führt sei, weil erst im sechzehnten Jahrhundert Ein-wanderungen stattgefunden haben und die Birmanenwissen wollen, daß es schon vor dieser Zeit Aussätzige inBirma gegeben habe. Wir müssen eben den Aussatz inBirma ebenso für autochthon ansehen wie in anderenGebieten des Orients; er entstand, wuchs, erreichte eineKulmination, und niemand kann in Rücksicht auf dieersten kleinen Anfänge und unbedeutenden Erscheinungensagen, wie und wann er entstand. Als Ursachen odervielmehr Bedingungen deS Aussatzes nennt ?. Wehinger:große Armuth, ungenügende Nahrung, Unreinlichkeit desKörpers und der Wohnung, die dort den größten Theildes Jahres herrschende Hitze, verbunden mit den von denSümpfen und Urwäldern aufsteigenden Miasmen. Allesdies mag wesentlich dazu beitragen, dem Auftreten derKrankheit Vorschub zu leisten, doch glauben wir nicht,daß eine medizinische Aetiologie damit ihr Auslangenfinden würde, und vielleicht gehen wir nicht irre, wennwir die Birmanen, wie andere Orientalen, hauptsächlichvermöge ihrer psychischen und physischen Schlaffheit undTrägheit zur Aufnahme des durch Vererbung fortge-züchteten Krankheitskeimes für disponiert halten. Dak. Wehinger auf Grund seiner Erfahrungen die Ansichtausspricht, daß die enorme Vermehrung der Leprafälletheils auf Vererbung, besonders aber auch auf Ansteckung,zurückzuführen ist, so erscheint das indolente Verhalten derBirmanen der Krankheit und den Kranken gegenübergeradezu ungeheuerlich.
Man unterscheidet in Birma zwei Arten von Aus-satz ; den feuchten oder eiternden und den trockenen Aus-satz. „Die ersten Kennzeichen der feuchten Lepra sindgroße weiße oder auch gefärbte Flecken auf der Haut,welche an diesen Stellen ihre Empfindlichkeit verliert.Auf diesen Flecken oder daneben erscheinen bald Klümpchen,welche immer größer werden und die Größe einer Erbseoder auch Haselnuß erreichen. Am zahlreichsten und amgrößten find die Knötchen im Gesichte. DaS Aussehender Leprakranken wird ganz gräßlich. Sein kupferrothes,«tt tiefen Furchen und Tuberkeln beladeneS Gesicht hatnichts mehr Menschliches an sich. Seine Augenliderschwellen unermeßlich an. Die an den Augenbrauen, ander Nase und am Kinn in Menge erscheinenden Klumpengeben dem Kranken ein fürchterliches, löwenähnlichesAussehen. Deshalb wird dieser Grad des Aussatzesöfters auch Leontiasis genannt. Die Finger krümmensich und werden zugleich mit der ganzen Hand starr undsteif.
„Dieses erste Stadium kann jahrelang dauern, undwie schrecklich es auch sein mag, ist es doch eine Frist,deren Fortdauer der Kranke wünscht, um den nach-kommenden Entwickelungen der Krankheit zu entkommen.Während dieser Periode sind in der That die Schmerzennicht so heftig oder wenigstens nicht lange anhaltend.
„Die Krankheit nimmt jedoch ihren weiteren Verlauf.Von den genannten Tuberkeln bricht eines nach demandern auf, es entstehen klaffende Wunden und Ge-schwüre, und so erneuert sich das Leiden beständig . . .Dazu kommt, daß diese Geschwüre stets vernachlässigtwerden, und so wird der erbarmenswertste Leprakrankeallmählich seinen Mitmenschen und sich selbst zum Ekel.Die Ftngerglieder fallen eins nach dem andern ab odertrocknen auf. ES kommt auch vor, daß ein Fuß, eineHand ganz verschwindet. Aehnlich dem Vater Job fühltder Unglückliche, wie sein Körper, gleich einem von
Warmem zerfressenen Kleid, in Stücke zerfällt, und erbittet Gott , ihn sterben zu lassen. Jedoch weil dieKrankheit seine hauptsächlichsten Lebensorgane noch nichtangegriffen hat, ist er zum Weiterleben verurtheilt, bisdie Geschwürbildung in das Innere seines Körpers dringt.
Die Krankheit schreitet immer vo/würts, greift erstden Mund an. Die Luft- und Speiseröhre werden ge-wöhnlich zuletzt angegriffen, und es ist oftmals Erstickung,welche dem armen Leprakranken das Ende seiner Schmerzenbringt. Falls ihn Erstickung nicht befreit, bringen diein den inneren Organen stattgefundenen Zerrüttungenden Tod. Schon lange vor dem Tode verbreitet sich umden Leprakranken herum der äußerst üble Leichengeruch,und der Körper ist sozusagen schon lange abgestorben,bevor der Leidende das Ende seiner Tage, das Endeseiner Leiden erreicht hat. Und doch — in diesen ver-gifteten Ueberresten eines menschlichen Körpers — sollteman es glauben? — wohnt noch eine Seele. Wir fragendiese Leiche, und sie gibt uns Antwort, und wir zittern.mit Schauder, indem wir in ihr Verstand, Gedächtnißund, was einen zu Thränen rührt, ein Herz finden —ein Herz — das nicht sterben kann und noch für dieliebevolle Sorge, die seinem langen Todeskampfe bei-wohnt, Dankbarkeit beweist. Bei dem trockenen Aussatzefind es ebenfalls die äußersten Glieder, die zuerst demUebel zur Beute anheimfallen. Es bilden sich alsdannin den verschiedenen Körpertheilen immer mehr rotheBrandflecken. Allmählich entfleischen sich alle Glieder.Die Knochen jedoch, anstatt sich, wie bei deM feuchtenAussatze, vom Körper loszutrennen, bleiben vereinigt,von der bloßen Haut bedeckt und zusammengehalten. Dieseslebende Skelett gleicht einem ausgedörrten Baume, der,noch von seiner schützenden Rinde umgeben ist. Die Ge-lenke der Glieder allein scheinen etwas aufgeschwollen.Endlich bleibt für die gierig immer weiter zehrendeKrankheit kein Zehrstoff mehr — der Tod tritt ein."
Diesem furchtbaren Krankheitsbilde entsprechen'auchdie Zustände, die in Hinsicht auf die Behandlung derLeprakranken in Birma herrschen. Wie schon bemerkt,werden hier die Aussätzigen nicht, wie eS in Jydten undChina geschieht, aus der Nähe der Gesunden verbanntsondern sie bleiben in ihre« Hause und unterhalten, solange ihre Krankheit noch in den ersten, weniger ab-stoßenden Stadien steht, fast dieselben Beziehungen mitder Gesellschaft und Familie wie zuvor. Und dabei ver-suchen eS die Gesunden nicht, dem Fortschreiten derKrankheit durch die Anwendung irgend eines Mittels einZiel zu setzen oder ein Palliativ zur Linderung derSchmerzen der Kranken anzuwenden, ja, sie denken garnicht daran, sich durch prophylaktische Maßregeln undMittel vor der Gefahr der Ansteckung wenigstens einiger-maßen zu schützen. Erst wenn das Uebel schon einenfür die Gesunden unerträglichen Grad erreicht hat, wirdder Kranke gemieden. Inmitten ihrer Familie, umgebenvon zahlreichen Bekannten, sind die unglücklichen Aus-sätzigen verlassen, ja sich ganz selbst überlassen. Aufden Straßen, auf öffentlichen Plätzen, am Eingang derKirchen und Pagoden fitzen die Aermsten der Menschheitniedergekauert, um durch den Anblick ihres fürchterlichenElends das Mitleid der Vorübergehenden zu erregen.Das Leben der armen Aussätzigen ist schon an und fürsich ein äußerst qualvolles; der Leib, gefoltert von schreck-lichen Schmerzen, faulend an immer weiter greifenden,entsetzlichen Geschwüren, zerfressen von gierigem, gar-