Ausgabe 
(24.12.1896) 106
Seite
820
 
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sie ein Fächerzeichen, einen Tafchentttchwink, ein Dliimen-üirachcnwort erhäschen wollen; der Zeichen, mit denenSie Reiter darauf zu antworten wissen, auch ohne ihrerBraut schreiben zu dürfen, sind viele; auch die Art, wieder Hut geschwenkt, wie am Sattclknopf der Toledo-Säbel getragen wird, bedeutet für die Dame, die dieWinke versteht, eine Sprache. Der mexikanische Freierhat keine Brautstandszcit. Statt ihrer muß er sich oftJahr und Tag vom Pferde aus durch Winke nach demBalkon mit seiner Braut verständigen. »Den Ozo (Bär)machen" nennt man dies.

Ein anderes Bild entrollt sich, wenn wir uns aufden Markplatz einer der Silberminen-Städte in denAnden begeben.

Vom Lande herein geritten kommen die braunenGestalten der Nanchcros im fliegenden Galopp, am Sattelhängen außer der Machete (säbelartiges Messer) ein paarHühner und Ziegen, noch lebendig, die er zu Marktebringt. Oft hat er noch bei sich auf dem Sattel seinjunges Weib; sie eilen zu Markt, halten aber im eiligenGalopp still und verbeugen sich tief vor dem Padre, dervorbeigeritten kommt, vor dem die Fußgänger niedcrknieen,ihn demüthig um seinen priesterlichcn Segen bittend. DiesePrälatengestalten im dunklen Gewände des Geistlichengehören zu jedem tropischen Städtebilde der Andenkelte.Vorbei eilt flüchtigen Trabes ein Arzt, ihm folgt aufmexikanischem Sattel sein Reitknecht, während er selbst fürStadtbesuche den englischen Putsch-Sattel vom Europäeradoptirt hat, nur für längere Ritte aufs Land reitet auchder Arzt auf mexikanische Art. Dort an den hohen Bogender gemauerten Markthalle im Gewühl der Fußgängermüssen die Reiter ihre Gangart verlangsamen, denn vordem vorbeireitenden Geistlichen knieen und liegen so vieleMenschen am Boden, daß man kaum vorüber kann. Hierist der Gemüsemarkt vor der Kathedrale, bei dem grünenPlatz mit dem plätschernden Brunnen und den Stein-bänken, wo allabendlich die Militärkapelle spielt. Jetztam Morgen hört man die Rufe der Käufer und Verkäuferdurcheinander tönen, und an der Ecke vor dem Regierungs-gcbäude drängt sich das Fußvolk vor dem Tischchen desSchreibers, der ihnen auf offener Straße ihre Bittgesucheund Liebesbrüfe, ihre Prozeßsachen und sonstigen schriftlichenAngelegenheiten nach morgcnländischcr Art stilisirt und zuPapier bringt.Glücklich, wer den nicht braucht", denktder schmucke Hazendado, welcher im sammtdurchwirktcndunkelblauen Jorongo, mit silberner Löwenkopf-Schnalleum den Hals befestigt, stolz an dieser Schreiberseele vorbei-reitet und sich wie ein König diesem Gewühle gegenübervorkommt, das da feilscht und kniet und schreibt unddiktirt.

Auch der Hazendado bekreuzigt sich, wie er an dergeöffneten Pforte der Kathedrale vorbeireitet, auch ermacht dem vorbeireitenden Priester seine Reverenz, wie essich gehört; aber er macht, daß er schnell aus diesemGewimmel herauskommt, um bei einem Trunke Mescaloder Colonche das Wichtige wegen des nächsten Hahnen-kampfes oder Stiergefechts mit seinen Freunden undGevattern zu verabreden. Dies und die Maisvrcise alleinintcressiren ihn in Wirklichkeit nur an dem Stadtleben;er athmet wieder frei auf, wenn er dieses Straßcnpflastcr,wo es nurHerren und Knechte" gibt, hinter sich hat,und wenn er sein Roß wieder frei tummeln kann, dort,wo die schokoladefarbenen Berge und Hochebenen hinterder dunkelblauen Horizontlinic seinen heimathlichen Nancho,

seine Hazienda, sein Heim verdecken. Dort ist er wiederganz der freie Mann, der nie auf die Dauer das Jochder Fremden duldet und sich, wie es in seinem Liedeheißt, »mit des LaudmannS Bluse statt mit dem Söldner-banner seine Grenze reinfegt".

Nicht vergessen darf ich zmn Schluß dieser mexikanischenRhapsodie über Lasso und Sattel dieHallclujah-Pferde". So werden, namentlich von den Spanier^die unglücklichen Gäule genannt, die todmüde, nachdemsie schon so abgemattet sind, daß sie kaum mehr dieserirdischen Welt angehören, des Sonntags Nachmittagsals ansrangirte Gäule in die Sticrgefechts-Arena gebrachtwerden.

Es ist ein scheußlicher Brauch vom ästhetischen unomenschlichen Gesichtspunkte, wenn sich auch manchesMalerische und Ritterliche in jener Arena finden läßt,daß man den Rossen, die jahrelang treu gedient haben,solch ein Ende bereitet. In Spanien werden sie, besondersin den Küstenstädten, wo es Stiergcfechte gibt, kurz vordem Stiergefecht im Dünensande matt und müde ge-ritten, um dem Ansturm des wüthenden Stieres keinenfesten Widerstand mehr bieten zu können. Dann renntder ihnen seine Hörner in den Leib trotz der zolldickenLedcrklappe, die als Brustlatz den armen Pferden zumSchutz umgehängt ist. Sie haben eine Lederbinde umdie Augen und werden vom Reiter, dem Pikador, demStier entgegengetrieben. Dann verblutet sich im bestenFalle das Hallelujah-Pferd, oft, nachdem es auf denheraushängenden eigenen Eingeweiden herumgetrampelt ist.

Uebrigens ist diese grausame Gepflogenheit eine Erb-schaft der Spanier, ein Spiel, das der Mexikaner sichallerdings ruhig mit ansieht, wenn die von Spanien verschriebenen Matadore solche Szenen aufführen, dessenNohhcit er aber zu vermeiden sucht bei seinen ToroSasficionados, Liebhaber- oder Dilettanten-Stierspielen, wodie Hazendados ihre besten Pferde als Pikadores selbstreiten und sich wohl hüten, daß die Püffe, die die Thierebekommen, zu arg werden.

Der Hazendado liebt und schont seine Pferde. Erist zu sehr Rcitersmann von Geburt, als daß er großesGefallen an jener spanischen Grausamkeit gegen Thierefinden könnte.

Auch bei den Sticrgrfcchten der Studenten derMedizin, die der Generalarzt und Professor der MedizinMontes de Oca dem Hauptstadt-Publikum vorführte,waltete jener Anstand und jene Noblesse, die derartigeGrcnelszenen geschickt zu vermeiden wußte. Davon viel-leicht ein andermal mehr. (Tägl. Nundsch.)

---SSWNS----

Zu» nördlichen SchkmrMld?)

Ich habe einen Freund, der die Harmlosigkeit ge-neigter Leser bereits derart abgestreift hat, daß er voneinem Schwindler und Aufschneider nicht mehr sagt: Erlügt wie gedruckt oder telegraphirt, sondern: Er lügt wieein Neiseschriftsteller. Man wird es deshalb begreiflichfinden, wenn ich mich von vorn herein dagegen verwahre,im Folgenden von dem Wege der Tugend abgewichenzu sein.

Uebrigens meine ich meine Glaubwürdigkeit nichtschlagender beweisen zu können, als wenn ich gestehe,daß an dem Tage, an welchem ich auszog, um den viel-

*) Auö der Köln . B-Mztg.