Ausgabe 
(25.12.1896) 107
Seite
825
 
Einzelbild herunterladen

AiMMungsAatt

M

Augsburger Postzritung".

« 107 .

Areitag, den 25. Dezember

1896 .

Iür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von HaaS L Krabberr in Augsburg lVorbesitzer vr. Max Huttler ).

Weihnachten.

Er geht eine alte SageVom Weihnachtsglockenklang,

Als weckte er FrühlingstageGleich einem Zaubersang.

Die Vöglein im GeästeSingen ein seltsam Lied,

Den Hauch vom hohen FesteSpüret das Reh im Ried.

Der Schöpfung stumme SeeleThut sich in Sprachen kund,

Nicht Sünde und nicht FehleSchließt ihr wie sonst den Mund.

Das göttliche ErbarmenKommt allen Wesen nah',

Sie müssen in Lieb' erwärmenBeim Engelgloria.

Die Sagen das verkünden,

Wer weiß, wer sie erdacht?

Dein Herz mag sie ergründenIn heiliger Weihenacht.

Adolph Müller .

-» -i-««»> l> -»-

Sein Mündel.

Novelle von I. v. Dirk ink.

(Schluß.)

Ja, Magnus war ernst, wie immer, aber Sabinewar um so stolzer auf ihren Liebling, je mehr sie fand,daß Alice noch das alte, urwüchsige Kind sei.AmEnde bleibt sie jetzt und hat von ihrer Irrfahrt in dasLabyrinth der Kunst übergenug", sagte die Kolreuderpathetisch, indem sie mit dem Theelöffel spielte.O,wenn Sie Recht hätten", seufzte Sabine, und sie nahmnun täglich Einladungen zu Kaffee- und Theevtsiten an;sie dachte, es sei das richtige Mittel, Alice in die rechteBeleuchtung zu bringen. Und nebenbei dachte sie, wennAlice sich gefeiert und umworben sehe, söhne sie sich um soeher mit dem Gedanken aus, daß eine kleine Stadt dochauch ihre Reize habe.

Da lief es wie ein Lauffeuer durch die Bekannten-kreise,Louise Merkman habe sich mit dem Cellisten

Letint verlobt". Das gab nun Redestoff in Hülle undFülle, Frau Kolreuder lustig mit der Tongabel voran.Künstlerehen thun nie gut", rief sie,meine Cousineaus Berlin " diese Cousine trat bet jeder passendenGelegenheit aus den Coulissen der Großstadt hervorhat mir unglaubliche Dinge davon erzählt. Erst liebenund heirathen sie sich, er, weil er Schulden hat, undhat sie die alten abverdient, macht er neue. Dannkommt der Künstlerneid, und nach und nach beargwöhnen,endlich hassen sie sich, und nun hat eine Eule dagesessen der Anfang vom Ende." Schrecklich! tönte es imChorus, und viele spitze Blicke stachen auf Alice ein wiemit Nadeln.

Das Mädchen verglich nach solchen Kaffeegesell-schaften mit dem armseligen Unterhaltungsstoff die Kunst-genüsse der Großstadt, wo der Eine sich blutwenig umden Andern kümmert. Aber sie hütete sich, Sabine ihreAnsicht zu verrathen. Mit Fleiß hob diese alle Vorzügeeines gediegenen Haushaltes hervor. Dort im Flur stan-den in Reihe und Glied die dunkel gebeizten Eichen-schränke mit kunstvollem Schnitzwerk, voll vcn den kost-barsten Leinenschätzen. An Festtagen glänzte die Tafelvon Krystall und Silber, und der herrliche Hausgartenbot Lauben und lauschige Winkel, Blumen und Obst inallen Jahreszeiten. Welch ein Heim! Und was hattesie aufgegeben, um Chimären nachzujagen I So dachteSabine, als sie von Alice erfuhr, daß sie ihre Studienwieder aufnehmen würde.Noch zwei Jahre, dann binich fertig ausgebildet", sagte sie und streichelte die hagereHand des alten Fräuleins, die wahrhaft Mutterstelle anihr vertreten hatte.

Eines Abends war Alice im Nebenzimmer, als dieGeschwister sich lebhaft unterhielten.Du mußt denTraum begruben, es ist nichts, lass' sie ziehen!" sagteSabine zu Magnus. Alice stockte der Herzschlag. Vonwem sprechen sie? Ach so, Fräulein Kolreuder wollteverreisen, das hatte die Doktorin gestern gesagt. Alsodoch! Er liebte sie, und sie erwiderte diese Neigungnicht. O, diese Thörin! Gab es einen edleren, besserenMann als Magnus? Ein heißes Mitleid mit ihm durch-fluthete ihr Herz, jetzt verstand sie sein ernstes, schwer-müthtges Wesen, aber im Hintergründe ihrer Seele bargsich etwas wie Genugthuung, daß er frei war, freiaber sie wagte den Gedanken, als ob er sündhaftsei, nicht auszudenken. Helle Schamröthe legte sich wiePurpur auf ihre Wangen.