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Zwischen zwölf Uhr Nachts und drei Uhr Morgensbraucht nicht einmal ein Naturforscher eine Uhr.
Wer sich nach diesem duftigen Zeitmesser richtet,weiß wohl: wieviel es in — Upsala geschlagen hat,denn fnr die dortigen Verhältnisse, also für Gegendenvon 60 Grad nördl. Breite, gilt die Aufstellung Linns's.Eine andere, für Innsbruck , hat der Wiener BotanikerHofrath Keiner in seinem „Pflanzenleben" angegeben.
In Tirol begrüßt die wilde Rose den goldenen Tag,das Eiskraut wendet sich der Sonne um Mittag zu,und die bleiche Kratzdistel schließt ihre, dem Erdbodenaufliegenden Strahlen angesichts der Abendröthe.
Da wir nicht annehmen können, daß sich die Blumenöffnen und schließen, um uns den flüchtigen Schritt derZeit erkennen zu lassen, muß es wohl einen andernGrund für diese Erscheinungen geben. Einen solchendeutet die auch für jedes Gewächs bestehende Verpflicht-ung sich fortzupflanzen an. Wären die Blumenblätterdie ganze Nacht hindurch offen, so würde durch den Thauder Pollenstaub derart durchnäßt werden, daß ihn dieInsekten am nächsten Tage nicht einfach von den Fädenabstreifen und auf eine Narbe des Fruchtknotens tragenkönnten. Andererseits öffnen sich die zarten, so buntbemalten Blüthentheile, um die in der Lust schwirrendenSechsfüßler zum Besuche einzuladen. Von den letzterenhat jeder seine Specialität und seine bestimmte Flugzeit.So z. B. stecken die großen, schlanken Abend-Schwärmerunter den Schmetterlingen ihre langen Rüssel nur insolche Kelche, welche sich zu dieser Zeit erschließen.Die nächtliche Silene nickt eigentlich nicht dem Monde,sondern einem dieser Falter zu.
Man hat auch der Natur in's Handwerk zu pfuschengesucht, indem man die Bedingungen für diese periodischeThätigkeit der Kinder Flora's künstlich nachzuahmen suchte.Ein echtes Kind der Berge — der blaue Enzian —zeigte bei diesen Experimenten, daß es namentlich dieWärmestrahlen sind, welche seine schön gefärbten Glockenöffnen. Die „leuchtenden" Strahlen wandelt die Pflanzedurch einen besonderen Farbstoff — das Anthokyan —in „wärmende" um. Darum findet sich dieser an derAußenseite der Blüthen, so sind die weißen Bündchendes gewöhnlichen Gänseblümchens an ihrer Rückseite obenbläulich oder violett angelaufen.
Weit lebhafter, als dies die Kräuter vermögen, ver-künden die Thiere den raschen Verlauf der Zeit.
Wenn es Abend wird, steigen die Gespenster derTiefe an die Oberfläche des Meeres, um mit der Morgen-röthe wieder in den dunklen Grund zu versinken. Mitihren beflügelten Füßen durcheilen sie zu Millionen dieFluthen. Es sind dies die sogenannten Pteropoden, derenoft nur wenige Centimeter große Körper fast durchsichtigsind. Auch andere Wesen tauchen in der Salzfluth periodischauf und nieder. Die Uhr des Meeres, welche der Wellen-schlag regulirt, hat noch keinen Linus gefunden; hingegenhat Professor Habcrlandt, gelegentlich feines Aufent-haltes in Java, eine Art Thier-Uhr für die Tropenangegeben.
In dem Urwalde von Tjiboda gibt es nach seinerSchilderung früh Morgens zwischen sechs und a ch t Uhrzunächst ein großes Singvogel-Concert: ein lustiges Zwit-schern und Trillern, zumeist aus recht kräftigen Vogel-kehlen. Dann folgt eine Pause, worauf zwischen neunund zehn Uhr die zahlreichen Tauben ihr lautes, fastmelancholisches Girren und Gurren ertönen lassen. Mit
hohlem Baßtone läßt sich die große oolumsta asnsL ver-nehmen; dazwischen ertönt ein lautes Schnarren und dereinem Glockenton ähnliche Ruf des japanischen Kuckucks.
Zur Mittagszeit hört auch dieses Gurren undRufen auf, und nur zuweilen unterbricht der Schrei einesPfaues oder der melodische Flötenton eines einsamenSängers die Stille des Urwaldes.
Zwischen fünf und sechs Uhr Abends, nach denGewittern und Regengüssen, beginnen Plötzlich, wie miteinem Schlage, die Grillen- und Cikadenheere ihr Concert.Das ist ein Zirpen, Knirschen und Schnarren, ein Kreischenund Schreien, das um so lauter wird, je dichter die Nebeldes Abends durch das Geäste der Bäume ziehen. Esist, als ob ein geheimnißvoller Dirigent den Taktstocküber diesen geflügelten Massen schwingen würde. Sosingt, gurrt und zirpt es nun Tag für Tag genaunach derselben Zeiteintheilung. Fast auf dieMinute genau läßt sich die Pünktlichkeit der Sänger kon-troliren, die offenbar eine Folge der großen Regelmäßig-keit ist, mit welcher sich die meteorologischen Erscheinungentäglich wiederholen.
Der thatsächlichen Ausführung eines botanischen Zeit-messers steht die Schwierigkeit im Wege, daß man nichtalle vorhin angeführten Pflanzen an einem und dem-selben Platz findet und daß sie nicht sämmtlich zu gleicherZeit blühen. Auch ein zoologischer Chronometer ließe sichbei uns schwer beschaffen; er hätte außerdem den Nach-theil, daß man die Stunde schlagen hören müßte, auchwenn man dies nicht wollte. Da beide Arten von Uhrenden ganzen Winter über stehen bleiben, so haben unsereUhrmacher vorläufig keinerlei Konkurrenz seitens der MutterNatur zu fürchten. (Frkf. Ztg.)
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Zu unseren Bildern.
August Graf o. Pinien.
Am 24. Okt. waren es hundert Jahre, daß Graf Augustvon Platen zu Ansbach als einziger Sohn des OberforstmeistersGrafen von Platen-Hallcrmündc das Licht der Welt erblickte.Kaum zehn Jahre alt trat er in das Kadettenkorps zu München ein, kaum vierzehn, in das Pageninstitut. Schon mit achtzehnJahren wurde er Lieutenant und machte als solcher den Feld-zug 1815 mit. Doch es duldete ihn nicht in dem geistig be-grenzten Dasein eines Militärs. Nach Friedensschluß trat erin das Privatleben zurück, um sich an den Universitäten Würz-burg und Erlangen wissenschaftlichen Studien hinzugeben. Vonseinem Fleiße gibt der Umstand Zeugniß, daß er in sehr kurzerZeit zwölf Sprachen beherrschen lernte. Sein angeborenerWandertrieb ließ ihn jedoch nicht ruhen. 1824 reiste er durchdie Schweiz nach Italien — das war das Land, das er „mitder Seele suchte." Von 182b ab kam er nur noch zwei Malauf ganz kurze Zeit nach Deutschland . Er konnte aber auchum so ruhiger im Lande der Kunst leben, als er zum Mitgliedder Akademie der Wissenschaften in München ernannt wurdeund vom König von Bayern ein Jahrgehalt erhielt. Im Jahre1835 trieb ihn die Furcht vor der Cholera, die damals inNeapel grassirte, nach Sicilien. Daselbst erkrankte er und inder Meinung, es sei die Cholera, gebrauchte er die entsprechendenMittel dagegen. Diese verschlimmerten sein Leiden, so daß eram 5. Dezember starb. Die Platen'sche Dichtung, so erhabenauch der Eindruck ist, den sie auf uns macht, sie wird unsinnerlich immer fremd bleiben. Sie ist nur Kunst —„mannorschön" hat man sie genannt — deren einzelne Be-standtheile von reiner Schöne sind, aber es fehlt ihr das Leben.Er wähnte, die Stimmung lieae in der äußeren Form unddieser Wahn wurde um so verhängnißvoller, als er antike undmorgenländiscbe Versmaße gebrauchte. Trotz alledem aber batPlaten doch ein Verdienst, um dessentwillcn wir ihn ehrenmüssen: er hatte das redliche Bestreben, eine reine und großeKunst zu schaffen.