Ausgabe 
(23.10.1896) 88
Seite
677
 
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Und doch botest Du mir einst die Hand und botestmir Freundschaft und sagtest, jedwedes Wort, so je überDeine Lippe komme, soll nur mir geweiht sein, jedwederGedanke, all' Dein Sinnen soll sich nur um mich weben

-. Und das nennst Du Freundschaft, und das nennst

Du Liebes "

Verzeihe mir, Elfe. Die Worte eilten dem Herzenvoran, und aas Herz wußte nicht, was die Lippe ge-sprochen. Höher denn Worte schätze das Herz. Lass' unSwieder gut sein und uns erneute Freundschaft schließen;-weifte nicht, daß ich Dir gut bin."

Sie stand still, schaute lange auf den Boden, dannwieder gegen den Wald hinüber. Heinrich schenkte sie nurselten einen Blick.

Er bot ihr die Hand, die sie jedoch zurückwies.

Lass' uns wieder gut sein, Elfe", bat der Jüng-ling und schaute in die tiefen Augen der Stolzen, antzeren Herzen einst glücklich zu werden er gedachte.

Elfe, stets waren wir uns gut. Denk' jener lichtenStunden, da wir noch Kinder waren und kindlich sannenund dachten und hofften und träumten. Unschuld undEinfalt waren das erste Band, das uns aneinander ge-fesselt und treu zusammengehalten. Wie oft saßen wirund spielten wir unter'm Lindenbaum im Garten, undduftiger Blüthenschnee sank leise nieder auf unsere Locken.Denke jenes lichten Tages, da Dn mir einst einen Kranzgewunden aus Licblingsblumen, ich vor Dir hingeknietund Du mich glücklicher gemacht, als wenn Du mich zumKönige gekrönt.... Seit jener Stunde waren wir einsgeworden, und unsere Herzen zerflossen in ein Herz, aufdaß wir uns desto treuer und inniger zu lieben vermöchten.Die erste Blume, die dem Wiesenrand entblühte, habeich für Dich gepflückt, das erste blaue HimmelssternchenDir gebracht und die erste Schneeflocke in die Hand ge-fangen, Dir zu zeigen, wie schön auch die Himmelssternchendes Winters sind"

Und sie schwieg.

Denk' jenes sonnigen Maienabends, wo Du dieHand mir darbotest, ewig mir getreu zu bleiben. Derweite Wiesenplan lachte golden im Abendstrahl, und wieWald und Anger waren sonnig unsere Herzen. Wirsannen und dachten und sprachen nur von sonnigen,rosigen Tagen und glücklicher Zukunft. Hätte ich es dazu ahnen gewagt, daß dies alles nur Flitter und Träume? Du schweigst?"

Nochmals bot er ihr die Hand, die leise zitterte,zur Versöhnung, doch sie wies sie zurück. Halb spottend,halb geheimnißvoll klang ihr Abschiedswort:Herbst-rauschen!"

Und dann war sie von seiner Seite entschwundenund ging ihren Weg gegen den Wald hin. Ihre Lockenwallten, vom Wind durchflüstert, um die stolzen Schultern.Nimmer wandte sie sich um, nach dem Scheideweg zu-rückzusehen.

Der Jüngling stand noch an der Stelle, wo sie ihnverlassen, wehmüthig schickte er ihr seine Blicke nach. Dazog wildsausend der Wind über die Stoppelfelder, undder entblätterte Wald rauschte von ferne herüber. Welke,bunte Blätter wirbelten über den Weg hin und häuftensich zu des Jünglings Füßen. Er stand noch immer trüb-still am Scheidewege, sah bald nieder zu seinen Füßen,als seien die Blätter der stille Grabhügel, der sich überseinen Hoffnungen und Träumen errichtet, sie zu begraben,bald ihr nach, bis sie im Wald entschwand.

Herbstrauschen^, raunte er leise und ging langsam,traurig, einsam seinen Heimweg.

Ich war vorübergegangen und hatte das WortHerbst-rauschen" von seiner Lippe vernommen. Da stiegen wirlichte und dunkle Gedanken auf in der Seele, und ichfragte mich:Schlägst nicht auch Du, mein Herz, einsamam Scheidewege?"

Sinnend steh' ich, und der Wind treibt spottend seinSpiel und wirbelt einen Kranz welker Blätter um meineFüße. Sinnend stehe ich und schaue bald zu den Wolken,die über mir gehen, bald zum Abendroth, das mit sanftenStreifen den Westen röthet, durch dessen Purpurwelledunkle Wolken fließen. Immer und immer steigt mirwieder ein lieblich Bild vor der Seele auf, ein goldlockig,blauäugig Kind. Und wenn ich sein gedenke, will immergrößere Sehnsucht und tiefere Wehmuth mich erfassen,da ich schöner Stunden mich erinnere, da dieser Locken-engel an meinem Herzen gelegen und geträumt, mit mirund in mir gelebt und mich unsäglich glücklich gewacht.Doch plötzlich hatte er sich weggerissen von meinem Herzenund wich allein gelassen. Seitdem ist Frieden zur Sehn-sucht, Wonne zur Wehmuth geworden.

Und willst Du mich trösten, da ich allein stehe amScheidewege und sinnend Hinausblicke in den Herbstabend Du kannst es nicht. Nur die Zeit kann heilen unddie Hoffnung, goldverklärt und ewig diesen Engel einstin anderer Welt wieder zu schauen und zu besitzen....

Der Engel, der an meinem Herzen geruht und michverlassen, hieß Jugend.

Jetzt ist's so kalt, als stünd' ich imHerbstrauschen.

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Der Bär nnd die große« RauLvogel iu deu Alpe».

Skizze von Hermann Robolsky .

^ (Nachdruck vcrbotrii.)

In den deutschen Alpen ist der letzte Bär EndeAugust 1864 in der Nähe der Partnachklamm (Ober-bayern ) von den Förstern Kiendl, Dillis und Bimsteitterlegt worden. Es war dies zweifellos ein Ucbcrläufey,

Selber ein Freund der edlen Jägerei, wenn sich auchmeine waidmännischen Thaten nur auf das Strecken einesHasen, Erlegen eines Huhnes oderKarnickels" beschränk-ten, intercssirten mich stets die Wildverhältnisse andererGegenden. Vom Bären der Alpen habe ich viel gelesen.Da ich im Juli ds. Js. selber im Engadin weilte, lages nahe, daß ich, so in unmittelbarer Nähe der Haupt-reviereBrauns", Erkundigungen über das jetzige Vor-kommen des mächtigen Naubthicres einzog.

Im Spätsommer 1895 wurden in der Nähe vor.Schuls wieder Bären gespürt und von den Wacht überihre Heerden haltenden Hirten auch gesehen. In denschwer Angängigen Schluchten des Skarlthales schienen dieRaubthicre ihre Schlupfwinkel zu haben.

Da traf eines Tages Anfang September der ColonistBäcker aus Schuls bei einer Jagdstreife unverhofft aufeinen Bären, der ruhig am Feishange lag. Der erstaunteMann besann sich nicht lange und erlegte den kleinenMutz gleich beim ersten Schuß. Jetzt aber erst fiel esdem Schützen ein, welch' gefährlich Wagniß er vollbracht,denn war die Bärcnmuttcr m der Nähe, so hätte sieohne Zweifel furchtbare Rache an dem Mörder ihresKindes genommen. Doch dem Jäger, der sich ja keines-wegs auf eine solch' gefährliche Jagd vorgesehen, war