Ausgabe 
(24.12.1896) 106
Seite
817
 
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-R 10k. Donnerstag, den 24. Dezember 1896.

Für die Redaction verantwortlich: Vr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler ).

Sein Mündel.

Novelle von I. v. Dirk ink.

(Nachdruck vkrbotrn.)

Ihre Eltern waren früh gestorben, und der Kauf«ttz§nn Magnus Börner, der ihr Vormund war, hatte diekleine Alice zu sich genommen. Er und seine einzigeSchwester Sabine bewohnten ein altes Patrizierhaus ineiner mittelgroßen Stadt.

Es war ein bleiches, stilles Kind mit großen,dunklen Feueraugen, in denen oft ein eigenthümlichesLicht aufstrahlte.Sie ist eine Künstlerseele", sagte derLehrer Merkman, dessen Tochter eine berühmte Sängeringeworden war. Er gab Alice Klavierunterricht, sie warseine beste Schülerin.

Sie war fünfzehn Jahre alt, als eines Tages dieberühmte Tochter ihres Lehrers in ihrer Vaterstadt, diesich in dem Glänze dieses Gestirns am Künstlerhimmelmit Vergnügen sonnte, erschien. Der kleine Garten hinterdem Schulhause duftete und prangte in seinem schönstenLenzesschmuck. Die Rosen blühten, die Vogel sangenund wiegten sich in den vom goldenen Sonnenlicht um-sponnenen Zweigen, Falter schwirrten durch die Luft,und ein würziger Hauch von Thymian und Krause-minze Mischte sich mit Goldlack- und Nosenduft.

Alice stand mit ihren Noten unter dem Arm ander offenen Gartenthür, als eine Singstimme an ihrOhr schlug, so wundersam, glockenhell und silberklar, sosüß, daß es sie mit ungeahnter Wonne durchschauerte.

Das war sie, die Sängerin von Gottes Gnaden.Wie gebannt steht das Mädchen da, es war nur eineinfaches Lied, aber es wühlt ihr die Seele auf, so innigund lieblich schmiegt sich Ton an Ton ihr ins Herzhinein. So singen können! Beide Hände auf dasHerz gepreßt, lehnt sie da; sie sieht nicht die Frühlings-pracht um sich herum, sie lauscht nur mit angehaltenemAthem, bis der letzte Ton verklungen ist, und dann gehtsie langsam wie im Traume verloren heimwärts.

Noch tagelang unterhielt sich die Stadt von derjungen Künstlerin; eS währte lange, bis sie eiu neuesEreigniß gehörig verdaut hatte. Die Frau Doktor Kol-reuder, eine behäbige, sehr redselige Dame, Mntter einerheirathsfähigen Tochter, nahm einmal in der Woche denThee Abends iu dem Hause der Geschwister. Sie wares, die Sabine über alle Stadtneuigkeiten auf demLaufenden erhielt, und da sie Humor und Schlagfertig-kett besaß, übte sie auch auf MagnuS eine gewisse An-

ziehungskraft aus. Mine, die alte Hausmagd, machtesich jedoch ihren Vers auf die viele» Besuche der Dame.Der Herr soll ihre Tochter heirathen", pflegte sie launigzu Alice zu sagen, denn sie konnte die alte Plauder-tasche nicht leiden.

Heute fanden ihre Anekdoten über die Künstlerinkein Ende, aber Magnus brach diesen rechtzeitig die ge-wagte Spitze ab, denn Alice hörte mit großen Augenzu; eS war offenbar, die Anwesenheit der Sängerinhatte sie ganz verwandelt. Sie, die sonst wie eine ge-schäftige Hausfee Sabine zur Seite gestanden, schlich jetztträumerisch und wie bedrückt umher.

Und eines Tages trat das Schicksal an MagnuSheran. Der Lehrer Merkman erklärte, daß Alice eineStimme besitze, so umfangreich, volltönend und metallen,daß es ewig schade sei, wenn der Schatz ungehoben bliebe.Das Mädchen habe große Lust, sich auszubilden, siewage sich nur nicht mit diesem Ansinnen hervor, da siewisse, daß sie, ganz mittellos, dem Vormund nur Kostenverursachen würde. Magnus war innerlich empört, wennauch äußerlich ruhig. Er lächelte und sagte, daß er dieSache mit Sabine überlegen wolle.

Nein, es war geradezu unerhört, daß Alice solchenunfruchtbaren Träumen nachhing und in die Fußstapfeneiner Louise Merkman treten wollte. Nur für den Haus-gebrauch hatte man sie musikalisch bilden wollen; undnun? Das Herz that ihm weh, wenn er dachte, daßer seinen Sonnenstrahl verlieren sollte, denn wenn dieKleine auf ihrem Plan bestand, dann ja, was sollteer denn anders thun als nachgeben!

Es war ein harter Kampf, den das Mädchen mitihren Wohlthätern zu kämpfen hatte, allein der Feuer«funke war mit dem einen Lied in ihre Seele gefallen,und er glühte fort, sie innerlich zu verzehren. Und deralte Lehrer goß Oel ins Feuer. Alice sagte sich, daßsie arm und verwaist sei und durch ihre Ausbildungselbstständig werde. Sie konnte dann ihr Schicksal selbstbestimmen und, wenn sie Ruhm und Gold gewonnen,Magnus alle Kosten ersetzen.

Daß sie ihm unentbehrlich war, daß er und Sabinesich nach ihr sehnen könnten, kam ihr nicht in den Sinn.Sie hing mit großer Zärtlichkeit an Beiden, aber siewar kein Kind mehr, der Umgang zwischen ihr und Ma-gnus, der fünfzehn Jahre älter war als sie, hatte sich iuden letzten Jahren ernster gestaltet. Wenn er nun Fräu-lein Kolreuder heimführte, dann wurde sie hier über»