Ausgabe 
(24.12.1896) 106
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flüssig und Wußte sich anderswo ihr Brod suchen. IhrTalent aber befähigte sie, sich für die Zukunft sicherstellen zu können.

Du hängst Luftschlössern nach, mein Kind", sagteMagnuS eines TageS zu ihr, als sie den Gartenpfad ent-lang schritten.DaS Leben einer Künstlerin ist nichtso beneidenswerth, wie es scheint. Nur eine kurze Zeitsteht sie auf der Sonnenhöhe des Ruhmes, dann gehtes abwärts; und mit wie vielen Opfern am innerenMenschen hat sie sich ihren Ruhm, ihre Stellung nichterkaufen müssen!"

Alice schwieg; das Herz klopfte ihr, sie nahm ineiner Aufwallung feine Hand und führte sie an dieLippen, eine heiße Thräne blieb hier zurück. Sie brannteMagnus wie Feuer. O, hätte er in ihrem Herzen lesenkönnen, allein er ahnte es nicht, was sie eigentlich be-wegte, sonst hätte er diese kleine Hand festgehalten fürimmer.

Laßt sie ziehen, die kleine Närrin", sagte FrauKolreuder, »sie wird sich in der großen Stadt die Hörnerschon ablaufen. Nach Jahresfrist kehrt sie heim, waSjung ist, will sein Lehrgeld zahlen, das bleibt wie eSist."Ja", meinte Sabine,aber das Kind ist nochtm Wachsen, und in den Pensionen ist Schmalhans Küchen-meister."Um so bester, desto eher wird sie überdrüssig;wer so aus dem Vollen zu schöpfen gewohnt ist,"sie schwieg bestürzt, denn Alice trat ins Zimmer, siehatte das Letzte gewiß gehört.

Alice wußte eL, daß man sie nicht verstand, unddoch, wenn sie sich recht prüfte, waren eS nicht goldeneLustschlösser, denen sie nachjagte? Und wenn sie nunzerrannen und eine häßliche, graue, nackte Wirklichkeitan ihre Stelle trat?! In einer regnerischen, stürmischenNacht zogen ihr diese Gedanken durch die Seele, undsie barg den sorgenschweren Kopf inS Kissen und lauschtein die unheimliche Nacht hinaus. Der Wind sauste inden Baumkronen der Pappeln vor ihrem Fenster undpeitschte :. n Regen gegen dieselben. Dieses eintönigeGeräusch schläferte sie endlich ein.

Durch Vermittlung der Doktorin, die eine Schwesterin Köln besaß, hatte man eine paffende Pension für diejunge Kunflnovize ausfindig gemacht. Es war die Wittweeines berühmten Virtuosen, bei der Alice einquartiertwurde. Man hatte endlich nachgegeben, und dann warder Abschied gekommen. Sabine hatte geweint, undMagnuS war sehr ernst erschienen, aber er hatte keinWort mehr gesagt als ein lakonischesLebewohl I"Wir werden Weihnachten ohne unser Fräulein feiernmüssen*, hatte Mine so hineingeworfen; keines der Ge-schwister hatte darauf geantwortet. Alice empfand esbitter, sie würde bald vergessen sein, und dann trat eineFremde o mein Gott, mit diesem Gedanken fielihr ein Stein auf'S Herz.

Als sie dann im Zuge saß und die Thürme ihrerVaterstadt sich immer weiter von ihr entfernten, legte siesich ihre Lage in günstigerem Lichte zurecht. Stolz undTrotz bemächtigten sich ihrer; ach, sie wollte fleißigsein, und später, wenn das Glück ihr günstig war, wieganz anders würde dann Jedermann im Städtchen aufsie Hinblicken, die jetzt überall nur geduldet gewesen war.Auch Magnus und Sabine würden dann einsehen, daßsie das Rechte gewählt hatte.

In Köln wirkte die fremde Umgebung zuerst er-kältend auf das unerfahrene Mädchen ein; allein die

Jugend ist elastisch. Sie fand bald Genossinnen, diedasselbe Kunstinstitut besuchten, gutherzige, leichtlebigeNaturen, die sich alle Mähe gaben, ihre Erziehung nachallen Richtungen zu vollenden. Bald war es die Toi-lette, bald ihr etwas scheues, weltfremdes Wesen, waszu Bemerkungen Anlaß gab.

Alice war eine wißbegierige Schülerin und trotzihrer Naivität doch eine gesunde, kcrnhrfte Natur, ander äußere Politur den naturfrischen Grund nicht ver-wischen konnte.

Einige Male in der Woche kam ein junger, schwarz-lockiger Geiger zu der Wittwe, um ihren zwölfjährigenSohn zu unterrichten. Er kam zur Theestunde undnahm beim Abendbrod seinen Platz Alice gegenüber.Herr Tromholt war ein Schwede, erzählte gern von seinerHeimath und den Triumphen, die er dort gefeiert; hierhingen die Lorbeeren für ihn noch zu hoch; ob ersie überhaupt erreichen würde? Die Wittwe deS be-rühmten Mannes betonte es in jedem Gespräch, daß derPfad zur Höhe mit Dornen umzäunt und schwer zu er-klimmen sei.Sie ist eine Jamnrerbase", flüsterteder Virtuose, sobald sie den Rücken gekehrt hatte.

So oft der junge Mann in seiner etwas vorlautenWeise das Gespräch beherrschte, stieß er Alice ab; siedachte dann, er sei anmaßend und rücksichtslos; aberer brauchte nur seine Geige zu nehmen, und jedes Vor-urtheil in dem Mädchen verschwand; es war wie einZauber. Die Geige sang und klagte in wundersamenTönen, und wenn er mit einer unmuthigen Kopfbeweg-ung die Locken aus der gebräunten Stirne zurückwarfund die großen, grauen Augensterne auf Alice richtete,die Flammen zu sprühen schienen, dann fühlte sie, wieihr alles Blut zum Herzen drang; ihr war, als obsein Lied einzig für sie gesungen sei, als ob seine ihrverwandte Seele zu der ihren in der nur ihr bekanntenSprache der Töne rede.

Bald sehnte sie nur die Stunde herbei, um dieserGeheimsprache seiner Seele lauschen zu können. Undspäter fangen sie Duette; aber der Verkehr zwischen ihnenblieb in den Formen der Höflichkeit. Im Alltagskleideerschien ihr die Künstlerseele um so nüchterner, je höherseine Muse sie in den Weihestunden der Knnstübung em-porgehoben hatte.

Wie im Fluge war das erste Jahr in der Fremdedahingegangen, die Ferien waren vor der Thüre, undAlice rüstete sich zur Abreise in ihre Heimath.Wirwerden jetzt hören, was Du gelernt hast, und freuenuns auf Dein Kommen", hatte Sabine geschrieben. Dieseherzlichen Worts thaten ihr ordentlich wohl. MagnuShatte sich noch nicht verlobt, sonst hätte man eS ihr wohlmitgetheilt.

Sie war eine vollendete Dame geworden, und alssie am Bahnhöfe in ihrer Vaterstadt auSstieg, waren Be-kannte, die sie begrüßten, offenbar erstaunt, sie so ver-ändert zu finden. Alice war nicht eitel auf ihr AeußereS,die wahre Schönheit ist eS selten, aber ihr Spiegelbildverrieth eS ihr, daß sie gut aussah.Wie wird Ma-gnus mich finden", dachte sie,ob er noch so fremd thut.wie damals, als ich von ihm Abschied nahm?"

(Schlich folgt.)