Donnerstag, den 31. Dezember
M 109.
1898.
Für die Redaction verantwortlichDruck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L.
Nenjahrszratuliükoussettche.
Ii. W. Zwei gute schwäbische Herren saßen mitsammenim Eisenbahnkasten und besprachen sich eingehend überallerlei Schwindel in dieser erbärmlichen Welt. ZumSchlüsse der Debatte klopfte Herr N. dem Herrn M. ver-traulich aus die Schulter und sprach gelassen das großeWort: Wisse Sie, Herr Nachbar, muuäus vnlt ebe*)äeaipi! —
Dieser inhaltsschwere Haupt- und Grundsatz ist wohlder beste Vorspruch und zuletzt das Ncsums des ganzenNeujahrsgratulationsrummels, der nächster Tage los-brechen und wie eine Seuche das Land überziehen wird.Da geht eS an ein Schreiben und Schlecken und Kleben,da erhitzt sich der Spießbürger und quält sich der Lebe-mann, da werden die schwarzen Fräcke gebürstet, dieCylinderhüte gestrichen, die eingehntzeltcn Glaces gedehntund an den abgeschabten Stellen mit schwarzer Tintegefärbt. Da steigen die Deputationen, grinsen die Chefs,krümmen sich die untergebenst Gehorsamsten, räuspern dieHerren, klatschen die Damen, dellamiren die Jungen —Alle, wie wenn es ihnen ernst wäre. Dlunäns vult— cksoixi!
Und die armen Stempeldrucker und Sortirer undAusträger auf der Post und Eisenbahn , die ärmsten Post-boten, diese bedauernswerthen Opfer des Neujahrsschwindels,diese Sklaven im grausamen Dienste moderner Falschheitund altehrwürdiger Unsitte, die da rennen und Stiegensteigen und schwitzen trotz Winterskälte, Eis und Schnee,die athemlos angekommen im vierten Stockwerke sehenmüssen, wie das sorgsam bestellte Kärtchen zerknittert undin den Papierkorb versenkt wird, die Armen, sie findenkein Erbarmen: sie sind ja dafür angestellt. Sie bekommenfür ein abgegebenes zehn neue Billets, um die gedrucktenWünsche der heimtückischen Menschheit zu vermitteln:mnuäuo valt — äeoipi?
Ich habe mir in sxoole vorgenommen, einmal diesenNeujahrskartenschwindel recht zu verdonnern. Ich bin so„freundlich", nicht erst um Generalpardon für alle groben,derben und rigorosen Ausfälle zu bitten. Wem es zu starkscheint, der soll es nicht lesen, was da zu lesen kommt.Pfarrer Kneipp ist auch, so sagt man, gar derb und ehr-lich, und vielleicht liegt darin ein gutes Stück von seinersiegreichen Macht gegen allerhand Seuchen. Was? Istdiese Kärtchenmode nicht eine Seuche? Beim Kasernen-
— eben.
typhus sind meistens auf Anordnung hoher Stelle dieUntergrundverhältnisse Grund und Brutstätte der Seuche.Eher aber möchte man den Kasernen neuen Boden ver-schaffen, als der Neujahrsseuche ihren historisch berechtigten,naturgemäßen erblichen Untergrund entziehen. Der Schwin-del baut sich immer auf die Dummheit auf. Rotte dieDummheit aus, so vertilgst du den Schwindel!
Die Dummheit ist anstcckcnd, wer mag das be-zweifeln? Ein Dnmmer kann sieben Weise anstecken.Wer hat das noch nicht an sich selbst erfahren? So istnmi auch die Mode ansteckend und mithin auch die Karten-seuche, die periodisch nach je 12 Monaten wiederkehrt;kurz, der Neujahrsgratulationsrummcl ist eine großartigeRegung der Gedankenlosigkeit ganzer Menschenklassen.Und die ganze Erscheinung ist eine ansteckende Krankheit,die rasend um sich greift, viel Geld, Papier und Euwmiarabioum kostet und noch mehr Verdrießlichkeiten bereitet.Was ist dagegen zu thun, — „nirgends Rettung, nirgendsLand" schreit der Tenor in der Negensburger Sturm-beschwörung.
So ist also wohl kein Zweifel, daß mit Recht voneiner Landplage, von einer Seuche geredet werden muß.Alle sind darüber eins. Und doch klext der eine schweiß-triefend seine Adressen, leckt der andere seine Marken,kauft der dritte theure und billige Kärtchen: es ist halteinmal so. Willst du niemanden verletzen, so vergiß keinen,schreib' ihm lieber zur Vorsicht gleich zwei Kärtchen; sucheallen zuvorzukommen, beantworte alle, schreib', schleck',drücke, schwitze, — es geschieht dir ganz recht, warumbist du auch ein Mensch geworden: innnckua vult —äocüxi!
Du willst nicht der Erste sein, der seiner theurenMitwelt die Ehre anthut, ihr keine gedruckten Kärtchenmehr zu widmen. Es scheint also, du hältst deine Onkel,Tanten, Basen, Cvllegen, Genossen und anderes mehrfür so thöricht, daß sie eine Karte für unentbehrlich halten;oder du hältst dich selbst für so wichtig, daß selbige andich erinnert werden müssen.
Mir aber scheint beides gleich unschön zu sein. Wermich erfreuen will, schreibe mir ab und zu unterm Jahre,und wenn es absolut eine Karte sein muß, so sei es eineerfreuliche Postanweisung; ja da wäre Freude im Stalle.Die Mode aber soll ihren Weg gehen vom Salon aufdie Straße und von der Stadt auf's platte und buckeligeLand, bis in die Einöde und in die Wüste: bis sie daankommt, ist sie an ihrer Wiege schon vergessen.