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zurück, hört aus dem Geplauder der schönen Brunnenerloschene Stimmen reden und verfällt tm Zwielicht derKirchen einer seltsamen Weltvergessenheit.
In anderen Gemäldesammlungen geht man gleich-giltig. an vielen Werken der umbrischen Schule vorbeiund mag nicht allzu viel von denen wissen, auf derenSchultern Naphael stand. Hier aber in dem weitenMuseum, das Leo XIII . gegründet hat, da er noch Bischofvon Perugia war — hier, vor diesen hohen Wänden,an denen nur umbrische Maler — und oft in sehr ver-stümmelten Werken— vertreten sind, empfindet man wenigerBewunderung eines einzelnen Bildes, als mehr eine tiefeAchtung vor dem großen Zug in den Seelen dieser Men-schen, die befähigt waren, langsam, aber sicher die Höheder Kunst herbeizuführen. Und tritt man aus den hohenBildersälen — etwas madonnenmüde geworden nach all'der lächelnden Sanftmuth in den alten Bildern — aufeine der kleinen Terrassen hinaus, die wie Vogelnesteran den hohen Mauern des Palazzo Publico hängen, soempfängt wieder die reizvollste Gegend den Blick. Sonnen-getränkt, von dem feinen Staub umweht, den der Windselbst an den heißesten Tagen über die Berghöhe trägt,breiten sich Perugias graubraune Dächer am Abhangaus. Chpressengärten dunkeln herauf; jenseits schwingtsich Berg an Berg sanft gebogen in die Himmelsbläue.Und man empfindet, wie sehr diese Landschaft zu jenenMalern paßt, wie sie gerade aus dieser Natur nichtanders hervorwachsen konnten, wie friedlich und abge-schlossen von der großen Welt diese Künstlerheimath instiller Harmonie daliegt, ein unentweihtes Fleckchen Erde ,das nur flüchtig von leisem modernem Hauche be-rührt ward.
Wie seltsam — ein friedevolles Idyll — mögenwohl Leo XIII . die Jahre erscheinen, da er noch in derStille Perugias diese Bilder sammelte, da er täglich vomFenster der Bischofswohnung aus die kühne Settenfassadedes Palazzo Publico vor Augen hatte mit ihrem gothi-schen Schmucke und der stolzesten Trophäe, deren sich dieStädte Italiens einstmals rühmen konnten: mit denKetten und Thorriegeln des besiegten Siena über demPortal . . da er den Fönte maggiore noch plätschernhörte, den der Kunstkenner als den schönsten Brunnenseiner Zeit bewundernd rühmt?!
Jetzt steht die Marmorstatue des Papstes im nahenDom, dem herrlichen Signorellt-Bilde nahe, das so kräftigerscheint in seinen herberen Farben nach all' den schwe-benden Himmelsgestalten Perugias . Leer und unvollendetist dieser Dom, ein großer Steinriese, der den CorsoVannucci wie eine gewaltige Coulisse begrenzt. Nur amSonntage, wenn die Weihrauchwolken des Hochamts durchdie Kirche schweben, fluthet buntes Leben um seine Altäre.Wie malerisch erscheint dann dies Volk von Perugia ,wenn es in farbigen Trachten betend an den Pfeilern kniet!
DaS fromme Perugia ist reich an Kirchen. DasAuge kann sich hier satt trinken an den reizenden For-men der Renaissance, wie vor dem wundersamen Ora-torium des heiligen Bernhard, oder die antiken Säulenjener alten Rotunde bestaunen, die einsam im „Thale "- vor den Mauern liegt. Aber das schönste Kirchenbild,das sich am unvergeßlichsten einprägt, bleibt doch dieAussicht von der großen Terrasse der Präfektur, wenndie heißesten Sonnenstrahlen verglüht sind und der ver-klärende Abendschein dem allzu hellen Glänze gefolgt ist.Aus der einförmigen Häuserreihe hebt gewaltig und
gigantenhaft Sän Dowentco sein hohes Dach über derStadt. Der braune Stein erglänzt goldig tm Scheindes sinkenden Gestirns. Die Höhe des Berges küßt nochdas Licht, während unten aus der ThaCenkung bereitsblaue Schatten der Dämmerung heraufschwtmmen. Weiterhinaus steigt schlank — man könnte fast sagen jugend-lich — Pietro de Casstnensis spitzer Thurm über denKlostermauern empor, die reichste Kirche Perugias , fastein Museum nach der Fülle der Bilder, dem Reichthumder Säulen, der Menge ihrer Kunstwerke.
An solch' eine« Abend auf der alten Straße ent-lang zu wandern, solchen Schätzen entgegen, während derSonnenball hinter den Apenninen versinken will unddas Avegeläut von allen Seiten Perugias her wie einvielstimmiger Chor die Luft bewegt — dann durch dasalte Römerthor zu schreiten in den Wipfelschatten derAnlagen hinein, die von steinerner Balustrade umschlossenam Ende der Stadt daliegen, wie ihr herrlichster Schluß-effekt, und ausgebreitet sehen vor dem trunkenen Auge,in rothviolette Farbengluth gebadet, dies wundersameThal des Tiber , die heilige Landschaft mit den einfachen,edlen Linien, diese fruchtbare Erde, unter der die altenEtrusker, die ersten Gründer der Stadt, ihre ernsten,großartigen Grabkammern gewölbt haben, die heute derSpatenstich des Herrschers vor staunenden Nachweltaugenauf's Neue an's Licht bringt — den ganzen ZauberUmbriens gleichsam mit einem Zuge schlürfen, das Schön-heitsgefühl schwelgen lassen an diesen wunderbar gezo-genen Linien des Apennin , die in der seltsamen Durch-sichtigkeit des Lichtes fast greifbar nahe erscheinen, wäh-rend wie ein Kleinod am Berge das helle Asstsi dersinkenden Sonne gerade gegenüberliegt: das ist es, wasin sommerlichen Abendstunden auf den Wegen Perugias der entzückte Pilger sucht und findet.
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Schachaufgabe.
Von C. A. Gilberg.
Schwarz.
6 v
Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt
Auflösung des Telegraphenräthsels in Nr. 105:
Frohe Weihnachten. (Frosch, Newa, Elise, Hansa, Schatz, Ente).