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Masse zu cylinderförmtgen Birnen, das Sprengen der-selben und das Auseinanderbreiten zu ebenen Flächenist bekannt.
In Schönmünzach verläßt der Tourist das hierruhig werdende Murgthal und steigt durch das Langen-bach-Thal, welches mit seinen einsamen, idyllisch gele-genen Sägemühlen eine wahre Fundgrube für Malerbietet, in einigen Stunden auf die thurmgekrönte moorigeFläche der HorniSgrinde. Sie ist mit ihren 1166Meter der höchste Punkt deS nördlichen Schwarzwaldesund läßt außer der romantischen Bergwelt, die sie be-herrscht, auch einen reizenden Blick in die stadt- unddorfgeschmückte weite Ebene des Rheines zu, der alsschimmerndes Silberband das fruchtbare, vom Straß-bürger Münster gezierte Land durchzieht.
Von dieser Moor-Ebene, die man nur auf breitenSteinen überschreiten kann, führt ein Weg abwärts inschönen Wald, um uns bald ein Bild von bezaubernderSchönheit zu bieten. Der Wald thut sich auseinanderund zeigt uns unten den kleinen, von schroffen Felseneingeschlossenen, tiefdunkeln, sagenumwobenen Mummei-se e. An den steilen Felswänden klettern nichtsdesto-weniger die Tannen hinauf und verleihen dem See einetwas düsteres, aber echtes Schwarzwald -Gepräge. KeinWunder, daß der biedere Volksverstand diese Gegend mitSagen von verderbenbringenden Nymphen und Sirenenbevölkert, die nicht mit sich spaßen lassen!
Ein glücklicherweise mehr berühmtes als gelesenesLiteraturwerk, Der abenteuerliche Simplicius Simplicissi-muS, die „Lust erweckende und sehr nachdenkliche Lebens-beschreibung" seines Verfassers Hans Jacob Christas vonGrtmmelShausen, weiß davon im fünften Buche diewunderbarsten Geschichten zu erzählen. Wehe dem Vor-witzigen, welcher die Geister des See'S mit Steinwürfe»in seinem blanken Wasserspiegel beunruhigt! Da näm-lich diese Geister, wie der Prinz des See's dem Sim-plicissimuS erzählt, sehr auf Ordnung in ihrer feuchtenWohnung halten, so werfen sie die hineingeworfenen Steinewieder aus, und man kann es ihnen nicht verübeln, wennsie dabei schlechter Laune werden und die an sich lang-weilige Beschäftigung durch etwas Vehemenz würzen;freilich wird dadurch ein Aufruhr in der ganzen Naturverursacht, und der Störer der Ruhe verschwindet elendig-lich im schwarzen See. Ich hütete mich also wohl, der-gleichen Ungebührlichkeiten zu begehen. Dagegen war ichwohl versucht- ein anderes Wunder deS See's in An-spruch zu nehmen. Bindet man nämlich eine ungeradeAnzahl irgend welcher Gegenstände in ein Nasentüchleinund hängt solches in den See, so findet man beim Heraus-ziehen eine gerade Anzahl der Dinge darin. Nun trugich noch fünf Goldstücke bet mir und war eben im Be-griff, sie mir auf eine einfache Weise in sechs verwandelnzu lassen, als mir noch glücklicherweise zeitig genug ein-fiel, daß die Zahl 5 ebenso gut in 4 wie in 6 sich um-wandeln könnte. Da ich aber überhaupt in Berg- undWasser-Geister nicht viel Vertrauen setze, so gab ich diesemMummelgreis lieber keine Gelegenheit, mich zu betrügen.
Dagegen war ich wüthig genug, mit einem Freund,der fahrplanmäßig hier eingetroffen war, am Abend nocheine Kahnfahrt auf dem geheimnißvolleu See zu unter-nehmen. DaS Wasser hat die Eigenschaft, schwarz aus-zusehen und im Glase doch rein zu erscheinen. Wie er-staunten wir aber, am anderen Morgen vom Fenster desbübschen Hotels aus noch eine dritte Farbe dieses eigen-
thümlichen Wassers kennen zu lernen: lasurblau lag diekleine Fläche vor uns! Aber dies Mal war es nurVorspiegelung falscher Thatsachen in des Wortes buch-stäblicher Bedeutung; denn die Bläue war nur SpiegelungdeS Himmels, der in ungetrübtem Glänze in dies Augeder Natur hinein- oder, wie der Seeprinz den Sim-plicissimns belehrt, auf diesen „Nagel der Weltmeere"herableuchtste. Abgeschlossen von der Welt, wie einstilles Eifelmaar, liegt die schillernde Fluth dort inmittenunermeßlicher, in ruhiger ErhabenheitzumHimmelragender,stolzer Tannenwälder. Von einem zweiundeiuhalb Stundenentfernten Ort muß der Hotelwirth das Fleisch beschaffen,um den knurrenden Magen seiner Gäste zu befriedigen.Daß seine Preise in Anbetracht solcher Unbequemlichkeitenbillig genannt werden müssen, soll gebührend anerkanntwerden.
Ein gemächlich daher wankendes Ochsengespann kreuztunsern Weg abwärts. Das schwerfällige Gefährt, dasauf dem tiefdurchfurchten Wege langsam sich fortbewegt,zeugt von einer Stein-Industrie tn der Gegend, die be-müht ist, auch die massiven Felsen mit jenem verführerischenSchimmer zu umkleiden, nach dem gemäß dem Dichter-wort alles drängt und an dem doch schließlich alles hängt.
Pietätvoll bewahrt daS unmuthig im Thal gebetteteGasthaus zum Wolfsbrunnen das Andenken an Scheffel,den großen Verehrer des düstern Waldes. Der Dichterhat 1888 hier eine kleine Krankheit überstanden, und seinDank für die aufmerksame Pflege, die ihm zu Theilwurde, hat, lorbeergeschmückt, einen Ehrenplatz in diesemHause gefunden. Und da sage noch einer, unsere Zeithätte das Ideal verloren!
Das Thal führt uns weiter abwärts, und die ge-waltigen Windungen der Straße erschließen bald ein über-aus liebliches Bild. Ein weites Thal thut sich vor dementzückten Auge auf. An dem fröhlich alle Hindernissespielend überwindenden Flüßchen haben sich viele einzelneHütten und Häusergruppen angesiedelt, die in dieser be-rückenden Weltabgeschiedenheit ein idyllisches, von derCourse Steigen und Fallen unbeeinflußtes Leben ver-sprechen. Die saftigen rechts und links aufsteigendenMatten verlieren sich in die schweigenden Wälder, mitderen düsterm Schwarz das Mge Grün des eingestreutenLaubwaldes in prächtiger Weise contrastirt, und auch dieTannen selbst haben sich mit ihren jungen Jahresschöß-lingen unmuthig hell geschmückt. Diese große stille Natur,tn welcher nur das leise Rauschen der Bäche und dasgeheimnißvolle Geräusch kleiner unsichtbarer Lebewesen anunser Ohr dringt, wird durch einen gewaltigen Gebirgs-zug abgeschlossen, über dessen aufragenden Waldungenhin und wieder die Wolkenschatten dahinziehen und demganzen Bilde noch einen größeren Reiz verleihen.
Lange erfreuen wir uns an diesem lieblichen Idyll,ohne daß einer den Muth hat, des anderen Andachtdurch ein prosaisches Wort zu stören. Dann nahmenwir einen steilen Fußpfad, der noch manches Mal zumRückblick reizt, und ein gigantischer Felsblock behält alsEntgelt für seine Aussicht bis in die Nheinebene execu-torisch einige dicke Schweißtropfen von uns zurück. EinSprengschuß schallt plötzlich durch die tiefe Sltlle undweckt ein vielfaches Echo in diesen Thälern, um dann ineinem donnerähnlichen Rollen langsam unterzugehen.
Allmählich führt der schwach betretene Pfad auf dieandere Brrgseite hinüber, um hier eine ganz neue wild-romantische Aussicht auf der Bergkette vierfach über-