Ausgabe 
(25.12.1896) 107
Seite
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die Pflege. Der Doktor schöpfte neue Hoffnung, dieKrisis war überstanden, nur eine große Schwäche hin-derte noch immer die Genesung. Wie oft trafen sichMagnus und Alice jetzt an dem Lager der Patientin.Sie wechselten nur wenige Worte mit einander, aber erhatte seinen Sonnenstrahl wieder, das Haus war nichtmehr so öde, wenn ihre liebe Gestalt wieder die Räumebelebte. Wenn er wüßte, ob sie auch mit ungetheiltemHerzen wiedergekehrt sei?

Da stand er, den heißen Kopf an die kalte Fenster-scheibe gedrückt, und schaute gedankenverloren in den ver-schneiten Garten, wo eine einzelne Krähe und ein paarhungrige Sperlinge sich auf den schneebeladenen Aestenwiegten. Er sah seinen Liebling wieder vor sich, wiesie als Kind sich mit ihrer Puppe auf dem Rasenplatzgetummelt und dann später als junges Mädchen dieBlumen gepflegt hatte; die schönsten Rosensträuße hattesie stets auf seinen Schreibtisch gestellt, und wie hatteihr Gestchtchen gestrahlt, wenn er sie gelobt, ihr freund-lich zugenickt hatte. Und dann kam die Zeit der Ent-fremdung zwischen ihnen, aber seit gestern wußte er esvon Sabine, was sich das wunderliche Mädchen in denKopf gesetzt hatte. Also darum trieb es sie hinaus indie Welt?!

Am heiligen Abend war es. Sabine hatte seiteinigen Tagen schon ihr Bett verlassen und saß warmeingehüllt zwischen Kissen im Lehnstuhle nahe der Flügel-thür, die in das Wohnzimmer führte. Alice war denganzen Tag mit dem von Sabine in jedem Jahre selbstgeübten Liebeswerk, Arme und Kranke zu beschenken, be-schäftigt gewesen. Im Wohnzimmer stand ein herrlicherChristbaum, der von Magnus geschmückt worden war,ohne daß Alice eine Ahnung davon hatte.

Die Geschwister waren im Bunde gewesen, ihrenLiebling zu überraschen. Sie harrten der Heimkehrenden.Endlich läutete es an der Hausglocke. Magnus zündete dieKerzen an, indeß Alice z der Kranken in das Zimmertrat. Da tönten die Festglocken mit feierlichem Klangherüber.Weihnacht! liebliches Fest", rief Alice undumarmte Sabine.Deine Armen sagen tausendfachVer-gelt'S Gott " und lassen uns ein frohes Fest wünschen."

Doch was ist das?" unterbrach sie sich, ein blen-dender Lichtstrahl durchfuhr den Raum, denn Magnushatte unvermerkt die Thüre geöffnet.Magnus!" riefsie und flog auf ihn zu,das ist Dein Werk, o Dulieber, bester Magnus, mein alter Christbaum."

Aber o Gott ", unterbrach sie sich,ich habe nureine Kleinigkeit für Euch Beide; sie wickelte ein paarHandarbeiten aus ihrem Körbchen und reichte sie hin.Es ist so wenig", seufzte sie.Ja", rief Magnus undzog sie in seine Arme,Dich selbst sollst Du mir gebenzum Chrtstgeschenk, willst Du?" Alice fuhr einen Augen-blick wie erschrocken zusammen. Er sah ihr tief in dieAugen. Sie standen voll Thränen, selige Thränen warenes. Ob sie wollte?

Gott segne Euch!" rief Sabine, und die Fest-glocken, sie läuteten Ja und Amen dazu.

-SS88VS--

Zm nördlichen Schwarzwald .

(Schluß.)

Wer ein wenig Sinn für architektonische Schönheithat, kann sich beim Anblick dieser schlanken, gefälligen

Ueberreste eines der ersten gothischen Bauwerke in Deutschland eines wehmüthigen Gefühls nicht erwehren. Ueber 600Jahre hindurch stiegen aus diesen Mauern die Gebete undLieder der nach der strengen Regel des hl. NorbertuShier lebenden Mitglieder des Prämonstratenser -Ordenszum Himmel empor. Ein Jahr nach der Säkularisationdes Stiftes, 1803, vernichtete ein Blitzstrahl die ödenKlosterhallen, die zur Aufnahme einer Spinnerei bestimmtworden waren. Heiterer ist die Erinnerung, die durchden nahen Eselsbrunnen wach erhalten wird. Als näm-lich die Herzogin Utha von Schauenburg 1191 den Ent-schluß zum Bau des Klosters gefaßt hatte, konnten ihreRäthe sich über den Ort nicht einigen. Eduard Brauer ,der die Geschichte in zierliche und doch etwas stacheligeReimlein gebracht hat, ertheilt der Herzogin darauf dasWort wie folgt:

So wird mein Wille nie zur That,

Der Nebel immer dichter;

Geht, holt mir einen klüger» Rath,

Der sei des Zweifels Schlichter!"

Ein Esel war's, den schickt sie hinausBepackt mit reichen Schätzen:

Nun, lieber Treuer, such' mir ausDen besten von allen Plätzen!"

Rath Langohr schleicht in trägem Gang Dem weiland amtsgemäßen

Als wär' er all sein Leben langHerzoglicher Rath gewesen."

Endlich schleuderte er den ihm lästig werdenden Sackden Berg hinunter, und so mußte im Thal mit demKlosterbau begonnen werden. An der Stelle des Esels-brunnens aber hatte Freund Langohr gewaltigen Durstverspürt, und auf sein Scharren entsprang der belebendeQuell. Ein angeblich von 1191 herrührendes Reliefmit einigen Knittelversen hält das Andenken des biederenEsels in Ehren. Ob es das einzige Denkmal ist, dasseitdem einem Esel errichtet wurde?

Nachdem die Bütten-Wasserfälle, eine Hauptsehens-würdigkeit von Allerheiligen, die aber mehr durch ihresehr romantische, theilweise an das Bodethal erinnerndeUmgebung, als durch die Wucht ihrer Erscheinung selbstwirken, pflichtgemäß in Augenschein genommen und be-wundert worden waren, begannen wir den Aufstieg zumKniebis. Aufstieg ist eigentlich hierbei ein etwas prah-lerischer Ausdruck; denn nachdem man eine kleine Weileunter ungemüthltchen Sonnenstrahlen gestiegen ist, wirdder nadelbestreute Weg recht gemächlich und kühl. Rechtsund links begleiten ihn schier endlose Waldungen, undwem trotzdem noch etwas fehlen sollte, der mache es jenemBäuerlein nach, das uns dort entgegenkommt. Es weißden Zweck der Fassung der kleinen, aus dem Waldekommenden Wasserläufe in hölzerne Rinnen richtig zudeuten, nimmt seinen Hut ab, drückt ihn ein, und ausder entstandenen Höhlung schlürft es behaglich schmunzelnddas aufgefangene, erquickende Naß. Bald thut sichwieder auf der Thalseite des Berges, in dessen halberHöhe wir wandern, der Wald auseinander und zeigt dieganze Großartigkeit des Schwarzwaldes. Dieser Ausblickist so überwältigend schön, daß ich der festen Ueberzeugungbin, selbst ein preußischer Garde-Lieutenant würde sichdieser Natur gegenüber etwas klein vorkommen, was frei-lich mein Freund nicht zugeben wollte.

Nach dieser stundenlangen prächtigen Waldwanderung,und nachdem uns ein Wegweiser noch ein wenig genarrthat, erscheint vor uns die Schwabenschanze, ein morscherThurm mit eingestürzter Treppe.1796 erbaut", sagt