Ausgabe 
(25.12.1896) 107
Seite
831
 
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Bergkegel schaut die altehrwürdige Dorfkirche ernst hinab,und jedes der ziemlich zerstreut liegenden Häuser ist eineIndividualität für sich.

Auf der weiteren Fahrt verliert sich der Schwarz-wald -Charakter des allmählich sich verbreiternden Thalesmehr und mehr. Die Straße beschatten die verschiedenstenObstbäume, aber die Häuser behalten ihr behäbiges,solides Aussehen. Durch das langgestreckte Dorf Ober-wolfach mit den Trümmern eines ehemaligen Schlossesrumpelt der Wagen, um gleich darauf in Wolfach einein die Schwarzwaldbahn einmündende Bahnstrecke zutreffen.

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Perugia .

Von Emil Roland*).

Es ist Abendmufik auf dem Corso Vannucci. . . .

Bei dem lauten Geschmetter der kriegerischen Melodiewandelt die Menge auf und ab zwischen malerischemVolk der Gasse stolziert junges Militär mit blitzendenAugen, schreiten Frauen mit mattbraunem Teint undfeinem Gesichtsoval, den schwarzen Spitzenschleier umdas tiefschwarze Haar geschlungen, der noch immer leben-dige Typus von den berühmten Madonnen der umbrischenSchule. Die Mädchen von Perugia , die oft gemalten,oft besungenen, machen ihrem alten Schönheitsrenommäe nochheute Ehre, und es flackert in ihren schmalen Augen jenesmelancholische Feuer, das von jeher so wohl zu versengenund so gut zu entflammen verstand.

Die alten Paläste, die zwischen den neuen Bautenam Corso stehen, werfen die nächtlichen Riesenschattenüber das wogende Gedränge. Ihre Pforten sind weitgeöffnet, und Lichterschein fluthet über die Treppe. Mankönnte meinen, die stolzen Gestalten jener Geschlechter,die hier gehaust, deren steinernes Wappen über dem Portaldas Moos des Alters begrünt, wollten in der nächstenMinute die Stufen herabspringen, um sich in das abend-liche Treiben zu mischen, lebenslustig und festesfroh, wiesie waren, oder wild und ungebändigt, wie sie seinkonnten, wenn es Streit und Fehde galt, hineinzustürmenin das wandernde Volk und die alte Fackel des Bürger-krieges, die so oft hier gebrannt, aufs neue zu entzünden.

Wie viel Blut ist in den Gassen Perugias geflossen,aus dem hohen Felsen, der die Hauptstadt Umbriens sodiademartig am Scheitel trägt! Römer und Gothen,Langobarden und Ghibellinen haben in wildem Haß umdie alte Etruskerstadt gekämpft, und als keine heran-ziehenden Feindesheere sie mehr bedrohten, da zerfleischten sichihr kühnen Geschlechter untereinander.Ueber ihre Thorestatt der Muse meißeln die Baglioni die Meduse",heißt es im Liede und wahrlich I Medusenhaft blicktes einem überall aus der Geschichte der Stadt entgegen immer wieder Mord und Schrecken, Schrecken undMord . . .

Untergegangen sind jetzt die Geschlechter alle: Vonden Baldeschi, den Oddi, den Fortebraccto lebt nur mehrder Ruf ihrer wilden Tapferkeit; nur ihre steinernenHäuser stehen noch an den alten, engen Straßen. Häusermit prächtigen Fassaden und jenen leeren, eisernen Fackel-ringen unter den Fenstern, aus denen nun nie mehreine nächtliche Leuchte hervorglüht. Finster und todtführen bergauf und bergab die zahllosen Gassen Perugias .

*) In ter BerlinerNational-Ztg.".

Eine dumpfe Luft weht von den kalten Wänden, undnur als schmaler Streif zeigt sich der sternenbesäete Him-mel über den Dächern. Von einem Haus zum andernschwingt sich der steinerne Bogen, an dem sich grünesGeranke wie flatternde Fahnen herniederhängt einDurcheinander von Straßen und Gäßchen, in die alleals einziger Lebenston die Melodie klingend hineinzittert,die oben auf dem Corso Vannucci die Militärkapelle spielt.

Vannucci ... es ist der Name Peruginos, desgrößten Sohnes der Stadt. Neben der blutigen Ge-schichte der Wirklichkeit ging in diesen Mauern die Ge-schichte der Kunst still einer hohen Blüthe entgegen.Wenige Schritte den Corso hinauf schatten zierlicheFensterreihen sich auf dem Pflaster ab die Fensterder alten Handelskammer sind es, das Collegio del Cam-bio, in die Perugino seine besten Bilder gemalt hat,leicht hinschreitende Gestalten aus römischen Sagen undheiligen Legenden und nur wenige Straßen weiterschuf an niederer Klosterwand Raphael sein erstes Fresco.Die Kunst hat der Stadt Perugia jenen Stempel auf-gedrückt, der wie ein Magnet die Pilger Italiens in diestillen Berge Umbriens hineinzieht. Die alten Kämpfesind verhallt, aber die alten Bilder sind geblieben undwerfen ihren versöhnenden Glanz über die blutig-wildeGeschichte der Stadt. Kirchen und Kapellen, herrlicheBrunnen und antike Thore schmücken die Plätze Perugias ,und die Gefilde ringsum, jene weiten, eigenartigen Thäler,von Weingeländen durchzogen, von kahlen Bergen um-ringt, breiten der Felsenstadt zu Füßen ihren weitenTeppich aus. Ein Blick ist es, der nicht nur das Augeentzückt, sondern auch die Gedanken emporträgt, dennjenes Thal, das der nächtliche Vollmondschein überfluthet,ist das Thal des Tiber ! und jene Sterne gegenüber anden Bergen leuchten über Assist . . .

Es ist Mittag.

Die heiße Sommersonne sengt glühend auf die blen-dend weiße Terrasse herab, an der das hohe Gebäudeder Präfektur steht mit seinen schönen, gewölbten Hallen-gängen, dem großen Engländerhotel gegenüber, das zuden besten Italiens gehört. Reisende Englishmen habenes in Mode gebracht, und wo der Engländer sich nieder-läßt, gibt es meist zweierlei: Sehenswürdigkeiten undKomfort, beides ersten Ranges. Die Nation hat einenraffinirten Spürsinn für dieses Ensemble.

Riesige Bosketts schmücken den Platz, südliche Pflanzen,welche die tropenhaft warme Sonne kaum versengt. Ausden Körben der Blumenmädchen duften die Goldlacksträußemit ihrem reichen, berauschenden Geruch. Viktor Emma-nuel, der Unvermeidliche, hält hoch zu Roß vor derPräfektur. Hier ist das moderne Perugia , der elegante,blendend neue Theil, der neben den engen Gassen deralten Stadt recht wie der Zoll aussteht, den Perugia der neuen Zeit hat zahlen müssen schön, aber un-charakteristisch. Nicht weit davon steht natürlich auchGaribaldi, und so natürlich es ist, daß die Söhne desKönigreichs Italien ihren Nationalhelden Denkmale er-richten, so wenig harmonisch passen doch diese Neuzeit-größen in die Physiognomie der Stadt, so theatralischerscheint ihre Besreierpose dem Auge, das sich an densanften Linien Peruginos eben gelabt, an dem größerenZuge des Pinturicchio erquickt hat. Eingelullt in denZauber der Kunst, umstrickt von ihrem gefangennehmen-den Reiz, träumt sich der Fremde in Perugias sonnen-hellen Straßen ganz in die alten Tage der Blüthezeit