82L —
gepriesenen Schwarzwald zu sehen, ein Miserables Wetterherrschte, also etwas ganz Unerhörtes in den Berichtender Neiseschriftsteller, die imAer nur vom Lerchenschlagund Sonnenschein fingen und — dichten.
In der That, die abstrakteste Theorie kann nichtgrauer sein als der Himmel an jenem Morgen in derFrühe, als ich an dem neuen Schloß bei Baden-Baden hinunterblickte auf die in saftigem jungen Grün einge-bettete Villenstadt. Noch etwas verschlafen sah sie aus,und nur hier und da ließ ein träge aufsteigendes Rauch-wölkchen darauf schließen, daß dies Paradies auch lebendeWesen beherbergte. Drüben über dem schwarzen Tannen-wald zog es in schweren, weißlichen Schwaden dahin;noch höher waren die Bergspitzen hineingetaucht in daSdunstige Gewölk, das sie vor vorwitzigen Blicken neidischverbarg. Als ob eine ganze Anzahl von Dampfmaschinenihre Thätigkeit inmitten der dunkeln, stillen Wälder mitvoller Kraft entfaltete, so rauchte es zwischen den Tannenhervor. Aber auch ein solches Bild der Schwermuth be-sitzt seine Schönheiten, und lange bewundert das Augedie große Erhabenheit der schönen ruhigen Natur.
Da blitzt es auf einmal von drüben her hell auf.In heftigem Ringen mit dem Gewölk hat sich die Sonneeinen Lugaus erkämpft und läßt die vergoldete Kuppelder russischen Kapelle auf dem gegenüberliegenden Bergein ganzer Pracht erstrahlen. Dann huscht der goldeneSchimmer über die Arkaden der Trinkhalle, welche dieFresken aus dem Sagenschatz des Schwnrzwaldes leidernicht genügend vor Wind und Wetter zu schützen ver-mögen; im Fluge schaut er in das große, mit schönenAnlagen umgebene Conversationshaus, macht den ge-waltigen Telephonthurm des PoWebändes mit seinengoldenen Schildern aufleuchten, setzt noch einigen hervor-ragenden Villen freundliche Lichter auf und verliert sichendlich in die prächtigen Anlagen der Lichtenthaler Allee.
Immer näher kommen wir den über uns wallendenNebeln, und mit einem Schauder, der uns das GefühlJphigenie's nachempfinden läßt, als sie in Poseidon'sstilles Heiligthnm eintritt, gehen wir ein in das Reich,in welchem dieser Geist des Wassers seine Herrschaft ganzunberechtigter Weise geltend zu machen sucht. Leider ister in diesem Bestreben erfolgreich. Naß und kalt faßtes uns von allen Seiten an, ohne daß der Wassergehaltder Luft sich zu einem tropfbar flüssigen Körper ver-dichtet. Als wir aber oben auf dem durch seine Aus-sicht berühmten alten Schloß beim wärmenden -Kaffeesitzen, da macht sich plötzlich ein leise rieselndes Geräuschbemerkbar, das mit der Zeit zunimmt und endlich in einsehr tactfestes Feustergeklopfe übergeht.
Kaum ein Stündchen unterwegs und schon — ein-geregnet! Sollte also doch der Warner Recht gehabthaben, als er seinen Kassandra-Nuf erschallen ließ, dadie Zeiinngs-Wettermacher „für die nächsten Tage Regen"vorausgesagt hatten ? Und doch war mir gerade dieser Um-stand ein Ansporn gewesen, auszuziehen, weil ja gewöhn-lich das Gegentheil von dem eimrifft, was jene Herrender Natur vorzuschreiben belieben! Aber nun kam mirdas Wort von den blinden Hühnern wieder in denSinn, und so saß ich und sann, bis der Kaffee kalt ge-worden war.
Von dem Erfahrungssatze ausgehend, daß in dieserWelt nichts von ewiger Dauer ist, trottete ich endlichunter dem Regendach ergeben dahin, und wirklich, auchdies Mal nahm der Regen ein Ende. Bei einigen Land-
leuten, die ich unterwegs eingeholt hatte, suchte ich meineKenntnisse von Land und Leuten zu bereichern, aber dastieß ich auf Schwierigkeiten, die ich während meinerganzen Reise nicht zu überwinden vermochte; nur betder gespanntesten Aufmerksamkeit war es mir möglich,hin und wieder ein Wort zu verstehen, und ihnen würdees wohl eben so viele Anstrengung gekostet haben, denSinn meiner Worte zn erfassen, wenn sie sich diese Mühegegeben hätten. So war die Unterhaltung schon eineWeile ziemlich einsilbig geworden, als sich das schöneGerusbacher Thal im Sonnenschein vor uns aufthat.Von diesem Ort im Murgthal steigt der Weg auf SchloßEberstein hinauf, dessen Felsen das Thal weithin be-herrschen. Aber die prächtigste Strecke des Thales be-ginnt erst nach zwei Stunden hinter dem schön gelegenenOrte Forbach . In Curven steigt die Straße hinan,bis sie die halbe Höhe des tannenbestandenen Bergstockeserreicht hat. Dann bietet sie prächtige, stetig wechselndeBlicke auf das eilende, über Felsblöcke dahinrauschendeFlüßchen dort unten, das so munter und harmlos ge-schwätzig erscheint, als sei es noch niemals gefahrdrohendfür seine Nachbarschaft aufgetreten. Aber die Hütten,welche sich auf den Nasenhängen in auffallend großerZahl zusammengefunden haben, halten sich doch in respekt-voller Entfernung von seinen Ufern. Sie könnten sonsteines schönen Tages unfreiwillig mit ihren Heu-Vorrüthenebenso verschwinden, wie man früher in diesem Thale künstlich daS Holz fortgeschafft hat.
Es war eine recht ursprüngliche Manier, wie dieMitglieder der sogen. Schiffer-Gesellschaft ihre Baum-riesen zum Rhein beförderten, um sie, dort zu Flößenaereinigt, in Gegenden zu bringen, die bei der Ler-theilung von Berg und Wald zu kurz gekommen waren.Diese Leute machten nämlich viel früher als Herr Pro-fessor Jntze Thal'perren, in welchen sie die Bachwasserzu künstlichen Seen aufstauten. Die gefällten Bäumewurden dann in das trockene Bachbett gelegt, die Schleuseplötzlich gezogen, und hinab ging's mit brausendem Ge-woge dem großen Wasser zu. Daß bei diesem immerhinetwas summarischen Verfahren das Holz nicht geradebesser wurde, leuchtet ein, und deshalb wird es jetztviel bedächtiger auf den guten Straßen von kräftigenPferden oder gemächlichen Ochsen abwärts gefahren.Aber die Schiffer-Genossenschaft besteht heute noch mitihrem Sitz in Eernsbach. Es ist eine Actien-Geskllschaft,zu der über 5000 Hectar Wald gehören, welche Flöß-rechte besitzt und über Sägmühlen, eigene Förster u. s. w.verfügt. Die Aktien bestehen in kleinen Antheilscheinen,sogen. Gerechtigkeiten, die nach verschiedenem Cours zu10 bis 15 Mark gehandelt werden. Es soll Schiffs-Mitglieder geben, welche 10- bis 20,000 dieser Aktienbesitzen.
In Schvnwünzach kommen wir an eine Straße,welche die Gesellschaft auf ihre Kosten in das Langenbach-Thal hat bauen lassen. An diesem kleinen Ort, derseinem Epitheton keine Schande macht, kann man einenBlick werfen in die Thätigkeit von Leuten, welche ihrCapital in den Lungen sitzen haben. Am Wege befindetsich eine große Glashütte. Die Hitze in der Nähe dieserOefen mit flüssigem Glas ist für den gewöhnlichen Men-schen unerträglich, und selbst die große blaue Brille, dieunser Führer uns zuvorkommend präsentirt, schützt aufdie Dauer nicht vor den alles durchdringenden Gluthen.Die Fabrikation der Gläser, das Aufblasen der flüssigen