Ausgabe 
(22.12.1896) 105
Seite
809
 
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Augsburger Postzeitung".

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viustag, den 22. Dezember

1896 .

Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas ü> Grabherr in Augsburg lBorbesttzer Dr. Max Huttler ).

Ihr erster Roman.

Novelle von Antonie Haupt .

(Schluß.)

VI.

Es dauerte mehrere Tage, ehe es den BemühungenDoktor Hesse's gelang, Saärstein willfährig zu machen,den versprochenen Besuch ins Werk zu setzen. Die Gleich-giltigkett, welche dieser für Frau von Elz empfunden,hatte sich seit jener Enttäuschung fast zur entschiedenenAntipathie entwickelt. Ihr stetes Entgegenkommen, daser nicht zurückweisen konnte, ohne die Gebote der Ritter-lichkeit zu verletzen, erschien ihm lästig; zudem zürnte erihr wegen ihrer schroffen Aeußerungen.

Während er jetzt, halb widerstrebend, ziemlich schweig-sam dem Freunde nach Thale folgte, beschäftigten sichseine Gedanken mit dem Lieblingsbtld seiner Träume,mit Ilse Treuenfels. Heute mußte, auch wenn sie nicht inderselben Stadt wie ihr Verleger wohnte, sein Brief inihre Hände gelangt sein. Ob sie sich rühren lassen, obsie seine Bitte mit Erfolg krönen würde? Bald beklom-men, bald hoffnungsfreudig schlug sein Herz, als er sichausmalte, wie sie seine Beharrlichkeit wohl aufnehme.So sinnend und überlegend gelangte er, fast ohne zuwissen wie, in den eleganten Empfangssaal des HotelsZehnpfund". Nachdem man sich den Damen hatte mel-den lassen, kam die niedliche Zofe der Frau von Elz und führte die Herren in ein mit allem Luxus ausge-stattetes Boudoir.

»Die gnädige Frau wird sogleich erscheinen", ver-sicherte sie.

Hier sieht es ja fast aus wie in dem eigenenHeim der Dame", erklärte Saarstein, indem sein Augewohlgefällig über die prächtige und geschmackvolle Aus-stattung des Gemaches glitt. Wie allen Freunden derFeder, so erging es ihm jetzt. Sein umherschweifenderBlick wurde sogleich magnetisch angezogen durch einigeoffen auf dem Tische ausgebreitete Schriftstücke. Me-chanisch, ohne sich Rechenschaft über sein Thun zu geben,schritt er hinzu und blickte hinein. Er fand eine alteChronik, Harzsagen in wunderlicher, verschnörkelter Hand-schrift, kaum leserlich auf vergilbtem Papier, und danebenlag fein säuberlich die Abschrift in zierlichen modernenBuchstaben. Er starrte auf letztere hin, rieb sich dieAugen und schaute wieder. Hatte seine Phantasie dennwirklich solch' unglaubliche Macht über seine Sinne, daßer überall die Schriftzüge von Ilse Treuenfels zu sehen

glaubte? Nein, ohne Zweifel, die zierlichen und dochso kühn geschwungenen Lettern blieben dieselben, es warin der ^ hat die elegante, klare Schrift, wie sie das Tage-buch, wie sie die Briefe zeigten. Sollte Frau von Elz

dennoch.Ach, es war undenkbar! Eine gute

Schauspielerin war sie freilich ... Ja, es war schließ-lich nicht anders möglich, sie mußte die geheimnißvolleAutorin sein.

Eine tiefe Niedergeschlagenheit und Verstimmungbemächtigte sich Otto's bei dieser Vorstellung.

Da öffnete sich die Thür, und die junge Frau tratmit einem verführerischen Lächeln ins Zimmer. Einreizendes Morgennegligs ganz aus duftigen, cremefarbigenSpitzen mit rothen Schleifen schmiegte sich um ihre schönenFormen, und ein winziges Spttzenhäubchen lag kokett aufder halbgelösten Lockenfülle.

Ich bitte, zürnen Sie mir nicht, daß ich in diesemAufzuge vor Ihnen erscheine", begann sie ein wenig ver-schämt.Ich habe so lange vergeblich auf Ihr Kom-men gehofft, daß ich um der leidigen Toilette willenauch nicht eine Minute länger warten wollte, Sie zusehen. Ah, das Warten ist die Erfindung eines Dämons,eine qualvolle Einrichtung, die in den Tartarus gehört!"Ihr Gesichtchen nahm ganz eine melancholische Miene an,als sie dies sagte. In der nächsten Sekunde jedoch er-hellte es sich wieder zu strahlender Freundlichkeit.Undnun seien Sie mir herzlich willkommen, meine Herren!"rief sie aus, indem sie ihnen beide Hände zur Begrüßungdarbot.

Die schöne Amanda von Elz wußte recht wohl, daßsie in keinem andern Costüm bestrickender aussah, als indiesem leichten, scheinbar nachlässig über die anmuthigeGestalt hingeworfenen Spitzennegligö. Ja, sie war indiesem Augenblick entzückend hübsch, die kleine Circe, dasmußte selbst Saarstetn sich zugestehen. Sein Sinn warjedoch gerade jetzt weniger denn je für Aeußerltchkeitenempfänglich. In fieberhafter Ungeduld drängte es ihn,Gewißheit zu erlangen über den einen Punkt, der alleseine Gedanken beschäftigte. Kaum hatte der Freundseine wohlgesetzte Entschuldigungsrede, daß sie nicht schonfrüher ihre Aufwartung gemacht, beendet, als Otto auchschon die scheinbar unschuldige Bemerkung hinwarf:

Gnädige Frau scheinen sich für alte Chroniken zuinteressiren, da Sie sich sogar Mühe geben, diese alteverschnörkelte Handschrift zu entziffern und abzuschreiben."Dabei lächelte er so harmlos, daß Niemand ahnen konnte,