M 1V8.
Moutag, den 28. Dezember
1898 .
ikür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen ZnstitutS von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbesitzer vr. Max Huttler ).
Die furchtbarste Geißel, unter welcher die Völkerdes Orients zu leiden haben, ist ohne Zweifel der Aus-satz. Der Westländer, der diese Krankheit nur dem Namen,aber nicht auch ihrem Wesen nach aus den Schriften deSalten und neuen Testamentes kennt, mag nach allem,was er hier darüber findet, leicht zur Meinung hin-neigen, daß der Aussatz eine Krankheit ist, die erstensnicht zu häufig auftritt, und die zweitens auch heilbarsein kann. Beides kann und wird auch einmal, in alterZeit nämlich, der Fall gewesen sein. Das Gesetz, nachwelchem alles, was da ist und war, sich aus kleinenAnfängen entwickelt, seinen Kulminationspunkt erreichtund endlich niedergeht und ganz verschwindet, dieses Ge-setz gilt, wie man beobachtet hat, für Krankheiten nichtminder wie für andere Erscheinungen der Natur undKultur. Wenden wir eS auf den Aussatz an, so könnenwir wohl behaupten, daß diese Krankheit in unsern Tagenauf ihrem Höhepunkt steht, jedoch mit dem Zusätze, daßfie diesen Höhepunkt nicht erst in unserer Zeit, sondernschon vor langem erreicht haben mag.
Nicht die Verbreitung des Aussatzes, sondern seineErscheinungsform ist es, welche uns zu dem Urtheile be-rechtigt, daß er einer Steigerung nicht mehr fähig ist.Er ist zwar in allen Gebieten des Orients und ebensoin der gemäßigten wie in der heißen Zone zu finden,und er verschont keine der eingeborenen Rassen; was ihmaber mehr als seine Extensität furchtbare Bedeutung gibt,das ist die Intensität, in welcher er überall auftritt, daSist der Umstand, daß er sich überall in derselben ab-schreckenden Gestalt zeigt, ob er nun sporadisch oderendemisch erscheint.
Wenn irgendwo, so ist der Aussatz in Btrma alsEndemie zu bezeichnen. Hier ist er zu Hause wie sonstnirgends in Asien , denn wenn wir die BevölkerungBirmas zu zehn Millionen annehmen und die darunterbefindlichen Aussätzigen auf beiläufig 30,000 schützen, soentfällt auf 333 Seelen ein Aussätziger, ein Verhältniß,wie eS bei einem andern Volke des Orients wohl wer-erin alter, noch auch in neuerer Zeit zu finden sein dürfte.So schrecklich aber diese Verhältnißzahl uns erscheinenmag, so wenig Eindruck scheint fie auf die Birmanen
*) Wir entnehmen diese Skizze der „OesterreichischenMonatsschrift für den Orient", die von dem k. k.Handelsmuseum in Wien herausgegeben wird und eine reicheQuelle für die Kenntniß der Ostländer bildet.
selbst zu machen, denn durch nichts haben sie bis nunauS Eigenem versucht, dem Umsichgreifen des AussatzesGrenzen zu setzen. Während die Chinesen beispielsweisedie mit dem Aussatze Behafteten sofort aus der Gemeindeentfernen, an einsamen Orten isolieren, ja sogar gewalt-sam aus der Welt schaffen, um sich vor Ansteckung zuschützen, begnügen sich die Birmanen damit, erst die ineinem höhern und für ihre Mitmenschen schon unerträg-lichen Stadium des Aussatzes sich befindenden Krankenvon der allernächsten Berührung mit der Gesellschaft aus-zuschließen; daß sie dies aber weniger aus Furcht vorAnsteckung und Vererbung, als aus Ekel und Abscheuvor dem entsetzlichen Aussehen der Aussätzigen thun, dasbeweist die Thatsache , daß die Gesunden mit den in denAnfängen der Krankheit Stehenden zusammen wohnenbleiben und verkehren, ja, daß sogar Ehegatten, vondenen ein Theil intakt und der andere aussätzig ist, demZusammenleben so lange kein Ziel setzen, bis der krankeGatte sich dem Zustande nähert, in welchem er zu eineralle Sinne beleidigenden abstoßenden Masse, zu einerlebendigen Leiche wird. Keine höhere Rücksicht hebt dennahen Verkehr der Gesunden mit den erst in leichteremGrade Erkrankten auf, und keine höhere Rücksicht, nichtMenschlichkeit, nicht Liebe, nicht Dankbarkeit, nicht Pietät,macht eS den Gesunden zur Pflicht, sich der schon inhöherem Grade Erkrankten erbarmend anzunehmen, ihnenihre Leiden zu lindern und den Rest ihres todgeweihtenDaseins erträglich zu machen. So wird eS in Birma von Armen und Reichen gehalten, und obwohl jeder sichsagen kann, daß auch ihm die schreckliche Krankheit mitallen ihren der Natur und der unmenschlichen Sitte ent-sprechenden Folgen oroht, stehen doch alle dem Uebel —bis auf das Gefühl des Ekels — gleichgültig gegenüber.
Von dem Leben und Leiden der Aussätzigen inBirma entwirft uns k. Johann Wehtnger, einkatholischer Missionär, der während eines mehrjährigenAufenthaltes in Birma viel mit Aussätzigen verkehrt hatund durch die Gründung eines Hospitals den unglück-lichsten aller Menschen ein Asyl zu schaffen bestrebtwar, ein anschauliches Bild. Wenn k. Wehinger be-merkt, daß eS ihm unmöglich gewesen sei, zu erfragen,zu welcher Zeit in Birma der Aussatz (Lepra) zum ersten-male aufgetreten sei, so ist dies begreiflich, und eS wirdauch niemand anderem gelingen, auf diese Frage Ant-wort zu erhalten. Gewiß ist auch schwer zu behaupten,daß die Krankheit durch einwandernde Fremde ringe«