Wenn du bedächtest, geneigter Leser, was mit deinerKarte geschieht? Der zerreißt sie, der wirft sie in denPapicrkorb, der vernrtheilt sie zum ErstickmrgStodc, wo,das sagt man nicht. Der lacht und meint: War übrig!Der zürnt und brummt: Muß er auch seinen blödenNamen hintendrauf schreiben, daß man sein Kärtchen —nicht mehr benutzen kann.
Ich meine so: Wenn du ernstlich einem Glückwünschest, so sollst du es nicht bloß an Ncnjahr thun;drum schicke dem Gegenstände deiner Anwünschungen ent-weder alle Tage oder gar nie eine Karte: er glaubt esja doch nicht, oder er glaubt es auch ohne Kärtchen.
Aber ist es nicht geradezu eine schlampige Bequem-lichkeit, einem guten Freunde einen gedruckten, gekauftenGlückwunsch, der 3 bis 5, aber nicht mehr Pfennige werth ist, zu schicken. Was denkst du denn eigentlich dabei?Nicht wahr, wenn dir Jemand einen Brief zukommenläßt und du merkst, daß er einfach aus einem Briefstellergedankenlos abgeschrieben, oder gar von fremder Hand,von einem Winkelschreiber, vom Commis oder Lehrbubengeschrieben ist, so bedankst du dich für diese faule, nieder-trächtige Höflichkeit: die paar Zeilen hätte der Menschdoch eigenhändig schreiben können.
Aber nun lasse ich gar einen „innigsten" Glückwunschmechanisch herstellen vom Lithographen oder Buchdrucker.Da habe ich weiter nichts zn schreiben als die Adresse.Wie bequem, wie leicht — aber ob anständig, ob einZeichen von Aufmerksamkeit und Liebe? Das geht michnichts an: wnucluo vult — äooixi!
Ja nicht einmal die Adressen schreiben sie selber,die Tagdicbe. Da wird Weib und Kind geplagt, dieLehrbuben und Kindsmädel, die ganze Armee des Hauseswird mobil gemacht, und eS wird andictirt, corrigirt, ge-schimpft, gestritten, zusammengerissen und so fort, bis alledie herzlichsten Gratulationen abgefertigt sind.
Und nun soll die ganze Neujahrskartenmode nichtder purste Schwindel sein? Nur nicht hitzig werden!Es ist umsonst, ich kämpfe, nein, selbst die Götter kämpfenvergebens gegen etwas! „Ja, ja, Herr Nachbar, wisseSie, lnnnckus vult ebe äsoipil" —
Herr R-. sieht sich die Sache doch gar zu gries-grämig an. Gewiß hat die Neujahrskarten-Mode einenUmfang angenommen, der über das Maß hinausgeht.Aber ein guter Kern steckt doch darin. Erstens ist es einschöner alter Brauch, Freunden und Bekannten zum Be-ginn eines Jahres Glück und Segen zu wünschen, undzweitens ist das eine gute Gelegenheit für Viele, besondersauswärtigen Freunden und Bekannten damit kundzugeben,daß man sie nicht vergessen hat. Heutzutage, da dieLcbenSbezichungcn viel zahlreicher und mannigfacher ge-worden, die Menschheit in Folge des unendlich gesteigertenVerkehrs sich auch bei großen räumlichen Entfernungenvielfach näher gekommen und der „Kampf um's Dasein"Zeit und Kraft bis aus's Aeußcrste in Anspruch nimmt, wärees für unendlich Viele fast eine Physische Unmöglichkeit,Allen Briese zu schreiben, denen man sein freundschaftlichesGedenken erweisen will. Poetisch ist der moderne Brauchnicht, aber wir leben im Zeitalter der Surrogate, undGctt sci's gedankt, daß uns die Mode die gedruckte Neu-jahrskarte erlaubt; denn zum Briesschreibcn fehlt denMeisten die Zeit. Daß cMr Taufende von Neujahrs-karten sehr ülcisüissig sind, das sei dem Feinde dieserMode bereitwilligst coucedirt. Die Ned.
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Ssierlingstrrue.
Wiederholt bringen die Zeitungen Klagen über die„Sperlingsnojh" in verschiedenen Ländern und daß maneifrig daran geht, diese lästigen und kecken Schmarotzerauszurotten.
In Frankreich sollen sie Gourmands einen Lecker-bissen in Form von Pasteten liefern, ei, so soll man dochdiese Herren „Spcrüngsjäger" orgarrisiren und in dieverseuchten Lande schicken, das wäre dann so undankbarnicht. —
Ich will die Schädlichkeit dieser lärmenden, unternehmenden VogelspecicS im Allgemeinen nicht bestreiten,aber es drängt mich, zu ihrer Ehrenrettung einige selbsterlebte Beweise seltener und seltsamer Treue von einigendieser Vogel zu berichten:
Meine Großmutter war ein uraltes, beinahe hundert-jähriges Weiblein. Sie mußte ihre letzten Lebensjahrenur infolge von großer Schwäche im Bette zubringen.Eines Tages fand ich auf der Gasse ein junges, halb-todtes Spätzlein, das aus seinem Neste gefallen war undsich ein Beinchen gebrochen hatte. Das arme, zwitschernde,hilslose Vöglein that mir leid, ich nahm es auf und brachteeS der Vroßmutter, die es mit kindischer Freude undZärtlichkeit in Pflege und Erziehung nahm.
Der noch gar nicht flügge gewesene Vogel blieb nichtnur am Leben, sondern gedieh und ward in kürzesterZeit ein regelrechter Spatz, allerdings mit einem ver-krümmten, unbrauchbaren Beinchen, und ward obendreinsozusagen Großmutters letzte Freude.
Der kleine Invalide hüpfte den ganzen Tag amBette herum und ward so vertraut mit seiner Nähr- undPflegemutter, daß er sich buchstäblich seine Mahlzeitenvon ihrem Munde holte und mit besonderer Vorliebe amHalse unter der großen Rüsche der schwarzen Taffethaubesaß und schlief.
Ein rührendes Bild der Freundschaft bot diese wiederzum Kinde gewordene alte Frau und der seltsame VogellJa, der letztere war mit den Jahren gegen Jedermannganz feindselig, wenn man sich dem Bette näherte, undgebrauchte nicht selten sein Schnnbelein ausgiebig alsWaffe. Er war und blieb Großmutters treuester Leidensgeführte.
Als eS mit der guten alten Seele an's Sterberging und der Priester am Bette erschien, um die letzterTröstungen zu spenden, mußte man den Vogel gewaltsamverscheuchen; er wollte sein Versteck unter der Haube nichtverlassen und pickte wüthend nach der Hand des Priesters.Und als seine Pflegemutter nach einigen Tagen todt war,flatterte und hüpfte er merkwürdig traurig umher, ohnedas geringste Futter zu nehmen. Am zweiten Tage fieles uns auf, daß der Spatz nicht zum Vorschein kam, mansuchte, und man fand ihn todt unter der Bahre liegen.Noch heute rührt mich die Erinnerung an die gute alteGroßmutter und ihren so geliebten treuen Spatz.
Vorigen Sommer hatte ich wieder Gelegenheit, diemerkwürdige Anhänglichkeit dieser so unbeliebten Vogel-species zu beobachten:
In meinem Garten hatte sich in einem hohlen Baum-aste ein Spatzsnpärchen eingenistet. Wenn sie der Hungervorn Baugeschäfte wegtrieb, kamen sie schreiend und lär-mend in den Hof. Ich warf ihnen anfangs völlig acht-los BrodkulAen zu, die sie mit Gier aufpickten. Da siein der Folge mit großer Regelmäßigkeit wieder kamen,legte ich ihnen Futter auf das Feustergesimse, das sie