stigeür Ungeziefer. Die Seele der Kranken aber leidetan gräßlicher Verzweiflung oder thierischem Stumpfsinn,weil keine Hoffnung auf Besserung ist. Dazu kommt abernoch eine andere Qual, nämlich die schreckliche Verlassen-heit, die tiefste Verachtung, die härteste Gefühllosigkeit derMitbürger. Der Aussätzige wird als ein Auswurf derMenschheit betrachtet, nirgends findet er wahres Mitleid,nirgends hört er ein Wort deS Trostes, sondern überallwird er als gar nicht zur Menschheit gehörend behandelt.In ihrer unmittelbarsten Nähe lassen Kinder ihre Eltern,Eltern ihre Kinder bei lebendigem Leibe verfaulen, ohnesich um sie zu bekümmern, ohne es sich einfallen zulassen, zur Pflege der Kranken auch nur einen Fingerzu rühren. Und wie sollten sich die Fernerstehenden derKranken erbarmen, wenn eS die nächsten Verwandten nichtthun? Gab doch ein vermögender Birmane, den k.Wehinger um ein Almosen für die Aussätzigen anflehte,diesem zur Antwort, daß er von Herzen gerne eine großeMenge Arsenik spenden wolle, um die Aussätzigen a«Sder Welt zu schaffen!
Wie daS Herz des von der Idee der Nächstenliebedurchdrungenen und auf de« Böden christlicher Kulturstehenden Menschen angesichts solchen Elends nicht un-gerührt bleiben kann, so hat auch k. Wehinger, er-schüttert von dem Anblicke der Aussätzigen und ihresLooses, die hochherzige Idee gefaßt, für diese ein Hospitalzu gründen. Seinen beharrlichen Bemühungen ist eSauch gelungen, sich soweit Mittel und Kredit zu ver-schaffen, daß er im Jahre 1892 an die Ausführungfeines menschenfreundlichen Planes schreiten konnte. Soentstand unfern der Stadt Mandalay die Anstalt „St.Johann" für Leprakranke (St'. JohnS Leper Asylum),die, den Verhältnissen entsprechend, im Pavillonstile er-baut, derzeit 15V Aussätzige, Männer, Frauen und Kinder,in allen Stadien der Krankheit beherbergt. Die medi-zinische Behandlung der Kranken beschränkt sich vorder-hand nur auf die versuchsweise Anwendung der Natur-heilmethode, und eS sollen Dampfbäder und warme undkalte Wassergüsse eine bedeutende Erleichterung derSchmerzen herbeiführen. DaS Hauptgewrcht wird auf dieDiät und Pflege der Kranken gelegt. Was diesen nachMaßgabe der bescheidenen Mittel und lokalen Verhältnissean Nahrung, Kleidung, Wohnung» Ruhe und Gesellschaftund auch Erholung geboten wird, ist ihrem Zustand ebensoangepaßt wie die Pflege, die in der täglichen Reinigungder Wunden und Geschwüre, der Entfernung der Würmeraus den eiternden Wunden und in der Verbindung derWunden besteht. In dieses aufopfernde Geschäft, diSalle Selbstverleugnung erfordert, theilen sich im Ganzenzwei Patres für die Männer und eine Schwester für dieFrauen; die Unterstützung, die ihnen Hiebei von Seiteder leichter Erkrankten zu Theil wird, ist insofern einebeschränkte, als diese vor dem Verkehre und der Be-rührung mit den hochgradig Aussätzigen selbst zurück-schaudern. Es ist klar, daß, um nur die von einemhöhern Grade der Krankheit Befallenen anS der Gesell-schaft der Gesunden auszuscheiden und ihnen Behand-lung und Pflege zu Theil werden zu lassen, i« Ver-hältnisse zu der großen Zahl von Aussätzigen in Birma auch mehrere und größere solcher Anstalten bestehensollten wie die in Mandalay . Indessen ist der Anfanggemacht, und eS ist k. Wehinger zu wünschen, daß seineBestrebungen, durch seinen Besuch europäischer Haupt-städte die clvilisirte Welt des Westens auf sein Unter-
nehmen aufmerksam zu machen, wenigstens dar St. JohnSAsyl in Mandalay zu vergrößern und zweckentsprechendauszugestalten, vom besten Erfolge begleitet sein mögen.Freilich ist es mehr als fraglich, ob daS gräßliche Uebeldes Aussatzes in Birma je ausgerottet werden kann,selbst wenn alle Aussätzigen in Hospitälern untergebrachtund von den Gesunden isoliert wären, so lange im Landeüberhaupt nichts für eine entsprechende und ohne Zweifeldringendst nothwendige Hygieine geschieht. Doch genugfür den Allgenblick, wenn nur den Kranken selbst jenekörperliche Pflege und jener geistige Trost geboten wird,wodurch ihre leiblichen und seelischen Leiden vermindertund gelindert werden.
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ALterLer.
Ueber die Langlebigkeit der Menschenhielt F. W. Warner kürzlich einen Vortrag von un-gewöhnlichem Interesse vor der Akademie für Wissen-schaft in New-Iork. Jede Person, führte Warner aus,trägt die physikalischen Bedingungen ihrer Lebensdauerin sich, und eine langlebige Person kann schon nachihrem Aussehen von einer kurzlebigen unterschieden werden.In vielen Fällen vermag ein Arzt nach eine« einzigenBlicke auf die Hand seines Patienten zu sagen, ob dieserleben oder sterben wird. (!) In der Pflanzen- wie inder Thierwelt erhält jedes Leben seine Charaktere vondemjenigen Leben, aus dem es seinen Ursprung genommenhat. Unter diesen angeborenen Eigenschaften findet sichauch die Fähigkeit, daS Leben für eine gegebene Zeit-dauer fortzusetzen; man kann diese Fähigkeit als dieinhärente oder Potentiale Lebensdauer bezeichnen. Untergünstigen Bedingungen und in günstiger Umgebung kanndas Individuum diese Lebenszeit ganz ausleben, unterungünstigen wird sie merklich verkürzt werden. Ebensokann die Lebensdauer einer Person, einer Familie odereiner Rasse auch durch die Einflüsse einer besondersgünstigen Umgebung erhöht werden. Die erste Voraus-setzung für ein langes Leben besteht darin, daß Herz,Lungen, Verdauungsorgane und Gehirn ihren gehörigenUmfang haben. Ist dies der Fall, so zeigt eS sich inder Länge des Rumpfes und der verhältnißmäßigenKürze der Glieder. Solche Personen werden im Sitzengroß und im Stehen klein erscheinen, die Hand wirdeine lange und etwas schwere Fläche und kurze Fingerausweisen. DaS Gehirn wird tief gelegen sein, waS sichschon daran erkennen läßt, daß die Oeffnung der Ohrentief liegt. Ein blau oder braun strahlendes Auge istein günstiges Zeichen. Große Lungen finden ihrenäußern Ausdruck in großen, offenen und freien Nasen-löchern, während gepreßte und halb geschlossene Nasen-löcher auf kleine und schwache Lungen schließen laffen.Hierin sind die wesentlichen Punkte zur Unterscheidungvon langlebigen und kurzlebigen Menschen gegeben, undzwar auf Grund einer Prüfung von sehr umfangreichenstatistischen Erhebungen. Daß eS individuelle Ausnahmengibt, ist selbstverständlich, es sind aber eben Ausnahmen,und die Regel wird dadurch nicht gestört. Handelt eSsich um Personen, die auf der einen Seite kurzlebige,auf der andern Seite langlebige Verwandte besitzen,deren Anlage sich auf sie vererbt hat, so wird die Frageverwickelter; es zeigt sich aber, soviel läßt sich im All-gemeinen feststellen, daß bei derartiger Verschmelzungverschiedener Anlagen die Natur außerordentliche An-