändchen, dieses Antlitz zu streicheln. Auch in denLegenden und Heiligengeschichichen, welche sie von da an
nach und nach der alten Magd abzuschmeicheln wußte,erschien immer wieder dieses heilige Mutterherz mit seinernimmermüden Hilfe.
Die Kleine kam sehr selten in die Kirche ihrer Kon-fession, welche in einer meilenweit entfernten Stadt lag.Um so mehr sehnte sich oft ihr Herz, mit den einfachenLandleuten, die sie fast alle kannte, in ihrem schönstenPutze das kleine, rohbretterne Kirchlein des Dorfes zubetreten, aus welchem der Klang der Orgel und Gesängeso hell in die klare Morgenluft hinauftönte. Sie konntestundenlang am Ufer des Baches auf der Wiese sitzenund auf das Hetligthum starren, in welchem die glückliche Marianne verschwinden durfte. Dann zog sie esnäher; auf den Gräbern des FriedhofeS saß sie, knieteauch wohl mit der Menge, welche das enge Kirchleinnicht fassen konnte, draußen, ahmte unwillkürlich dasZeichen des heiligen Kreuzes nach und schlug sich mitzugleich seligen und schmerzlichen Thränen die Brust —sie wußte nicht, weshalb.
, Und einst schritt sie hinein — schüchtern, ängstlich.
M Es war — am Aschermittwoch. Nach der ebenbeendeten heiligen Messe zeichnete der Priester das Aschen-kreuz auf die Stirne der vor dem Altare Knieenden.Die alte Marianne hatte dem Kinde am Abend vorherden Sinn der heiligen Handlung erklärt. Mit einemeigenthümlichen Schauer gedachte jetzt Magda der Worte:„Du bist Staub und wirst zu Staub werden." Inner-lich bebend hob sich ihr Fuß zur Flucht. Da fiel ihrAuge plötzlich auf das in einem bleichen Sonnenstrahleerglänzende Muttergottesbild.
„Ach, dort ist ja die gute Mutter l" jauchzte es inihrer Seele, „dies muß also ihr Haus sein! O, nundarf ich ihr endlich einmal die Hand küssen!"
Mit leuchtendem Auge, aller Furcht plötzlich ent-hoben, schlich sie hin, und aufschauend zum heiligen Bilde,las sie am Fuße desselben die Worte: „O Maria, ohneSünden empfangen, bitte für uns!"
(Fortsetzung folgt.)
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Herbstrausche».
Novellctte von Anton Pichler.
—(Nachdruck «erbole».)
DaS war im letzten Herbst, daß einstmalen der Nordwild über die Stoppelfelder fuhr und die letzten Blumenam Wiesenrand zu Tode knickte. In den West versankferne die Sonne und bemalte mit sanftem Purpur dieBerghänge, auf denen bereits der erste Schnee lag. KalterReif lagerte über Flur und Dorf. Dort draußen amFeld kreuzen sich zwei Wege, eine Erle steht an derScheide, und ihr entblättertes Astwerk breitet sich übereine Bank aus.
Sie waren aufgestanden.
„Du verstehst mich nicht, Elfe, wie ich es gemeint.Wie kleinlich war doch der Anfang, als daß wir darobin Streit geriethen; wie unbedeutend war doch dieSache-"
„Und dennoch wolltest Du mir nicht weichen, wie-wohl ich im Recht war — —"
„Und doch warst Du so schnell verstimmt, so schnellfolgte ein Wort dem andern, manch schlimmes Wort
„Deine Stirne durchkreuzten Falten des Unwillens,Dein Auge blitzte, immer mehr verwickeltest Du Dich inhöhnende Worte-"