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das Glück hold; er entkam ungefährdet mit seiner Beute.— In der Trinkhalle zu Tarasp steht das etwa jagdhund-große Thierchen ausgestopft.
Ein Prachtexemplar von einem Bären befindet sichpräparirt im Vestibüle des Hotels „Belvcdere" in Schnls.An der Vorderseite des Postaments lieft man auf einemTäfclchen die Notiz, daß der Bergführer C. M. Caviezeldas Naubthier am 22. September 1895 im Skarlthaleerlegt hat.
Unser Hvtelwirth erzählte mir, der kühne Jäger seija allerdings ein guter Schütze, aber ein noch jungerMann von etwa 27 Jahren. Da mir Herr Arguintauch die Wohnung des Braven nannte, suchte ich dieseauf und ließ mir die Affaire erzählen. Jedes „Jäger-latein" ist bei solch' ehrlichem Burschen ausgeschlossen.Der Deutsche hat beim Sprechen mit den Eingeborenendes Engadin allerdings sehr aufzupassen, denn die Leuteverfallen mit Vorliebe in die romanische Sprache.
Caviezel, ein hochgewachsener, breitschultriger Mann,hat dem Äußeren nach wohl das Zeug zum Bärenjäger.Aus seinen dunkel-italienischen Augen blitzt Muth undEntschlossenheit, und dennoch liegt auf seinem Wesen einegewisse Ruhe und Selbstbewußtsein. Die letztere Eigen-schaft findet gewiß darin ihre Begründung, daß der Manneine so sichere Kugel schießt.
Seiner schlichten und einfachen Erzählung nach warCaviezel an jenem 22. September mit der Büchsflintein'S wilde Skarlthal gegangen, um auf Gemsen zu Kirschen.Es mochte morgens um 8 Uhr sein, als der Jäger durchfein Fernglas ein massiges Thier von einem Grat herunter-klettcrn sah, das er sofort als einen starken Hauptbärenansprach*). Der Wind zog vvm Wild herüber; alsovermochte Mutz den Menschen nicht zu wittern. Dasgewaltige Naubthier, das sich dem Herrn der Schöpfunggegenüber beim Angriff sofort zur Wehre setzt, flieht aber,wenn es ihn spürt. Ein mächtiger Felsblock gab demmuthigen Manne zudem Gelegenheit, sich vor dem ahnungs-los dahcrtrollenden Bären einstweilen zu verbergen.
Auf 25 bis 30 Schritte ließ Caviezel das Thierherankommen, — dann „gab er Dampf". Mutz brachnach dem Schusse sofort zusammen und kugelte eine kleineAnhöhe herunter, an deren Fuß er bewegungslos liegenblieb. Der Schütze kannte aber das Leben und Gebührender Petze. Vorsichtig lud er sein Gewehr von Neuemmit einigen Kugeln und näherte sich der gewichtigen.Beute. Dann gab er auf dieselbe einen zweiten Schußab, der ebenfalls „saß". Der Bär rührte sich nicht. Nunerst wagte sich der Jäger an das Unthier heran. Dererste Schuß hatte des Letzteren Lunge und Leber zerrissen,so daß es wohl schon todt war, als es am Fuße desFelsens liegen blieb. „Ist der Bär nicht tödtlich getroffen",erklärte der kaltblütige Waidmaun, „so erhebt er sich beimNahen des Schützen sofort wieder und geht diesem zuLeibe. Wer da nicht den zweiten Schuß bereit hat, muß mitdem grimmen Vieh auf Tod und Leben kämpfen. DerBär fällt auch noch nicht nach dem ersten Messerstiche;zwei, drei Stöße mit dem scharfen, breiten Eisen sindmindestens erforderlich, ihn zu strecken. Packt er dabeiseinen Gegner, so zerreißt er diesen noch, trotz der schwerenVerwundung. In der Regel endet dann der Kampf mitdem Tode beider Streitenden."
Es sind übrigens drei Bären im vorigen Herbstin der Nähe von Schuls erlegt worden.
Caviezel erhielt von der Graubündener Regierung100 Francs Schußprümie; der Ort Schuls fügte dieserSumme noch 60 Francs hinzu, und der schon genannteWirth des Hotels „Belvcdere", Herr Arquint, kaufte denBären für 300 Francs. 460 Francs sind für einen soarmen Alpcnbewohner, wie es der treffliche Schütze ist,schon ein kleines Vermögen. — In früheren Jahrenbrachten die Jäger in der Schweiz , um die üblicheJagdpräniie zu erlangen, der Behörde oft die erlegtenThiere selbst herbeigeschleppt (gewöhnlich wurde nur dieVorlage der linken Vordertatze verlangt). Wolf und Luchswaren eben in den Alpen neben dem Bären ständige Naub-thiere. Ein Valser führte einmal einen gewaltigenlebendigen Wolf, den er in einer Falle gefangen, nachdem Nathhause zu Chur .
Dem Geschicke des Steinbocks, der im Engadin früherauch noch zu Hanse war, entgeht der Bär wohl nochmanche Zeit; aber gezählt sind seine Tage doch. Eswird die Zeit kommen, in der ihm die schwer zugängigenSchluchten und trümmerübersäeten Thäler der steilenFclSgebiete, die sich über das ganze Gebirg vertheilen,auch nicht mehr genügend Schutz gewähren. Nach Kaden's„Schweizerland" sind eben die hauptsächlichsten Bären-revicre die Seitenthäler des Unterengadins mit dem an-stoßenden Münsterthale und den Offner Gcbirgswäldern.In der Nähe des Dorfes Zernetz liegt das ganz zuBäreneinsiedeleien geschaffene Val Cluozza. Tschndi er-zählt vom Schloßwächtcr von Zernetz , der eigenhändigelf Bären erlegte. Natürlich müssen wir da schon etlicheDecennien zurückgehen. Der bekannte schweizer Schrift-steller berichtet eine Unzahl von Bärengeschichten, wie sichz. B. im Engadin im Jahre 1862 fünf Bären auf ein-mal zeigten, wie 1853 auf der Karlemattenalpe in Davos 16, auf der Stutzalp 15 Schafe zerrissen wurden. DieMissethäter verfielen der Kugel. Erschossen wurden fernerin den Zernctzer Wäldern 1856 in der Zeit von dreiTagen ein junger Bär und seine Mutter. 1860 raubteein Bär in der Nähe von Zernetz innerhalb 14 Tagensiebzehn Schaff. Einen Begriff von der Kraft einesBären kann man sich übrigens machen, wenn man bedenkt,daß er im Stande ist, eine Kuh davonzuschlcppen. Alsder Bär noch mehr in den Alpen verbreitet war, ist esoft zwischen ihm und muthigen Heerdenstieren zu furcht-baren Kämpfen gekommen, und nicht immer blieb Mutzder Sieger.
„Vor mehreren Jahren", erzählte mir Herr HotelierArguint, „fuhr ein Bauersmann aus Schuls durch dasMünsterthal nach Sta. Maria. Von seinem Einspänneraus sah er plötzlich unterhalb des Weges ein Paar pudel-artige Thiere am Wildbach spielen. Er ergriff einentüchtigen Stein und warf auf die von ihm nicht gleich ge-kannten Geschöpfe. Wirklich traf er eins so wuchtig, daßes in das Wasser kugelte. Jetzt brach aber eine großeBärin aus dem nahen Gestrüpp hervor und suchte rache-schnaubend den Wagen zu erreichen. Der auf den Toderschrockene Bauer, der gar keine Waffen bei sich hatte,hieb auf das Pferd los und jagte, was das Zeug haltenwollte, davon. Doch die wüthende Bärin ließ nicht abvon der Verfolgung und versuchte etliche Male, auf denWagen zu gelangen. Endlich erreichte der geängstigt«:Mann eine Ansiedlung am Wege, in die er retirirte. Erwar kaum noch im Stande, den Leuten die drohendeGefahr mitzutheilen, in der er geschwebt, dann brach eiplötzlich im Zimmer, vom Schlage gerührt, todt zusammen.
*) JägerauZdruck, — soviel wie „dafür halten".