unser Führer, und wir sind fast bereit, ihm dies MalGlauben zu schenken. Im übrigen machte sich das hals-brecherische Hinaufklettern nicht belohnt. Lohnender warunbedingt der Besuch des nahen Wirthshauses, das denanheimelnden Namen „Zur Zuflucht" sich beigelegt hat.Es liegt an der schönen, von Westen nach Osten überden ganzen Kniebis führenden Fahrstraße, die wir nunauch weiter über die Alexanderschanze verfolgen, ohnedaß der aus dem kleinen Daniel so wohlbekannte Berguns besonders zu begeistern im Stande gewesen wäre.Erst als uns das abseits liegende steile Rimbachthal auf-nahm, erblühte wieder die Poesie des Schwarzwaldes,nicht ohne uns auch einen Blick in die hier zeitweilig somächtig auftretende Naturgewalt werfen zu lassen.
Friedlich und lustig springt der Rimbach in seinemrauhen Bette über das zackige Gestein, so daß man essich gar nicht vorstellen kann, wie verderbenbringend dieserGießbach sich geberden kann, wenn er, von den gewaltigen,schmelzenden Schneemassen und anhaltenden Regengüssengespeist, höher und höher steigt und mit furchtbarem Ge-töse seine Fluthen in die Tiefe schleudert. Wir stehenan den Ueberbleibseln einer ehemaligen Steinbrücke, diemit einem soliden, hohen Bogen den Weg auf das andereUfer führte. Ein halber Tag im März hat genügt, dasMenschenwerk dem Haß der Elemente zum Opfer zu bringen,und so klettern wir nun vorsichtig hinab und retten unsmit Hülfe der Arbeiter, die für den Neubau der Brückedie schweren Steine bearbeiten, auf's andere Ufer.
Drunten im Wolfachthal fallen uns zum erstenMal die Schwarzwälder Trachten auf. Der Mann inKniehosen, blauen Strümpfen und auf dem Rücken ge-streifter Weste ist an der Arbeit. Vor der Sonne schütztihn ein runder Hut, wie ihn die anglikanischen Geistlichentragen und der deshalb in England kurzweg als dervlsrioal flut bezeichnet wird. Den Frauenkopf bedecktein großrandiger Strohhut. Der fußfreie, etwas ab-stehender Rock läßt der Strümpfe Blau sehen, und dasmit Vorliebe geblümt getragene Taillenstück ist mit breitenrothen Litzen eingefaßt, die auf den Schultern in zweikühnen Schleifen endigen.
In dem schönen, sich erbreiternden Thal erscheinenzur Belebung der Landschaft Häuser in Schweizer Format,wie wir sie als Kinder aus Bilderbogen geschnitten undaufgerichtet haben. Die Straße wird immer reiner undbesser, und plötzlich treffen wir einen Mann, der mitseinem Mützenschild „Wegewärter", mit seinen Wegever-schönerungs-Jnstrumenten, die dem Chausseegras genaudie Grenzen seiner Naturfreiheit bestimmen, und mitseinem ganzen beamtenmäßigen Aussehen keinen Zweifelmehr läßt, daß wir uns menschlichen Ansiedelungennähern, in welchen der Frack und die weiße Binde dieMenschen in wandelnde konventionelle Lügen umwandeln.
Rippoldsaul Jedem Verehrer Scheffel'scher Musesteigt bei dem Namen im Geiste die Gestalt des MönchesRippold auf, der, krank und lebensmüde, sich in dasselbstgefertigte Felsengrab gelegt hatte, als plötzlich derQuell durchbrach und ihn in die Höhe warf. Aber alser triefend sich verwundert betrachtet, da merkt er wie
Ein neues Leben durchzuckte die Glieder,
Als kehre die Kraft und die Jugend ihm wieder.
Dies Wunder erneuert zu sehen, ziehen jährlich1500 ^Fremde aus allen Welttheilen in das Thal, dasjetzt noch so vereinsamt sich ausnimmt. Auch dasgroße Cur-Etablissement und die Hotels sehen noch ver-
schlafen aus und beginnen eben erst Sommer-Toilette zumachen. Auf den Balkönen werden alle möglichen Gegen-stände, die man dort fönst nicht zu sehen gewohnt ist, indie frische Frühlingsluft hinausgehangen; hier bemühtsich ein Mädchen, die Doppelfenster abzunehmen, um demOzon und den Odstrahlen den Eingang in die dunstigenRäume nicht länger zu verwehren; ein Gärtner übt einenkleinen Betrug, indem er seine Topfpflanzen in die Erdeeingräbt, um den Eindruck eines blühenden Hausgärtchensbei harmlosen Gemüthern zu erwecken. Einen alters-schwachen Baum hat man ausgemauert, damit eine Lückein der Allee den Badegästen nicht ein ästhetisches Un-behagen verursacht und dadurch den Erfolg der Cur inFrage stellt. Ja, ja, „eine gute Verwaltung ist dieGrundlage bürgerlicher Wohlfahrt", belehrt uns derMagistrat etwas selbstbewußt vom Schul- und Rathhausvon Klöster! e herunter. Denn dahin sind wir beiunsern Beobachtungen ganz von selbst gekommen. DasBad Rippoldsau besteht nur aus den Cur- und Bade-Häusern, in welchen die Stahlsäuerlinge Josephs- undWenzel-Quelle und die sogen. Natroine gefaßt sind,während die 1830 von dem Curhausbesitzer Goeringerentdeckte, übrigens sehr sparsam fließende Leopoldsquelleeinen Tiefbau am Wege nach Klösterle mit der bekannten,das Eisen-Oxydul verrathenden rothen Färbung, versteht.
Gegenüber dem Rathhaus mit dem weisen Sprucherhebt sich hier, wo früher ein Benedictiner-Prioriatseinen Sitz hatte, eine zweithürmige Kirche, die einenprächtigen Schmuck für die ganze schöne Gegend abgibt.Kaum haben wir noch Zeit, die hübschen Wandgemäldedes Gotteshauses und das Gnadenbild uns zu betrachten,als schon mit fröhlichem Peitschenknallen die Privatpostdes Curhotel-Besitzers herabrollt, und fort geht's in denduftenden Abend hinein. Der forellenreiche Wolfbachschlängelt sich im wiesenbedeckten breiten Thalgrund ge-mächlich dahin, und leiser, lauer Windhauch fächelt diejungen Blättchen, die sich verwundert nach allen Seitenumschauen und verneigen. Von einem Felsblock grüßtuns links ein kleiner klosterähnlicher Bau, wie von Zucker-guß hergestellt, das Bergle. Alles ist so harmonisch ab-gestimmt, so friedlich und ruhig, als könne es nie anders sein.
Aber unsere Braunen stutzen jetzt. Ein großes Lochthut sich in der Straße vor ihnen auf, das nur mitgroßer Vorsicht umfahren werden kann. Dann folgen inkurzen Zwtschenräumen noch eine ganze Anzahl vonStellen, wo das reißende, etwa sechs Stunden anhaltendeMärz-Hochwasser lange Strecken der an manchen Stellendem Felsen abgetrotzten Straße verwüstet hat. Ueberallregen stch rüstige Hände zur Wiederherstellung; denn wennder große Schwärm der Curgäste das Thal bevölkernwird, darf keine Unebenheit mehr sich zeigen.
Im großen Staat der echten schwarzwälder Volks-tracht ziehen Männlein und Weiblein auf dem Weg nachSchapbach dahin. Erstere tragen zur Erhöhung derFeierlichkeit Schleifen an den Röcken, wie man in unsernBallsälen die sogenannten Festordner decorirt, und einreiches Gehänge, des Bauers Brechte, ziert das Miederder Frauen. Aus dem Wirthshaus des Ortes erschalltfürchterliche Musik, die nichtsdestoweniger keine gewöhn-liche Tanzmusik vorstellt. Drei über und über geschmückte,an der äußern Treppe gruppirte Tannenbäumchen zeigenan, daß größeres hier sich begibt, eine Hochzeit I Undzu dieser ist alles von weit und breit eingeladen I Schap-bach selbst ist ein romantisch gelegener Ort. Vom hohen