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„Wir haben im vorigen Jahre ein stilles, einsamesChristfest gefeiert ohne Baum", erzählte Mine ihr treu-herzig. „Wie wird es in dieser Weihnacht werden?"„Ich weiß nicht, mich hat Niemand zum Feste geladen",sagte Alice kleinlaut. „Ja, der Herr ist anders alssonst", gab Mine zu, „ein so guter Herr, aber zu gut,ja das ist es."
Dieses Mal wurde der Abschied von ihren Liebendem Mädchen doppelt schwer, denn das Leid der Ent-täuschung stand Magnus auf dem Gesicht geschrieben,und das that ihr weh. Aber er war ein Mann undwürde sich bald wieder finden, er, das Ideal edelsterMännlichkeit.
In Köln ging es wieder den alten Gang. Es wardas geheime Weh, das ihr im verborgensten Winkel desHerzens saß, das sie mittheilsam machte. Der Geigerbedurfte ihrer, so meinte sie, denn er erzählte so vielvon seinen Freunden und von alten Kollegen, die nachRuhm gestrebt hatten und gescheitert waren — durch dieWeiber. Es war ein verfängliches Thema, Alice ver-stand nur so viel daraus, daß er auf sie zählte als seineVerbündete im Kampfe mit der Versuchung. Und eskeimte der Entschluß in ihr, ihn veredeln, ihn heben zuwollen, damit er auf sittlicher Höhe um so eher sein Zielerreiche. Ob er sie nicht verstand? Sie gab ihm ernsteLektüre, aber so oft sie fragte, ob er gelesen, hatte ernoch keine Zeit gefunden, aber ihr Interesse an seinerPerson nahm er mit offenbarem Vergnügen wahr. DieWittwe begann die Beiden schärfer zu beobachten.
Einige Male, wenn Alice Abends von den Gürzenich-Konzerten heimkehrte, fand sie das Dienstmädchen ihrerharrend; es hätte einen Gang in der Nähe des Concert-saales gehabt, erklärte es dann; allein Alice schien es,als ob sie auf Schritt und Tritt belauert werde. Dasverletzte ihre stolze Natur auf das Empfindlichste. Auchandere Bekannte schauten jetzt mit forschenden Blickenauf sie, und ihre Kolleginnen schlugen einen ihr fremden,frivol neckischen Ton gegen sie an. Alice fing an, überManches nachzudenken; ihre Seele war rein, aber ihrehemals herbes, offenes Wesen hatte in der neuen At-mosphäre einen milderen Ton angenommen. War esdas, was die Leute befremdete; wer konnte ihr dasGeringste nachsagen?
Kurz vor Weihnachten schritt Alice unter solchenGedanken, die sie heute völlig verstimmten, über denDomplatz, da trat ihr eine bekannte Frau aus der Vater-stadt in den Weg. „Guten Tag auch, Fräulein Alice I"rief sie freudig erstaunt. „Wie geht's? Sie wissen doch,daß Fräulein Sabine den Typhus hat? Nicht? WissenSie es nicht? Ach Gott, erschrecken Sie nur nicht so;der Kolreuder geht zweimal tagsüber hin; sie hat einebarmherzige Schwester, und Herr Magnus geht nicht vomBette weg. Was das Gebet thun kann, thut es hierauch, die armen Leute stürmen die Kirche fast. Ja, dasFräulein war sehr gut zu den Armen."
So plauderte die Frau, während Alice die Zähnefast aufeinander schlugen. Sie wußte später nicht, wiesie heimgekommen war. Zu Hause schrieb sie mit Blei-stift an Magnus. „Ich höre, Sabine ist schwer krank,darf ich kommen? Ich vergehe vor Angst und Sehnsucht,warum schriebet Ihr nichts?" Nun folgten bange Stun-den der Erwartung. Wird er schreiben oder nicht? Ach,haben sie mich so ganz vergessen?
Am Abend blieb die Geige stumm; die Wittwe
schickte das junge Mädchen frühzeitig zur Ruhe. Sieschlief keine Minute. „Mein Gott, erhalte Sabine, tröstemeinen armen Magnus", flehte sie unter strömendenThränen. Und nun kam die Reue, sie mit dem Ge-danken zu quälen, daß sie die theueren Wohlthäter verlassenkonnte, um einem Ideal nachzujagen. Wie ganz leerund nichtig schien ihr jetzt ihr Thun und Lassen! Aberwenn sie jetzt der Kunst Valet sagte, was sollte dannaus Tromholt werden? Ob er sie nicht nöthig hattemit ihrem unverwüstlichen Jdealstnn? Es war ein heißerKampf, den sie in der langen, schlaflosen Nacht kämpfte
— wer würde siegen: — die Kunst?
ES kam kein Brief; also Magnus wollte sie nicht.Aber er konnte noch nicht schreiben, er hatte den Briefja kaum. So stürmte es in ihr. Gegen Abend kamder Geiger. Er fand sie bleich, verweint, er schien esnicht zu gewahren. Ein Egoist ist er doch, dachte sie.Aber er hatte Unangenehmes erlebt, sein Freund hattesich verlobt. „Er hat eine Partie gemacht*, rief er.„Sara Rosenthal, sie ist Christin, aber ihre Vorfahrenhaben zwischen Euphrat und Tigris gesessen, sie ist sehrreich; er hat ausgesorgt." „Wieso?" fragte Alice kühl,
— „was meinen Sie?" — „Ja, ja", bekräftigte erlachend, „ein Künstler, der eine Frau heimführt, die fürsein irdisch Theil sorgt, hat das große Loos gezogen,eine wahlverwandte und geistige Freundschaft kann ernebenbei überall finden; — wir beneiden den schlauenFuchs alle zumal." Er kam nicht weiter, Alice warfihm einen flammenden Blick zu; doch ehe ihre Lippensich öffneten, erschien das Dienstmädchen mit einem Briefe.„Von Magnus, Gottlob", stöhnte sie, und alles um sichvergessend, öffnete sie mit fliegenden Fingern das Couvert.
„Komm'!" las sie, „komme sofort." Kein Wortweiter. Aber sie errieth Alles. Sabine war todt undMagnus wie vernichtet. Starr und stumpf gegen Allessaß sie da. Sie hörte nicht einmal, daß der Geiger sichentfernte. Vor diesem bleichen Schreckensbtlde wandeltees ihn wie Furcht an. Und er wußte es, er hatte sichverplappert, sie verachtete ihn. Doch was that das?Sie war eine Schwärmerin und überspannt. Jetzt gingsie sicher fort auf Nimmerwiederkehr.
„Es thut mir leid", sagte die Wirthin, als sie amandern Morgen dem Mädchen beim Einpacken half, „daßSie nicht wiederkehren, aber über den Tromholt ärgernSie sich nicht weiter. Leichtes Blut, man erzählt sichAllerlei von ihm; da er aber ein guter Lehrer ist, habeich ein Auge zugedrückt." Alice sagte kein Wort, esekelte sie hier Alles an, aber ob sie nicht dennoch wieder-kehren und ihre Studien vollenden mußte?! Sie seufztetief. Nicht die Liebe zur Kunst war es, was sie Hinaus-getrieben, es war ihr nicht schwer, davon zu scheiden.Aber gereift hatten sie die zwei Jahre in der Fremdeund ihr Urtheil geschärft, Welt und Menschen mit an-deren Augen anzusehen.
Mit Wehmuth nahm sie von dem lieben, alten Köln Abschied. Aber das Herz war ihr so schwer von dem,was ihre Phantasie ihr als Zukunfts-Schreckbild vormalte.Wenn Sabine gestorben war?!
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„Gottlob, sie lebt", rief Magnus, als Alice ihmschluchzend entgegentrat. „Ich nehme Deinen Platz ein,Magnus", rief Alice und trat auf den Fußspitzen an dasBett der Kranken. Es war eine schwere bange Zeit,die nun folgte; Alice theilt sich mit Schwester Auria in