Ausgabe 
(24.12.1896) 106
Seite
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Sattel und Lasso in Mexiko .

Von Dr. E. Below.

(Schluß.)

So stolz die Mexikaner auch auf ihr Reiten sind,so machte es doch einen sehr großen Eindruck auf sie,als in Matamoros ein preußischer Husarenoffizier ihnendie ersten Begriffe von elegantem europäischem Herrenreitenbeibrachte. Sie, die sich über die Plumpheit des nord-amerikanischen Cow-bvys imuier amüsirt hatten, die denrechnenden Dankce mit Recht als schlechten Reiter bespötteln,als Sastre, Ellenreiter, sie sahen erst, als der abkommandirtepreußische Husarenlieutenant in Paradeuniform an ihnenvorbeiritt, was elegantes, leichtes, schönheits- und sicher-beitsgemäßeS Reiten ist.

Aber, trotz ihrer Bewunderung dafür, sie bliebenoei ihrer Gewohnheit, Ellbogen und Körper hin und herzu werfen.

Wenn man als die Hanptregel beim Reiten die«trachtet, mit den Beilegungen des Thieres einen zu-sammengehörigen Körper zu bilden, so daß der Eine demAnderen seine Bewegungen nicht erschwert, sondern ehererleichtern hilft, so kann es fraglich sein, ob bei demhöchst beweglichen Naturell des dortigen Pferdchens derMexikaner nicht aus richtigem Instinkt handelt.

Der hervortretende Charakterzug beim mexikanischenPferd ist weniger die edle Grazie, als die leichte Lebendig-keit und Ausdauer. Die Fliegcbewegungen der Ellbogendes mexikanischen Reiters unterstützen vielleicht diese Eigeu-ichaft bester, als die Würde und Grazie in der Haltungdes vorschriftsmäßigen deutschen Reiters. DaS mexikanischePferd ist das ausdauerndste, willigste, bedürfnißlosesteNeitthier der Welt. Auch wo es recht kühleNorder"kalte Tage gibt, wie auf den Hochplateaus, wo mansich in seinen Jorongo hüllt, stehen die Pferde meist imFreien, höchstens unter einem Schutzdach, im Corral,wo Tränken und Krippen sich an der Umfriedigungsmauerentlang ziehen. Ställe in unserem Sinne gibt es dortselten. In den Hauptstädten freilich fängt man nach undnach an, Alles nach europäischem Stil einzurichten undunser Hofstallmeister desdeutschen Hauses" oderdeutschenKasinos" in der Hauptstadt, der die Wettrennpferde unterseiner Obhut hatte, verfügte über schöne Pferdeställe.Doch wachsen die meisten Pferde ohne diesen europäischenLuxus dort auf. Nur die von den Aankces importirtenhochbeinigen Gäule, die sehr empfindlich sind, brauchenStälle.

In der Silbermincnstadt Guauasuato standen meinedrei Reitpferde, als ich die eine Wohnung in der Callede la Teuaza inne hatte, wo nur ein grob gepflasterterHof und keine Ställung war, vor ein paar Neisekisten,die als Krippen dienten, Winter und Sommer, ohneRaufen, ohne reguläre Streu, bloß Mist und Strohrestewurden für die Nacht auf das Steinpflaster gebreitet.

Sie bekamen Mais zu fressen, zur Abwechselungdann und wann Hafer, nebenbei Maisblüthen und Klee,selten Grashcu und waren blank und munter Tag ausTag ein, während einer jener hochbeinigen, starkknochigenamerikanischen Gäule, für den extra ein Stall gemiethetwerden mußte, alle Augenblicke trotz aller Pflegeetwashatte" und nach kurzer Zeit d'raufging.

Die Pferde sind dort gewohnt, die treppenartig ge-bauten Gäßchen der Gebirgsstädte auf und ab zu gehenund die schlimmsten Saumpfade zu erklimmen.

Wer ohne Neitbmschen allein reitet und statt eines

SteigbügeltrunkeS lieber absteigt und in die Kantine hin-eingeht und ein Weilchen im Schatten sitzen will, läßtdas Pferd draußen auf dem Fahrdamm stehen und nimmtdas Lassoende, über das die Passanten des Bürgersteigesruhig hinwegschreiten, mit sich in die Kantine hinein.Erschrickt draußen etwa das Pferd, oder will es fort,so genügt ein einfacher Ruck, der es an seine erste Bekannt-schaft mit dem Lasso erinnert, und eS steht still wie einerschrockenes bestraftes Schulkind.

In ähnlicher Situation mit dem Lasso am Armemachte ich auch größere und kleinere Operationen inärmlichen Bauernhütten, wenn ein paar unerwartetspritzende Arterien es nöthig machten, daß ich mir meinenMozo (Reitknecht), der vor der Thür die Pferde hielt,von draußen zu Hilfe herein rief, was mehrere Malevorkam. So komisch es klingt: mit der Pferdeleine amArm wurde zuweilen operirt; wenn es an Assistenz fehlte,mußte man sich eben so zu helfen suchen. X la, guerrsvomvas L 1a §usrrs, das galt bei mir seit dem französi-schen Kriege. Mit weniger vernünftigen als den mexi-kanischen Pferden und Mozos wäre es oft unmöglichgewesen, zu operiren.

Alle Sonntage und Donnerstage Nachmittags spieltauf dem großen Korso der Hauptstadt, wo die eleganteWelt in bester Toilette in Kutschen und zu Pferde sichsehen läßt, die Militärmusik bei der Statue des Columbusoder eine Strecke weiter bei der Statue des letzten Azteken-fürsten Guantemozin. Dieser weite, prächtige Boulevard,mit Eukalyptus und Pappelbäumen eingefaßt, führt ingerader Linie von der Hauptstadt zum alten Kaiserschlossedes Montezuma und des Kaisers Maximilian, Chapul-tepec, mit den Riesenbäumen, den Ahnehuetes, vondenen man in Berlin im botanischen Garten ein paarzwerghafte Exemplare mit ihrem feinen Laube (Paroäiurnmexioanum) bewundern kann. Die Schneeberge, dievom Abendsonnengold angestrahlten Vulkane Popocatepetlund dicht dabei die unter dem SchneeleichentuchschlafendeFrau"Jxkaccihuatl" senden angenehme Kühle in dashochgelegene Thal von Anahuac herab, so daß dort einestete Frühlingstemperatur herrscht. Frühltngstoiletten sinddort das ganze Jahr an der Tagesordnung und Allesprangt darum im Schmuck lebhafter, Heller Frühjahrs-stosie, die Damen in leichten, duftigen, ballstaatähnlichenhellfarbigen Kostümen, die Herren, die auf prächtigenMw'angs grüßend vorbeidcfiliren, in ihren Charro-An-zügen, kurzen, reich mit Silberknöpfen und Quasten undSchnüren verbrämten Neit-JacketS, schokoladefarbenen oderauch schwarzen, silberbeknöpften Reithosen, silbernen Pfund-sporen, die aus den ledernen pantoffelartigen großen Steig-bügeln herabhängen. Sattel und Gebiß strotzen von Silber,und das schäumende Roß scheint sich seiner imponirendensilbcrglitzcrnden Last, die es spielend trägt, bewußt, sofreudig und stolz schüttelt es seine Scidcnmähne, wennes an den Musikpavillons und an den schönen Equipagen-Reihen entlang tänzelt.

Trotz aller modernen Jockey-Kostüme bildet bei denWettrennen doch immer diese Staffage landesüblicher Reiter-kostüme den Abschluß. Diese DandieS, die gut den Lassozu handhaben wissen, bilden einen schönen Kontrast zuden windigen Jockeygestalten, die in bunten Atlasblusenan Einem vorbeigeschossen sind. Im Charro-Kostümreiten sie an den Logm der Damen vorbei, denen sie denHof machen; im silberbetreßten, fast mühlsteinbreitenSombrero halten sie vor den Balkons Derer, von denen