Ausgabe 
(27.3.1896) 13
 
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kommen, nicht bloß auf die Befehle deS kaiserlichen Vi-kariates nicht mehr zu achten, sondern dieselben geradezumit Spott zu erwidern. So hatte z. B. der Pfarrervon Moen die Ernennung zu einer Pfarrei höheren Rangeserhalten. Er sandte das Dekret sofort wieder zurück,nachdem er vorher unter dasselbe die bezeichnenden Wortedes 49. Psalmes geschrieben:Narr aeoipiuw äs äornotun vitulo8, lie^u.6 äs grsgidus tuig lüroo8."VonDeinem Hause nehme ich keine Kälber an, und die BöckeDeiner Heerde kannst Du selbst behalten."

Besonders schwer mußten für ihre Ergebenheit anihren verbannten Bischof die Alumnen oder Priesteramts-kandidaten leiden. Nach der mißglückten Prozession amNapoleonstage (15. August) ließ der Departementspräfectdurch ein Circular die Alumnen auf den 18. AugustVormittags 10 Uhr inS ehemalige Kapuzinerkloster zuGent vorladen. Sämmtliche Erschienene, 77 an derZahl, blieben dem Versprechen, das sie sich einige Wochenvorher gegeben hatten,lieber das Leben zu lassen, alsgegen ihr Gewissen zu handeln", unerschütterlich treu.Zwei von ihnen, vornehmen Familien angehörig, ließder Präfect zuerst in die Uniform der kaiserlichen Ehreu-garde stecken, und als sie auch jetzt noch die Anerkennungdes Staatsbischofes verweigerten, ihnen die glänzendeUniform vom Leibe reißen und sie ins Zwangsarbeits-thaus (Rasxliuis) sperren. Weitere vier, die als Nädels-iführer galten, schleppte man sofort tns Gefängniß; alleÄbrigen, auch diejenigen, welche auf die Vorladung imKapuzinerkloster nicht erschienen waren, im Ganzen un-gefähr 150, wurden der Strafkolonne in der FestungWesel am Rhein zugetheilt. Dort langten diese jungen,lüberzeugungstreuen Männer im September 1813 an.WaS sie von da ab während eines Zeitraumes von8 Monaten und 8 Tagen zu erdulden hatten, erinnertgeradezu an die Leiden christlicher Märtyrer. Krankheitund Tod lichteten ihre Schaar in der Weise, daß vonden 150, die Wesel betreten, am 8. Mai 1814 nurmehr 38 die Festung verließen. Erschütternd ist dieSchilderung, welche einer von ihnen über das Militär-lazareth, in dem er eine Zeit lang krank lag, entwirft.In dem Saale , in dem ich wich befand, fand manjeden Morgen 3, 4, zuweilen sogar 7 Leichen. Dieeinen waren in ihrem Bette gestorben, die andern,während sie sich zur Mulde (welche die Entleerungenaufzunehmen hatte) schleppten. Wieder andere, indemsie über den Rand in die Mulde glitten. Die Wärterwaren meistens gottlose und jeglichen Gefühles bareMenschen. Ein junger Mann von etwa 24 Jahren,Festungsgefangener, bekam die Ruhr. Vollständig er-schöpft und eher einem Skelette als einem lebenden Wesengleichend, befand er sich schon seit einigen Tagen in einemsolchen Zustande der Schwäche, daß es ihm nicht mehrmöglich war, seinen Strohsack zu verlassen, und er deß-halb in Blut und Unrath schwamm. Da packten ihn dieWärter, schleppten ihn unter die Wasserpumpe, legten ihnauf den Boden und reinigten den Halbtodten mit Besen.Des andern Tages war er eine Leiche. Triftige Gründeliegen zu der Annahme vor, Herr Silos (einer von denAlumnen) sei auf dem Sterbebette von den Wärternerstickt worden. Die Herren Van den Daele, De Keyzerund Gonthyu hat man in daSTodtenloch" geworfen,noch ehe sie den letzten Seufzer ausgehaucht. . . . DeKeyzer lag schon zwischen den Leichen. Da bemerkte einSeminarist noch ein Lebenszeichen an ihm; auf's Bettzurückgebracht, starb er erst nach einigen Stunden." So

viel des Leides und des Jackuiers hatte Napoleon durchseinen Despotismus über die Diözese Gent gebracht, unddas nur deßhalb, well sein Bischof, sein Klerus undsein Volk den Gesetzen der Kirche treu geblieben. Dochfür daS schwer bedrängte BiSthum kam wenigstens aufkurze Zeit die Erlösung. Die verbündeten Fürsten hattenden Despoten Europas überwunden. Kirche und Völkerathmeten neu auf.

Münchner anthropologische Gesellschaft.

L. Am 13. März hielt die Münchner anthropologische Gersellschaft ihre Monatssitzung im Festsaale der k. Akademie derWissenschaften ab, wozu auch die Dameu der Mitglieder einge-laven waren. Nach der Proklamirung von zwei neuen Mit-gliedern theilte der Vorsitzende Pros. I. Ranke eine Einladungder geographischen Gesellschaft zu dem Vortrage des Herrn kgl.Raths Fr. Martin überIndische Städtebilder" mit. Zugleichlädt die geographische Gesellschaft die anthropologische definitivzu allen ihren Vortrügen ein. Hierauf kam ein Schreiben vonPros. E. Sclenka zur Verlesung, in welchem mir einem Grußdas Bedauern zum Ausdrucke gebracht wurde, daß er durchseine plötzliche Erkrankung verhindert ist, den projekiirten Ver-trag zu halten. Für ihn ist im letzten Augenblick Pros. Dr.Furiwäugler eingetreten mit einem Vortrage überDie Völkerdes äaäischen Meeres in der mykenischen Epoche". Aus dieserZeit haben wir zweierlei Quellen: die Ausgrabungen in Griechen-land und Aegypten und die Nachrichten der Aegyptcr über krieger-ische Einfälle von Secvölkern. Beide Quellen ergänzen sich.Die ägyptischen Inschriften aus dem Anfange des 15. Jahr-hunderts v. Chr. erzählen von Völkern, Kephto genannt, welcheden ägyptischen Herrschern Gesäße aus ihrer Heimath zum Ge-schenke machten. Der Sitz dieser Kephto dürfte auf Kreta zusuchen sein. Ihre Cultur stimmt ganz überein mit der Blüthe-zeit der mykenischen Periode. Zum ersten Mal werden See-völker erwähnt als Verbündete der Hethiter gegen Ramses II .Unter andern werden auch Jawana aufgezählt, welche wohlidentisch sind mit den Jonicrn. Zum zweiten Male verbündetensich Scevölker mit den Libyern gegen Mcrenptah. Hier werdenVölkernamen genannt, welche auf die Achäer (Akaiwascha) undSardinier (Schardana) hindeuten. Ein dritter Einfall bar-barischer Völker wird erwähnt von Nordcstcn, welche nach derUnterwerfung der Hethiter zu Wasser und zu Lande gegen dieAegypter zogen. Die auf den Darstellungen der Kämpfe vor-kommenden Krieger weisen in ihrer Tracht und ihrem Typusaus die Völker des ägäischeu Meeres in der mykenischen Epoche.Die Schilderungen in der Jlias mögen sich theilweise auf Er-lebnisse in diesen Kriegen gründen. Nach diesen Kämpfen be-ginnt der Verfall der mykenischen Cultur. Der Vortragendeweist darauf hin, daß wohl auch die Philister hellenischen Ur-sprungs sind. Die Gestalt und das Auftreten des NiesenGoliath erinnern ganz an die homerischen Helden. Den lehr-reichen Vertrag illustrirtc Pros. Furiwäugler durch eine großeReihe von Lichtbildern, durch welche den Anwesenden die reichemhkcmsche Cultur und deren Wechselbeziehung zur ägyptischenklar vor Augen trat. Pros. Ranke dankte im Namen der Ge-sellschaft für den interessanten und lehrreiche» Vertrag.

Recensionen und Notizen.

Homilien über die festtäglichen Evangelien deSKirchenjahres von Alois Welcher, bischöfl. Wall-fahrtsdirektor. Keuchten, Kösel 1695.

I-. Wer den Verfasser, der vor einigen Jahren aus demZeitlichen geschieden ist, gekannt hat, weiß, welch einfacher, be-scheidener und eifriger Priester er war. So, wie seine Person,waren auch seine Predigten, von welchen ein Theil hier ge-geben wird. Beim Lesen derselben wird man erinnert an dasWort des hl. Paulus: Meine Reden und Predigten bestandennicht in überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern inErweisungen deS Geistes und der Kraft, damit euer Glaubenicht auf Weisheit der Menschen, sondern auf Gottes Kraftberuhe. 1. Kor. 2, 4. 5. Die Homilien über die sonntäglichenEvangelien sind schon früher erschienen und vom literarischcnHandweiser günstig rccensirt worden. Die FesttagSbcmilienverdienen wohl dieselbe Kritik. Fern von aller Effekthascherei,geben sie das Wort Gottes einfach und klar mit unzesuchtenAnwendungen aus das tägliche Leben und dürsten gerade deß-halb nicht ohne Segen bleiben.