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wie ungestüm sein Herz in ängstlicher Erwartung pochte.Sie sah ihn an und lachte.
„Derartige kleine Privatvergnügen überlasse ich Lily",entgegnete ste heiter. „Ich weiß nicht einmal, was indem alten Schmöker steht, den das Kind, Gott weißwo, ausgegraben und hierhergeschleppt hat. Jetzt fitztsie wie verzaubert an dieser babylonischen Urschrift undquält sich mit Abschreiben. Die Kleine wird mir jedochbei dieser Beschäftigung ernsthaft nervös, so daß ich einentschiedenes Veto dagegen einlegen muß. Ja, denkenSie nur, als sie soeben einen Brief erhielt, brach siebeim Lesen desselben in Thränen aus. Ich fragte er-schreckt, ob sie eine traurige Nachricht empfangen habe,und sie erklärte, der Brief enthalte weder traurige, nochfreudige Mittheilungen, dann lief sie erregt hinaus insFreie. Doch ich erzähle Ihnen Dinge, welche Sie garnicht interesstren, ich sehe das an Ihrer zerstreuten Miene."
Otto war in der That wie geblendet von dem plötz-lichen Licht, das ihm meteorartig aufgegangen war. Erkonnte eS kaum fassen, daß die sehnlichst Gesuchte, dasIdeal seiner Träume, nun in Lily von Arendal gefun-den sei. Welche Verwirrung, welchen Aufruhr von Ge-danken und Gefühlen brachte ihm diese Erkenntniß, diewie etwas erkältend Fremdes ihn traf und zugleich auchwieder warm sein Herz berührte. Das Bild, daS er imHerzen getragen, versank, und ein anderes, ebenso an-muthiges stieg vor ihm auf, von eigenthümlichem Glanzumstrahlt. Er hätte Lily jetzt, nachdem das Geheimnißihm enthüllt war, um Alles nicht begegnen, ihr nicht insAuge sehen können; denn was hätte er ihr in dieserersten Verwirrung sagen sollen? Wie sehnte er sich nacheiner Stunde der Einsamkeit, einer Stunde des Allein-seins, die ihm Klarheit über seine Empfindungen bringenmußte! Daß er auch nie an die Identität Lily's mitIlse Treuenfels gedacht hatte! — Aber ihr Benehmengegen ihn war ja auch so kalt, so unfreundlich. Freilichtrug sein eigenes Verhalten die Schuld daran, und ihreZurückhaltung war, das erkannte er jetzt, nur mädchen-hafter Stolz. So sann er und gab sich nicht einmalden Anschein, als ob er der lebhaften Unterhaltungzwischen Frau von Elz und seinem Freunde die geringsteAufmerksamkeit zolle.
„Ich kenne Sie heute nicht, Baron; es scheint, Siesind ihm Begriffe, eine vollkommener Misanthrop zu wer-den", wandte sich erstere wieder zu ihm.
„DaS nicht, meine Gnädige; aber ich bin im Be-griffe, mich von Ihnen zu verabschieden", schaltete Otto,der in jedem Augenblick befürchtete, Fräulein von Aren-dal erscheinen zu sehen, unwillkürlich ein. „Ich entsannmich soeben, daß eine wichtige Angelegenheit mich vondannen ruft."
„Nun so gehen Sie, trockner Mensch, der keinenSinn für ein gemüthliches Plauderstündchen hat. GehenSie nur, Ihre Unterhaltungsgabe ist ohnedies heute nichtdie anerkennenswertheste", warf sie scherzhaft schmollend ein.
Mit einem erstaunt fragenden Blick auf Saarstetnerhob sich auch Georg; ehe er sich jedoch empfahl, unter-ließ er es nicht, die Frage zu stellen:
„Würden die Damen uns vielleicht heute Nachmit-tag die Freude machen, uns auf einem Ausflug nachTreseburg zu begleiten?"
„Mit dem größten Vergnügen!" rief Frau von Elchtlich erfreut. „Das ewige Einerlei ist tödtlich lang
weiltg. Ihr Vorschlag gilt doch einer Fußtour durchdas romantische Bodethal?"
„Ganz wie Sie befehlen, gnädige Frau."
„Also abgemacht! Auf Wiedersehen heute Nach-mittag I"
Mit respektvollem Gruß wandten sich die Herrenzum Gehen.
„Nun erkläre mir, Du Sonderling, was ficht Dicheigentlich an? Dein Verhalten wird mir immer unver-ständlicher", rief Doktor Hesse, nachdem die Thür sichkaum hinter ihnen geschlossen hatte.
„Komm' nur, das Räthsel soll Dir bald gelöstwerden", begütigte der Freiherr, indem er mit schnellenSchritten dem Ausgang zustrebte. Als sie durch denPark wanderten, gewahrten sie unfern auf einer Ruhe-bank die schlanke, schmiegsame Gestalt Lily's. Der Aus-druck ihrer bleichen Züge war tieftraurig, und ihre blauenAugen, die starr ins Weite blickten, waren vom Weinendunkel umsäumt. Der Anblick war entscheidend für Otto.Ein tiefes, inniges Gefühl für ste begann sich in seinerBrust zu regen, nur mühsam vermochte er seine Be-wegung zu verbergen. Jetzt, nachdem er wußte, welcherGluth der Empfindung oieses scheinbar so marmorkalteWesen fähig war, nachdem er wußte, daß sie ihn liebte,ja, daß ihre Thränen in dieser Stunde ihm galten, brachdie warme Neigung, welche er beim ersten Begegnen fürsie empfunden und zurückgekämpft hatte, mächtig undsiegreich hervor. Das unselige Mißverständniß, welchesihre stolzen Naturen getrennt, war nun gelöst, und einGefühl von Glück kam über ihn, wie er es nie vorhergekannt.
Bei seinem schnell bewegten Gemüth, bei dem ro-mantischen Zug seines Charakters wäre er am liebstenjetzt gleich auf der Stelle zu ihr hingeeilt, wäre vor ihrniedergekniet und hätte geflüstert: „Lily, ich weiß Alles,und ich liebe Dich!" Doch die wahre Liebe ist schüch-tern und zaghaft — als er der holden Erscheinung vollernster Anmuth gegenüberstand, da entsank ihm der Muth,zu ihr zu sprechen, wie sein Herz verlangte, und mitstummem Gruß ging er vorüber. Ihr Bild aber mitdem ganzen Zauber edler Weiblichkeit begleitete ihn aufdem Heimwege.
Nachdenklich und schweigsam sah er anfänglich vorsich nieder; bald aber drängte es ihn, dem Freunde vonder wundersam beglückenden Entdeckung zu erzählen, undindem er seinem Empfinden Worte lieh, kam es ihmselbst immer klarer zum Bewußtsein, wie dieses unge-wöhnliche Mädchen schon gleich bei der ersten Begegnungsein ganzes Herz gefesselt. Welchen Reichthum an Geistund Gemüth hatte er schon damals in Lily erkannt, inihr, die jeglichen äußern Prunk verschmähte, mit demandere Frauen sich umgeben, um sich anziehend zu machen,die ihm dennoch aber glänzend über alle Andern hervor-leuchtete I
Jetzt verstand , er sich selbst, jetzt begriff er, weßhalbihr scheinbar so gleichgiltiges Verhalten ihn stets so tieverletzt, ihm so wehe gethan hatte. Um so glückberau-schender war nun der Gedanke, von dem edlen, hoch-begabten Mädchen geliebt zu sein. Mit ganzer Selig-keit gab er sich der zuversichtlichen Hoffnung hin. Miteinem Ungestüm, das ihm selbst thöricht und kindisch er-schien, sehnte er sich nun nach ihr, und es ergriff ihnder leidenschaftliche Wunsch, ihr sogleich rückhaltslos seinHerz zu entdecken. Während sein Freund wie die an-