von Elz grüßte und winkte schon lebhaft aus der FerneDoch weder der schmachtende Blick ihrer dunklen Augen'noch ihr liebenswürdiges Lächeln vermochten heute di^Aufmerksamkeit des Freiherrn zu fesseln. Sein Augeruhte wie gebannt auf Ltly. Eine liebliche Nöthe lagauf deren Wangen, während ihr schönes, blaues Augein ungewöhnlichem Feuer strahlte. Ihre innere Erregung,ihre Verwirrung bet seinem Anblick verlieh ihr einen un-sagbaren Reiz, der Otto mit Entzücken erfüllte.
„Hoffentlich haben Sie Ihrer menschenfeindlichenLaune für heute den Abschied gegeben", mit diesenWorten näherte sich Frau von Elz ihm schmeichelnd,um ihn für den Spaziergang vollständig in Beschlagzu nehmen.
Mit großer Gewandtheit wußte jedoch der jungeDoktor ihren Plan zu vereiteln, indem er unverzagt sichihr als Ritter und Geleitsmann auf dem Wege anbotund dann in scherzhaftem Eifer mit ihr eilig voraus-stürmte.
Saarstein, der nun selbstverständlich mit Fräuleinvon Arendal in geringer Entfernung folgte, ließ demPaare den Vorsprung, den es gewonnen. Doch eigen-thümlich — kaum war er mit Lily allein, so überkamdie Befangenheit ihn selber, so daß er kein Wort derAnrede zu finden wußte. Das junge Mädchen machtees ihm nicht leicht, seine Verlegenheit zu überwinden;zurückhaltend, ernst und schweigsam ging sie an seinerSeite durch die Waldespracht. Noch gestern hätte ereine solche Haltung bei ihr als Gleichgiltigkeit gedeutet,heute wußte er, daß es Befangenheit war. Was mochteLily, nachdem sie heute Morgen seinen Brief gelesen,der, wie sie glaubte, an ein anderes geträumtes Wesengerichtet war, jetzt in seiner Gegenwart empfinden?
Er wollte zu ihr sprechen, doch die Kehle war ihmwie zugeschnürt.
Lily war es, welche zuerst den Bann des Schweigensbrach Sie machte ihn auf die Erhabenheit der um-gebenden Natur aufmerksam, zog ihn dadurch aus seinemträumerischen Zustande und verflocht ihn in eine Unter-haltung, die ihn zu anderer Zeit lebhaft angeregt hätte,da sie die Merkwürdigkeiten, welche er auf seinen Reisengesehen, betraf. Heute aber antwortete er zerstreut undunzusammenhängend, während seine Gedanken sich un-ruhig mit einer ganz anderen Angelegenheit beschäftigten.
Stundenlang waren sie so im Bodethale vorgedrungen;die wildesten und romantischsten Felsenscenerien hattensie hinter sich gelassen, an den mächtigen Gewitterklippenwaren sie längst vorüber; jetzt schauten sie von einerAnhöhe herab auf Treseburg .
Tief athmend in wortloser Bewegung stand derhohe Mann vor dem jungen Mädchen, das unter seinemlangen, innigen Blicke erglühte und die Wimpern senkenmußte. Wie ein Zauberbann lag es auf Beiden. Alsaber Lily eine Bewegung machte, als wollte sie voran-schreiten, da hielt Otto nicht mehr länger an sich.
„Lily, ich beschwöre Sie, gehen Sie nicht weiter,ehe Sie mich gehört, ehe Sie mein Urtheil gesprochenhabenI" rief er leidenschaftlich. „Der Zufall verriethmir heute ein Geheimniß, nach dessen Lösung Ihre Grau-samkeit mich vielleicht ein ganzes Leben lang hätte ver-gebens forschen lassen. Er verrieth mir, daß Ilse Treuen-fels, die sehnlichst Gesuchte, mir so nahe sei."
„O Gottl" hauchte Lily und ward bleich wie Mar-mor; sie wankte und griff tastend nach einer Stütze.
Er legte den Arm fest um ihre schlanke Gestaltund sprach mit bebender Stimme:
„Wie glücklich mich diese Entdeckung machte, ver-mag ich nicht zu schildern. Denn lange, ehe Ilse Treuen-fels mich durch ihre geist- und gemüthvolle Dichtung somächtig und unwiderstehlich fesselte, kämpfte ich gegeneine stets von Neuem aufflammende Liebe zu Lily vonArendal, gegen eine Liebe, die ich tödten wollte, weil ichsie unerwidert glaubte. Am heutigen Tage aber", fuhrer leuchtenden Auges fort, „ging mir ein Hoffnungssternauf. Lily, liebe Lily, von Deinen Lippen möchte ich dasGeständniß hören. Sage, o sage mir, liebst Du mich?"Er bog sich zu ihr nieder und sah ihr tief und forschendin die Augen.
Sie barg das blonde Köpfchen an seiner Brust undflüsterte: „Du weißt ja, daß ich Dich liebe."
Stürmisch küßte er den Mund, welcher dieseWorte sprach.
So war denn alles Sehnen geendet, aller Zwiespaltgelöst: die Gewißheit der Gegenliebe erfüllte Beide mitEntzücken. Nach einer langen Pause sagte Otto:
„Und nun verrathe mir, mein Lieb, wie war esDir möglich, mir, nachdem ich Dein Tagebuch gefunden,wie durch Zauberei zu entschlüpfen nnd mich auch späterso lange in der Finsterniß zu lassen? Hattest Du Frauvon Elz zu einem Bündniß gegen mich gewonnen?Kannte sie den Inhalt des Tagebuches, wußte sie vonDeiner Neigung zu mir?"
Lily lachte.
„Frau von Elz wußte nur, daß ich Deiner in meinenMemoiren schmeichelhaft erwähnt; sie begriff recht wohl,wie peinlich es mir sein müsse, das Buch, nachdem Duvielleicht darin gelesen, aus Deiner Hand in Empfangzu nehmen. Sie ließ sich daher sehr leicht von mir zurFlucht vom Brocken überreden, ebenso verrieth sie michnicht, als Du sie selber im Verdacht der Autorschafthattest."
„Böses Kind, und Du hörtest mäuschenstill undschadenfroh dem Gespräche zu."
„Nicht schadenfroh, Otto; nein, in großer Angst,Du möchtest die Wahrheit erfahren, die Wahrheit, die,wie ich glaubte, Dir schrecklich sein müsse."
Er antwortete nur dadurch, daß er sie auf's Neueinnig an sein Herz zog.
„Wußte Frau von Elz von Deiner Verwandtschaftmit Jlie Treuenfels, als sie ihr Urtheil über schriftstellerndeFrauen sprach?" fragte er nach einer Weile.
„Bewahre! Sie wird auch nie etwas davon er-fahren. Ilse Treuenfels wird bald verschollen sein; dennwie nur die Liebe zu Dir mich zur Dichterin machte, sozwingt mich meine heiße, innige Liebe zu Dir, die Federwohl für immer aus der Hand zu legen. Vor allemsoll es meine Lebensaufgabe sein, Dich, theurer Mann,glücklich zu machen, Deinem Heim die treue, sorgendeHausfrau zu sein und mich meines neuen Wirkungs-kreises würdig zu zeigen. Ich weiß recht wohl, daß sichmir in meinem Berufe als Schloßherrin auf Saarsteinein unbekanntes Gebiet der Thätigkeit öffnet, daß mirso große, ernste Pflichten entgegentreten, daß ich meinebesten Kräfte einsetzen muß, um Dir eine treue, mit-schaffende, sorgende Gefährtin zu werden. Ilse muß inden Hintergrund treten, da Lily sich Verdienste als Haus-frau erringen möchte. Sei still, ich merke schon, Duwillst das vermeintliche Opfer nicht annehmen. WeißtDu denn nicht, Du Hoher, herrlicher^Mann, daß es